International Politik

Hillary Clinton ist die bessere Wahl — aber auch eine gute?

Hätten die Republikaner einen ernstzunehmenderen Kandidaten, würden die derzeitigen Umfragen wohl nicht auf einen Sieg von Clinton hindeuten

Hillary Clinton ist die bessere Wahl — aber auch eine gute? 1. November 20165 Comments

Ressortleiter Popkultur

Der Wahlkampf steht kurz vor dem Ende und allerspätestens seit der dritten Präsidentschaftsdebatte vor rund zwei Wochen stellen sich viele Menschen die Frage: Wie kann es sein, dass Trump noch immer im Rennen um das mächtigste Amt der Welt ist? Hat er schon gegen alle Erwartungen den Vorwahlkampf der Republikaner gewonnen, so schafft er es, trotz aller Eskapaden und (eigentlich) selbstzerstörerischer Aussagen, einen fast ebenbürtigen Wahlkampf gegen Hillary Clinton zu führen. Bestimmt ist der politische Diskurs heutzutage ein völlig Neuer — ein Diskurs, in dem rassistische und untergriffige Sprüche zur Tagesnorm zählen und sogar bei vielen WählerInnen gut ankommen, weil der Kandidat ja sagt, was sich die Leute denken. Kommt uns ÖsterreicherInnen das nicht irgendwoher bekannt vor?

Doch dieser Diskurs allein erklärt nicht das politische Phänomen, dass ein Sexist und Rassist wie Donald Trump solch einen politischen Erfolg einfahren kann. Weil Trump sowieso jeden Tag in allen Tageszeitungen und Fernsehsendern die gewünschte mediale Präsenz erntet, widmen wir uns heute lieber seiner Kontrahentin, Hillary Clinton. Denn genau aus ihrem politischen Auftreten und Handlungen folgt ein Erklärungsmuster, wieso Donald Trump noch immer Chancen auf das präsidiale Amt der USA hat.

Darf man Umfragen trauen, waren beide Kandidaten der Großparteien noch nie so unbeliebt, wie es 2016 der Fall ist. Hat man die Auftritte in den drei Debatten gesehen, so vermehrt sich der Eindruck, dass die Diskussionen gewisse Ähnlichkeiten zu Talkshows aus den 1990er- und 2000er-Jahren haben, in denen eskalierende Streitigkeiten zur Belustigung des Publikums inszeniert wurden. Deswegen bieten der Wahlkampf und insbesondere die Debatten auch viel Stoff, um den schrägsten Präsidentschaftswahlkampf aller Zeiten auf‘s Korn zu nehmen. Saturday Night Live glänzt in etwa dadurch, dass Alec Baldwin und Kate McKinnon die beiden Kandidaten derart gut hinsichtlich Mimik, Gestik und Aussagen imitieren, sodass die Unterscheidbarkeit der Parodien von den echten Debatten nur der Moderation von Tom Hanks geschuldet ist.

Auch die 20. Staffel von einer weiteren TV-Serie schlägt aus diesem Wahlkampf Kapital. Für South Park ist der katastrophale Auftritt beider Kandidaten ein gefundenes Fressen zur Umsetzung einer der besten Staffeln der amerikanischen Kultserie überhaupt. Grundsätzlich wird Trump zwar nicht gezeigt, jedoch ist bei South Park der Widersacher von Clinton der altbekannte Lehrer Mr. Garrison. Eigentlich homosexuell, einmal zur Frau operiert und wieder zurück, arbeitet er sich mit Abneigung gegen illegale Immigranten zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten hinauf. Dabei durfte natürlich der Wahlslogan “Make America Great Again” auch nicht fehlen. Sogar der karottenähnliche Teint passt hervorragend zu South Parks Version von Donald Trump. Obwohl Mr. Garrison versucht, durch abstruse und masochistische Aussagen die Wahl absichtlich zu verlieren, gewinnt er genau dank dieser Wählerstimmen dazu: “This guy just tells what we’re thinking, he doesn’t give a shit.”

Dem gegenüber Hillary Clinton. Sie bekommt zwar von South Park weniger Breitseiten als ihr Widersacher, jedoch wird ihre einstudierte und verkrampfte Art bei den Debatten schon auch das ein oder andere Mal ins Lächerliche gezogen. Beschimpft nun Mr. Garrison die gesamte Wählerschaft, antwortet Clinton darauf, seine Aussagen bloß nicht als wahr abzutun, wie von ihren Wahlkampfleitern im Vorhinein verordnet. Herrlich wird die eingeübte, nicht authentisch wirkende Inszenierung Clintons in South Park immer wieder betont. Ach, wie ich mich schon auf die nächsten Folgen freue!

Nun aber wieder zurück in die gegenwärtige Realität. Der politische Werdegang Hillary Clintons ist weitbekannt — ehemals First Lady in der Ära ihres Ehemanns, Bill Clinton, dann im Senat und schließlich wurde sie in der zweiten Amtsperiode von Barack Obama zur Außenministerin befördert. Als die nun 69-Jährige ihre Kandidatur 2015 ankündigte und nur knapp bei den Vorwahlen gegen den Underdog Bernie Sanders gewann, war ein Novum in der US-amerikanischen Wahlgeschichte perfekt. Eine Frau ging als Siegerin der Vorwahlen hervor. Nach 240 Jahren war es aber auch mal Zeit dafür!

Ihr Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt Amerikanerinnen neue Hoffnung, die Stärkung der Frauenrechte durchzusetzen. Gottleidiges Thema hierbei ist natürlich — wie in jedem Wahlkampf — die Thematik über die gesetzliche Legalität von Abtreibung. Gegen die ultrakonservativen und erzchristlichen Haltungen, dass Abtreibung Kindesmord sei und somit einer Blasphemie gegen die gottesmächtigen Vereinigten Staaten gleichkomme, bemüht sich Hillary Clinton, dieses eigentlich fundamentale Recht zur Selbstentscheidung für jede Amerikanerin durchzuringen. Darüber hinaus vertritt sie noch weitere Interessen für Geschlechtergleichheit, die essenziell für das Erreichen einer gerechteren Gesellschaft sind.

Des Weiteren konnte sie im Vorwahlkampf vor allem dank der Stimmen der afroamerikanischen Bevölkerung Bernie Sanders in Schach halten. Auch gegen Trump sind ihr die Stimmen dieser Wählergruppe als auch die der hispanischen und weiblichen Wählerschaft so gut wie sicher. Der Republikaner wird durch seine Aussagen wohl kaum bei diesen Wählerschichten punkten können. Ob sie aber wirklich die rassistische Ader der US-amerikanischen Polizei und Justiz in den Griff bekommt, lässt sich bezweifeln. Wie sollte dies einer meist einstudiert und verkrampft Wirkenden gelingen, wenn nicht einmal Barack Obama mit seinem Rockstar-artigen Charisma diese Problematik in den Griff bekam?

Außerdem wird das politische Standing der Demokratin auch durch Clintons Nähe zur Wall Street erschwert. Zwar kann sie durch den Ruck in die politische Mitte durchaus gemäßigte, republikanische WählerInnen für sich gewinnen, jedoch riskiert sie damit, ihre demokratischen Grundprinzipien mit jenen der Wall Street zu ersetzen. Hinzu kommt noch ihr Streben, Steuerflucht zu bekämpfen, obwohl sie gleichzeitig in Delaware, der Steueroase in den USA, etliche Millionen gebunkert hat — ein absolutes No-Go für eine Kandidatin der demokratischen Partei. All das kostet ihr Vertrauen bei der Wählerschaft und dieser Effekt zeigt sich auch vor allem bei den Umfragen, in denen Trump bei weißen Unterschichtsfamilien hohe Zulaufquoten hat.

Und dann wäre da noch diese eine E-Mail-Affäre, bei der sie ihren privaten Mail-Account für dienstliche Zwecke nutzte. Diese Fahrlässigkeit kostete ihr beinahe die Präsidentschaftskandidatur.  Nachdem das FBI sie zwang, diese E-Mails zu archivieren, war der Posteingang Clintons plötzlich um 30.000 Nachrichten leerer. Nun mischt sich auch WikiLeaks in diese Affäre mit ein und streut sogar noch mehr Salz in eine ohnehin schon viel zu offene Wunde. Es besteht der Verdacht, dass Clinton im Austausch für die ein oder andere politische Gefälligkeit auch die ein oder andere Spende mehr für ihre Clinton Foundation entgegennahm. Und wie reagiert sie auf diese Vorwürfe? Einfach nur mit einem ironischen Lächeln, ohne die Anschuldigungen zurückzuweisen oder sich dafür zu entschuldigen.

Größter Kritikpunkt ist aber ihr außenpolitischer Stil. Denn während Barack Obama oft Diplomatie einem militärischen Eingriff vorzog, so gehörte Hillary Clinton bisher meistens zu den Hardlinern der demokratischen Partei. 2003 befürwortete sie als Senatorin den Einmarsch in den Irak, 2011 überredete sie Obama zu der Intervention in Libyen und auch in Syrien spricht sie sich für eine Flugverbotszone aus. Eine solche Flugverbotszone erhöht jedoch die Gefahr für eine militärische Konfrontation mit Moskau. Vor allem in Syrien ist Vorsicht geboten, da mittlerweile viele verschiedene Länder in den Bürgerkrieg involviert sind. Jedes davon verfolgt eigene machtpolitische Interessen und demnach ist es auch schwer, zu einem politischen und diplomatischen Ausgleich zu kommen. Provokation ist jedoch der komplett falsche Weg, um diesen bewaffneten Konflikt zu beenden.

Zwar bietet Clinton viele Angriffsflächen — sei es ihr Auftreten, die E-Mail-Affäre oder ihr außenpolitischer Stil. Aber egal, wie sehr sie zu kritisieren ist, Donald Trump beweist in allen essenziellen Themen durch seine politische Ahnungslosigkeit, dass die bessere Wahl  immer noch Hillary Clinton ist. Hätten die Republikaner einen ernstzunehmenden Politiker als Kandidaten, würden die derzeitigen Umfragen wohl nicht auf einen Sieg von Hillary Clinton hindeuten.

Christian auf Twitter: @ch_haslinger9

[Foto: Lorie Shaull/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

Ressortleiter Popkultur

5 comments

  1. Ich glaube ebenfalls ausschlaggebend für die große Unbeliebtheit der Demokratin ist ihre Unglaubwürdigkeit:

    Als Präsident der USA ist man quasi oberster Entscheidungsträger und ich denke, dass Kandidaten immernoch vorwiegend aufgrund ihrer politischen Einstellung und ihren Werten gewählt werden. Werte, von denen man hofft, dass sie bei der Entscheidungsfindung eine vordere Rolle spielen.

    Genau deswegen verstehe ich auch die Skepsis der US-Amerikanischen Bürger gegenüber Clinton. Von den Seilen der Lobbies gezogen, ändert sie ihre Meinung fast täglich.

    Trump hingegen ist ehrlich. Manchmal vielleicht sogar zu ehrlich. Und seine Werte sind mehr als fragwürdig.

    Die Frage ist nur, ob man lieber einen nahezu ehrlichen Kandiaten mit falschen-, oder einen falschen Kandidaten mit nahezu ehrlichen Werten bevorzugt.

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