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Fünf Erotikromane, die dem schlechten Ruf des Genres gerecht werden

Anscheinend sind die schablonenhaften Charaktere sowie lieblose Sexszenen das Erfolgsrezept der Erotikroman-Autoren

Fünf Erotikromane, die dem schlechten Ruf des Genres gerecht werden 1. November 20161 Comment

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Sex sells. Schaut man sich die Bestsellerlisten an, so merkt man, dass sich auch der Buchmarkt vollends auf dieses Motto eingestellt hat und momentan so richtig aufblüht. Und das obwohl man in diesem Genre oft das Gefühl hat, handlungsmäßig ein permanentes Déjà-Vu zu erleben. Nicht zuletzt weil E.L. James mit Fifty Shades of Grey den Erotikbuchmarkt nachhaltig geprägt hat, wollen nun auch viele andere AutorInnen ein Stück vom Kuchen haben. Dem Hype um Erotikliteratur scheint dies aber trotzdem keinen Abbruch zu tun, deshalb wird dem Leser immer wieder dieselbe seichte Storyline vor die Füße geworfen:

Naives, natürlich jungfräuliches Mädchen trifft Bad Boy á la Halbgott Christian Grey, der in Geld schwimmt und selbstredend höllisch sexy ist. Es bedarf nur weniger Blicke und beide werden vom Sturm der Gefühle erfasst und können nicht mehr ohne einander leben. Gespräche werden zumeist überbewertet, weshalb es also nicht lange dauert, bis die beiden miteinander in die Kiste hüpfen. Der Mann entpuppt sich schließlich — wie soll es anders sein — als das dominante Alphamännchen, das nur so agiert, weil es irgendwelche seelischen Probleme zu überwinden hat. Wird gerade nicht gefickt (und ja dieses Wort liest man sehr oft), wird vermutlich wegen irgendeiner Lappalie gestritten, um im Anschluss wieder den horizontalen Mambo zu tanzen. Zum Schluss wird dem Leser dann noch schnell eine dramatische Wendung um die Ohren gehauen, damit dieser sich auch ja die fünf Folgebände kauft.

Klar, Erotikromane sollen der Unterhaltung dienen und wer sich darauf einlässt, erwartet sicherlich keine Weltliteratur. Jedoch sollte man sich für sein Geld ein wenig Abwechslung (und das nicht nur in Form von Stellungswechseln) erwarten können. Doch anscheinend sind genau die schablonenhaften Charaktere sowie lieblose Sexszenen das Erfolgsrezept der Erotikroman-AutorInnen. Nicht nur, dass man bei den nachfolgenden Büchern förmlich fühlen kann, wie mit jedem gelesenen Satz die IQ-Punkte dahinschrumpfen, vermitteln diese auch noch ein unrealistisches Frauenbild. Dass solche Romane hauptsächlich von Frauen geschrieben werden, ist eigentlich fast nicht zu glauben. Obwohl dieses Genre auch mit durchaus guten Geschichten aufwarten kann, sind es diese fünf inhaltlich eher fragwürdigen Erotikromane, die den Markt anführen.

1. Calendar Girl von Audrey Carlan

Mia braucht dringend Geld. Ihr Vater, ein Trinker und Spieler, hat sich bei Mias Ex-Freund eine Million Dollar geliehen, um seine Spiel- und Alkoholsucht auszuleben und kann diese nicht zurückzahlen. Ein Schlägertrupp prügelt ihn schließlich ins Koma und Mia fühlt sich verpflichtet, das Geld aufzutreiben. Wie gut, dass sich just dann ihre Tante meldet, die zufällig eine Escort-Agentur führt und Mia dort einen Job als Escort anbietet. Diese verliebt sich natürlich sofort gnadenlos in ihren ersten Kunden Wes, was sie aber nicht davon abhält, sich mit den darauffolgenden Kunden ausgiebig zu vergnügen. Generell ist jeder Kunde wahnsinnig gutaussehend, bestückt wie ein Pferd und genau Mias Typ. Hat dieses Mädchen ein Glück! Da überlegt man sich ja fast schon selber ins Escort-Geschäft einzusteigen. Calendar Girl kommt zwar mit einer etwas innovativeren Idee daher, jedoch sind die Umstände mehr als unrealistisch. Mit Sätzen wie “Sie trug eine weiße Bluse, die so weich wie Seide war, was vermutlich daran lag, dass es Seide war.” katapultiert sich die Autorin mit ihrem Schreibstil selbst ins Aus.

2. After von Anna Todd

An ihrem ersten Tag an der Uni trifft Tessa, die eigentlich einen Freund hat, den Außenseiter und Bad Boy Hardin. Die beiden können sich nicht ausstehen, ziehen sich aber gegenseitig magisch an. Schließlich betrügt Tessa ihren Freund und geht dann doch eine Beziehung mit Hardin ein, die von einem Streit in den nächsten überläuft. Hardin rastet wegen jeder Kleinigkeit aus, zerstört das Mobiliar und wirft mit Geschirr um sich, doch Tessa scheint sich daran nicht wirklich zu stören — dafür sieht Hardin nämlich zu gut aus. Das gern gewählte Mittel zur Konfliktbewältigung: Sex. So entwickelt sich Tessa mit der Zeit vom jungfräulichen Mauerblümchen zur Sexgöttin. Wie schön. After, die Buchreihe mit einem etwas gewagten Namen für einen Erotikroman, hat also vollends im Klischeebingo zugeschlagen. Nach diesem seichten Auftakt fragt man sich, wie die Autorin noch weitere sechs Bände damit füllen konnte, denn diese Reihe ist wortwörtlich für’n Arsch!

3. Crossfire von Sylvia Day

An ihrem ersten Arbeitstag in einer Werbeagentur stößt die schöne Eva mit dem Inhaber dieser, dem mächtigen und attraktiven Gideon Cross, zusammen und schon ist es um die beiden geschehen. Er will sie und sie will ihn — das übliche Spiel eben. Eva weiß instinktiv, dass sie die Finger von ihm lassen sollte, gibt ihrem unbändigen Verlangen dann aber schließlich doch nach. Bereits bei ihrem ersten “Date” geht’s auch schon ordentlich zur Sache. Wenn sie gerade keine Erwachsenen-Pyjama-Partys feiern, gehen die beiden auf Galadinners, bei denen auch überall nur wunderschöne und reiche Menschen anzutreffen sind. Um die Geschichte dann doch noch ein wenig spannend zu machen, kommen Stück für Stück ihre dunklen Geheimnisse ans Tageslicht. Eva erzählt Gideon, dass sie als Kind vergewaltigt wurde und ihr Stiefvater Schweigegeld gezahlt hat, damit die Vergewaltigung nicht an die Öffentlichkeit gelangt und die Familie dadurch nicht beschämt wird. Als natürliche Reaktion darauf steigen die beiden wieder zusammen in die Kiste. Geht’s eigentlich noch? Nicht nur, dass Crossfire wie ein noch billigerer Abklatsch von Fifty Shades of Grey wirkt, nein, das Buch schafft es auch noch, richtig zu empören. Ein klarer Fall für’s Altpapier.

4. Royal von Geneva Lee

Die superschlaue Clara lernt auf ihrer Abschlussfeier der Universität Oxford einen Mann kennen. Irgendwann wird sie von ihm geküsst und danach einfach sitzen gelassen. Am Folgetag entdeckt sie in der Zeitung ein Bild dieses Kusses und erfährt, dass Prinz Alexander von Cambridge, der Thronfolger Englands höchstpersönlich, sie geküsst hat. Die beiden treffen sich wieder und die Geschichte nimmt seinen üblichen Verlauf. Wenn Alexander gerade nicht seinen mächtigen Prinzenprügel schwingt, wartet der künftige König mit vulgärem Vokabular und ständigen zweideutigen Anspielungen auf. Das Weibchen kann dieser geballten Ladung Testosteron natürlich nicht widerstehen und lässt sich ohne Protest von ihm unterdrücken. Emanzipation ade! Jedes Problem, das auch nur ein bisschen Potential für eine wirkliche Story hätte, wird mit Sex gelöst. Von den 448 Seiten des Buches würden nach Abzug der Sexszenen vermutlich nur mehr um die 50 Seiten übrig bleiben. Das “moderne Märchen”, das auf der Rückseite vom ersten Teil der Royals-Saga versprochen wird, kann man hier eher durch “Porno in Schriftform” ersetzen. Und welche Frage sich abschließend noch stellt: Welcher halbwegs gebildete Mensch erkennt den Thronfolger nicht?

5. Hard von Meredith Wild

Erica ist eine gestandene, taffe Geschäftsfrau und betreibt ein eigenes Internet-Startup. Als sie den Unternehmer Blake Landon trifft, wirft sie alle ihre Grundsätze über Bord und gibt sich ihrem Verlangen nach ihm hin. Blake kann alles, weiß alles und hat dazu, wie sich später herausstellt, auch noch eine Lanze von biblischem Ausmaß. Neben Bettszenen, die so prickelnd sind wie abgestandener Sekt, passiert nicht viel. Es wird weder miteinander geredet, noch kann der Leser in irgendeiner Weise nachvollziehen, warum im Buch von “der großen Liebe” gesprochen wird. Und weil so etwas in Erotikromanen ja so selten vorkommt, hat Erica auch noch ein dunkles Geheimnis. Muss unbedingt mal jemand darauf kommen — wird sicher ein echter Hit! Um dem Ganzen dann noch das gewisse Etwas zu verleihen und auf die Welle von E.L. James aufzuspringen, wird noch ein bisschen BDSM praktiziert. 352 Seiten ständige sich wiederholende Sexszenen später, fragt man sich, was Meredith Wild mit diesem Buch aufarbeiten wollte. Vielleicht hätte sich die Gute dafür eher in Therapie begeben sollen.

Antonia auf Twitter: @isleofbookx

[Foto: Malleni-Stock/DeviantArt (Schlüsselloch)/brenda-starr/Flickr (Schlüssel)/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

One comment

  1. Die Romantisierung von physisch/psychich gewaltsamen Beziehungen ist ein spannendes Phänomen.

    Zum psychischem:
    Harley Quinn und der Joker, Bella und Edward, Anakin und Padme vermitteln das Bild, dass Liebe bedeutet, sich selbst aufzugeben und nur mehr für den anderen zu existieren zu wollen. Das Endziel jeder Protagonistin im Genre ROMANTIC Comedy ist die Ehe mit dem perfekten Mann. In Filmen mit starken weiblichen Leads wird das Thema Beziehung meist ganz weg gelassen, weil es die Hauptrolle schwach macht. Das mediale Gegenteil von Powerfrau, ist Ehefrau.
    Grundsätzlich entspricht das nicht dem, was Millennials in der Schule lernen. Frauen und Männer sind gleich zu setzen, Sexisten sind Böse und ich darf mir als Mann nicht wünschen, dass meine zukünftige Frau zu Hause bleibt und die Kinder erzieht. Die Erziehung dieser Generation hätte der Durchbruch für den modernen Feminismus sein können, aber gerade diese scheinen Bella Swan, Anastasia Steele und Marla Stinger für ihre perfekten Beziehungen bzw Männer zu beneiden. Trump-Unterstützerinnen tragen T-Shirts mit der Aufschrift: “Trump can grab my p*ssy” (http://www.mediaite.com/online/trump-supporter-took-that-grab-em-by-the-pussy-comment-and-made-a-shirt-out-of-it/) und mein Gott wie oft hör ich von den Mädels in meinem Freundeskreis Witze über das “Frauen in die Küche” Klischee.

    Es macht fast den Eindruck, als hätten Frauen für die Möglichkeit ihre Meinung zu Äußern mit Blut und Schweiß gekämpft! Nur um diese zu nutzen um zu sagen: “eigentlich passts eh so, wies immer war.”

    Warum?

    Zum phsyischen will ich nur auf folgendes Ergebnis einer Studie von Christian Joyal verweisen:
    http://www.independent.co.uk/life-style/health-and-families/health-news/how-common-is-your-sexual-fantasy-9835480.html

    Sexuelle Fantasien, in denen Unterlegenheit (Submissivität) ein zentrales Element ist, sind weit verbreitet bei beiden Geschlechtern. Der Markt hat ein Bedürfnis (hehe) und das wird durch Literatur dieser Art befriedigt (haha).

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