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Fußball — zwischen Tradition und Geldgeschäft

Was ist in einer Welt zwischen astronomischen Ablösesummen und Trikotverkäufen noch an Leidenschaft für unser geliebtes Spiel übrig geblieben?

Fußball — zwischen Tradition und Geldgeschäft 1. November 20166 Comments

Ressortleiter Sport

Fußball ist der populärste Sport der Welt. Überall begeistert er Fans, zieht Massen in die Stadien und erobert im Sturm auch Lebensbereiche abseits des Spiels. Ob Lifestyle, Film oder Mode — Fußball ist omnipräsent und seine Vertreter sind weit mehr als nur sportliche Vorbilder. Der Sport ist längst zum Geschäft, Mannschaften zu Unternehmen und Spieler zu Marketingobjekten geworden. Doch was ist in einer Welt zwischen Scheichs und Oligarchen, zwischen astronomischen Ablösesummen und Trikotverkäufen noch an Leidenschaft für unser geliebtes Spiel übrig geblieben?

Bilbao, Baskenland — Wenn ein junger Spieler zum ersten Mal das rot-weiße Dress von Athletic überstreift, ist er stolz. Er fühlt Ehre und eine Verbindung zu den Farben, die er trägt. Muss er auch, schließlich ist es nur jenen Spielern gestattet, für die “Rojiblancos” aufzulaufen, die entweder aus einer der baskischen Provinzen stammen, oder die gesamte sportliche Ausbildung in einem baskischen Verein absolviert haben. Zugehörigkeit und Loyalität, die Bereitschaft alles für sein Team zu geben, prägen die Geschichte des Vereins. Vergleichbar zu Rittern kämpfen die Spieler für die Ehre ihres Wappens. Mit dieser Philosophie brachte man es auf beachtliche acht Meisterschaften und über 20 Cup-Siege und ist neben den beiden spanischen Großmächten Real Madrid und FC Barcelona der einzige dauerhaft erstklassige Verein. Tradition schlägt Geld am Ende des Tages also doch … leider falsch. Die glorreichen Zeiten der Basken liegen bereits Jahrzehnte zurück. Mit dem Double 1984 konnte Athletic Bilbao seine bisher letzten beiden Titel gewinnen. Auch wenn man sich für die Leistungen der letzten Jahre keineswegs schämen muss — 2012 stieß man in der Europa League bis ins Finale vor und auch heuer spielt man wieder international — kann man schon lange nicht mehr an alte Zeiten anknüpfen und kämpft periodenweise sogar gegen den Abstieg. Ein Meistertitel scheint unerreichbar.

Manchester, etwas weiter nördlich — Manchester City ist das exakte Gegenstück zum baskischen Traditionsverein. Eine Mannschaft, die aus zusammengewürfelten internationalen Stars besteht, einen Marktwert von über einer halben Milliarde Euro hat und kaum auf Eigenbauspieler setzt, zählt jährlich zum engeren Favoritenkreis der Premier League. Jenes Team, das jahrzehntelang als Pendler zwischen den ersten beiden Ligen galt, ist auf einmal auf Augenhöhe mit den besten Klubs der Welt. Ich will Manchester City seine Tradition nicht absprechen. Die 1880 gegründeten “Citizens” sind ein Traditionsverein, darin besteht kein Zweifel. Sogar den Meisterschaftspokal durfte man bereits im vergangenen Jahrhundert stemmen — einmal in den 30er- und ein zweites Mal in den 60er-Jahren. Allerdings gibt es zwei große Faktoren, die einen Fußballklub für Fans sympathisch machen. Auf der einen Seite gibt es da den lokalen Faktor — man unterstützt tendenziell das Team der eigenen Stadt — und auf der anderen Seite Erfolge, auf welchen die ruhmreiche oder weniger ruhmreiche Vereinsgeschichte basiert. In beiden Fällen stünde “Man City” eigentlich nicht schlecht da. Durch das Geld feiert man sportlich Erfolge und Manchester ist eine relativ große Stadt, die einige potentielle Anhänger bietet. Hätte man da nicht einen der populärsten Sportvereine auf diesem Planeten direkt um die Ecke. Und auch wenn Manchester seit dem Anfang dieses Jahrzehnts sportlich gesehen keine “One Team City” mehr ist, die Dominanz der United-Gefolgschaft bleibt unangefochten. Während die “Red Devils” selbst bei Vorbereitungsspielen im Ausland Stadien füllen, bleiben die Ränge des Etihad Stadiums sogar bei Champions-League-Matches leer. Für United ist das wichtigste Spiel der Saison weiterhin nicht das Stadtderby, sondern das Aufeinandertreffen mit dem Erzrivalen FC Liverpool, selbst wenn dieser sportlich nicht mehr zu den ganz großen Teams der Liga gezählt werden sollte. Solange Eigentümer Mansour bin Zayed Al Nahyan nicht die Lust an seinem Spielzeug verliert, wird Manchester City in mittelfristiger Zukunft aber weiterhin regelmäßig Titel einfahren. Freuen wird sich darüber zwar keiner, doch das ist nebensächlich.

Wir bleiben in Manchester, wechseln aber zum Stadtrivalen. Auch dieser baut schon lange nicht mehr ausschließlich auf die eigene Akademie. Zwar schaffen es immer wieder Burschen, wie zuletzt Marcus Rashford, aus der Jugend zu den Profis, nur selten können diese sich allerdings langfristig gegen gestandene Stars durchsetzen, die mit lukrativen Spielerverträgen auf die Insel gelockt werden. Bestes Beispiel ist die Tranfergeschichte rund um Paul Pogba, die so absurd ist, dass man sie als unrealistisch bezeichnen könnte … wäre sie nicht real. Seit dieser Saison verdient der teuerste Fußballer aller Zeiten seine (ziemlich teuren) Brötchen wieder bei Manchester United. Ist der Franzose überbewertet? Ich würde sagen: Nein. Pogba ist einer der vielversprechendsten Spieler der Welt und hat in seinem jungen Alter schon unglaubliche Qualitäten in vielen Bereichen des Spiels. Als ein herausragendes Talent mit viel Potential wird er auch gesehen — nicht mehr und nicht weniger. Niemand stellt den Spielmacher auf eine Ebene mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Die andere, viel berechtigtere Frage ist, ob eine derart hohe Ablösesumme auch nur im Ansatz gerechtfertigt ist. Auch hier bin ich auf Pogbas Seite. Damit möchte ich derartige Unsummen nicht gutheißen und den Ex-Juve-Star auch nicht überhypen, sondern lediglich den Einkauf für Manchester United als gelungen bezeichnen. Fußball ist zum Geschäft geworden, Ablösesummen können nicht mit Wechsel aus der Vergangenheit verglichen werden. (Die von Real Madrid überwiesenen 73,5 Millionen Euro, um Zinédine Zidane von Juventus loszulösen, hielten lange Zeit den Transferrekord. Heute erscheinen sie fast spöttisch, vergleicht man sie mit Irrsummen wie jener, die der italienische Meister für Gonzalo Higuaín hinblättern musste.) Dass es bei Topspielern mit laufenden Verträgen keine “Schnäppchen” mehr gibt, sollte also klar sein. Da ganz Europa den Franzosen anheuern wollte, ist die Erhöhung des Preises auch nachvollziehbar, denn für Manchester United ist Pogba mehr als nur ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Nach nur drei Wochen bestätigte Adidas, dass der Umsatz durch Pogba-Dressen die 200-Millionen-Euro-Marke geknackt habe. Von diesen Umsätzen fließt natürlich nur ein kleiner Teil direkt in die Vereinskasse, es spiegelt aber gut wider, wie beliebt der 23-Jährige ist. Dessen bloße Präsenz zieht die Aufmerksamkeit auf die Mannschaft, die für ihre hohen Ansprüche gerade ein kleines Tief überstehen muss. Pogba ist jung, cool und sympathisch, kommt abseits des Platzes gut an und kehrt als gemachter Mann zurück in das “Theatre of Dreams”. Sein erfolgreicher Abstecher nach Italien wird im Nachhinein als Etappe gesehen, im Herzen hatte er ohnehin immer nur “Man U”. Dass der Wechsel schon damals aus rein finanziellen Gründen stattfand, wird dabei totgeschwiegen. Pogba soll 2012 ein Wochengehalt von fast 60.000 Euro gefordert haben — immerhin ein stolzes Fünftel seines jetzigen Einkommens. Das war United zu viel und zwang den “bemittleidenswerten” damals 19-Jährigen praktisch dazu, sein geliebtes Manchester schweren Herzens zu verlassen, um sich ein weiteres Traumauto leisten zu können. Vier Jahre später ist der bestbezahlte Premier-League-Spieler zurück — natürlich nur aus Liebe zum Verein. #pogback

So banal es auch klingt, die Welt des Fußballs ist nicht mehr dieselbe. In Vertragsverhandlungen verhalten sich Spieler wie Diven und man kann es ihnen nicht einmal übel nehmen. Mit der Veränderung des Sports haben sich aber auch die Ansprüche der Fans geändert. Wenn es um die neureichen Fußballvereine geht, die liebevoll “Kommerzklubs” genannt werden, wird an negativer Kritik nur selten gespart. Landet der eigene Herzensverein allerdings keinen Coup während eines Transferfensters, drückt der Fußballfan seinen Unmut ebenfalls ohne zu zögern aus. Unbewusst ist beinahe die gesamte Fußballgemeinschaft längst ein Teil dessen geworden, was sie so verachtet. Unbewusst wird der Fußball als das akzeptiert, was er geworden ist — ein Geschäft.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Illustration von kultort.at]

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