Zwei Jahre nach ihrer Trennung — so geht es den “Heatles” heute

Healtes_Big Three

Vor sechs Jahren entschieden sich zwei Typen dazu, ihre Talente in einen Koffer zu packen, zu ihrem Buddy nach Miami zu fliegen und den Beginn eines neuen NBA-Zeitalters einzuleiten. Unzählige verbrannte Cavs-Shirts, vier Finaleinzüge, zwei Meistertitel, eine triumphale Rückkehr, ein Abgang saurer als eine Essigwurst und ein immer wieder auftauchendes Blutgerinnsel später sieht es nun danach aus, als ob auch das letzte verbliebende Mitglied der sogenannten “Big Three” nie wieder in einem Heat-Trikot den Court betreten wird. So lautet die Geschichte von LeBron James, Chris Bosh (die beiden Typen) und Dwyane Wade (der Buddy), die für vier Jahre wie eine Rockband gemeinsam durch die Staaten cruisten. Ach, ich vermisse die “Heatles”.

Die neue Saison ist erst ein paar Tage alt und auch wir von kultort.at werden uns in den kommenden Wochen und Monaten noch genügend mit den aktuellen Geschehnissen der besten Basketballliga der Welt beschäftigen. Da mich persönlich die “Big Three”-Ära der Heat als Basketball-Fan mehr als jede andere NBA-Periode prägte (Stichwörter: Heat-Thunder, 3 Uhr nachts, mündliche Matura am Tag darauf), gehen wir zwei Jahre nach dem Ende des James-Wade-Bosh-Trios allerdings zuerst mal folgenden drei Fragen nach.

Wie geht’s LeBron?

Angenommen man verwendet die Redensart “auf Wolke sieben schweben, ”wenn es einer normal menschlichen Person ausgezeichnet geht, dann befindet sich LeBron James wohl gerade auf “Wolke 23”. Obwohl der viermalige MVP mit den Cleveland Cavaliers nach einer der besten Final-Performances aller Zeiten — dieser Block! — als Titelverteidiger in die neue Saison startet, ist Golden State der unumstrittene Topfavorit. Sollten die Cavs den erneuten Finaleinzug schaffen? Ohne Frage. Denn wer in der Eastern Conference immer noch gegen James tippt (sechs erreichte Finalserien in den letzten sechs Jahren), dem sollte es gesetzlich verboten werden, auch nur einen weiteren Schritt in ein Wettbüro zu setzen. Ein gewisser Druck lastet somit zwar schon auf den Schultern des 31-Jährigen, aber sicherlich um einiges weniger, als auf jenen von Kevin Durant, Stephen Curry, Draymond Green und Co. Von dem neuen Superteam fordern Warrios-Fans dieses Jahr nicht nur, weniger Mundschutze zu werfen und auf jeden Fall weniger Tritte in erogene Zonen zu verpassen, sondern die Championship wieder zurück nach Kalifornien zu holen.

In Bezug auf die heurige Version der Miami Heat wird sich James das ein oder andere Schmunzeln wohl ebenfalls nicht verkneifen können. Denn nur ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt uns eindeutig, wer der wichtigste Spieler der “Big Three” war und wie es den Heat vor und nach dem “King” ging. (Anmerkung: Die Saisonen mit James sind rot gekennzeichnet.)

Heat mit und ohne James

James geht es also bestens, aber wie läuft’s bei Wade?

“Dwyaaaaane Waaaaaade!!!!!” Für 13 Spielzeiten schallte dieser Ruf des Stadionsprechers durch die Hallen der American Airlines Arena — bis heuer, denn seit dieser Saison gehört Wade zu den … Chicago Bulls? Klingt komisch, ist es auch. Die Gründe dafür sind aber eigentlich recht simpel. Der 34-Jährige forderte einen Zweijahresvertrag im Wert von rund 48 Millionen US-Dollar, Teampräsident Pat Riley wollte die 41,5-Millionen-Marke aber nicht überschreiten. Der Shooting Guard weigerte sich daraufhin, einen Kompromiss mit Riley einzugehen, da Dwyane bereits 2010 gemeinsam mit James und Bosh auf eine Menge Geld verzichtet hatte, um den Coup aus finanzieller Sicht überhaupt zu ermöglichen. Wade sah seine Pflicht als getan an und bestand nun auf sein persönliches “Kobe-Abkommen” — ein sogennanter Belohnungsvertrag, der nicht als Investition in die Zukunft gesehen wird, sondern als dankende Geste für bereits erbrachte Leistungen. Wenn es um solche respektzollenden Vereinbarungen geht, ist Riley aber eiskalt wie Al Pacino in Der Pate: “Move on with no blood or tears. Just thanks.” Und schon war Wade auf seinem Weg nach “Chi-Town”.

Dem fünften Pick des 2003-Drafts geht es also grundsätzlich nicht schlecht. Drei Ringe hat er sowieso schon, diesen Sommer bekam er seinen wohlverdienten neuen Vertrag und konnte dabei seinen Wechsel nach Chicago in den Medien auch noch als emotionale Rückkehr in seine Geburtsstätte porträtieren. Aber irgendwo in Wade steckt sicher noch ein Ehrgeizling und aus sportlicher Perspektive wirft die derzeitige Situation in Chicago mehr Fragen auf als ein Uni-Aufnahmetest für Medizin.

Der Trend der heutigen Liga geht in eine ganz klare Richtung: Weniger Würfe aus der Mitteldistanz und dafür mehr hochprozentige Dreipunkteschützen in den eigenen Reihen. Gar Forman, General Manager der Bulls, entschied sich aber dazu, mit Wade und Point Guard Rajon Rondo zwei extrem unterdurchschnittliche Dreier-Shooter zu einer Franchise hinzuzufügen, die in den vergangenen vier Jahren — mit Ausnahme der letztjährigen Trefferquote — im Vergleich zu den anderen 30 Teams ohnehin schon als ein bestenfalls durchschnittliches Dreipunkteteam galt.
3er-Stats der BullsDass sich diese Werte mit den Verpflichtungen von Wade und Rondo drastisch verbessern, kann stark bezweifelt werden. In seiner zehn Jahre langen Karriere konnte Rondo nur 28,9 % seiner Dreier verwerten, während Wade in der vergangenen Saison sogar nur katastrophale 15,9 % von hinter der Dreipunktelinie traf. Im Vergleich dazu betrug der Durchschnitt der gesamten Liga letztes Jahr laut Basketball Reference 35,4 %. Gemeinsam mit All-Star-Forward Jimmy Butler, der ebenfalls lieber aus näherer Distanz wirft, werden die drei versuchen, so oft wie möglich zum Korb zu ziehen. Gegnerische Verteidungen werder daher gegen Chicago die Dreierlinie einfach ignorieren und versuchen, den Raum rund um den Korb so stark wie möglich abzudichten.

Und wer denkt, dass die beiden Neuzugänge mir nichts, dir nichts zu funktionierenden Teamkollegen, geschweige denn Freunden werden, der sollte sich an die sehr unterhaltsame Heat-Celtics-Rivalität zurückerinnern.

James geht es also bestens und bei Wade läuft’s so lala, aber wie steht es eigentlich um Bosh?

Chris Bosh geht es ziemlich schlecht. Nein, verdammt schlecht! Ende September gaben die Heat bekannt, dass der 32-Jährige einen Gesundheitstest aufgrund eines Blutgerinnsels in der Lunge nicht bestand und somit keine Spielerlaubnis der Teamärzte bekam. Dies ist nun schon das dritte Jahr in Serie, in dem Bosh mit dieser gefährlichen Erkrankung zu hadern hat. Trotz der Tatsache, dass er laut eigenen Aussagen immer noch höchst motiviert auf ein Comeback ist, sieht es danach aus, als ob der elfmalige All-Star nie mehr für ein NBA-Team auflaufen wird.

Pat Riley — ihr wisst schon, der eine eiskalte Godfather — verkündete auch schon, Bosh nach dem 1. März 2017 zu entlassen. Warum erst im März? Weil der zweimalige Champion so aufgrund des Reglements dafür disqualifiziert wäre, in den kommenden Playoffs für ein anderes Team zu spielen. Typisch Riley.

Nach einem Sommer, in dem mit Tim Duncan, Kobe Bryant und Kevin Garnett bereits drei Legenden in hohem Alter ihre Sneakers endgültig an den Nagel hängten, fühlt es sich einfach nicht richtig an, dass Bosh dazu gezwungen wird, ebenfalls der Liga Ade zu sagen. Und dass, obwohl er sicherlich noch mehrere Jahre einer der besten Big Men in der gesamten Association sein könnte. Falls dies allerdings tatsächlich das Ende der Karriere von Bosh bedeutet, sollten wir uns doch in Erinnerung behalten, welcher der “Heatles” für eine große Zahl der allerwichtigsten Aktionen während ihrer vier Jahre langen US-Tournee verantwortlich war.

Egal, ob der gebürtige Texaner noch einmal bei einem anderen Team unterzeichnet, welches dazu bereit wäre, das gesundheitliche Risiko Boshs einzugehen oder aber keine einzige Minute mehr spielt — Chris Bosh ist mit einem Karriereschnitt von 19,2 Punkten, 8,5 Rebounds und einer Spielereffektivitätswertung von 20,6 (Durchschnitt: 15,0) in rund 900 Spielen ohne Zweifel ein zukünftiger Hall-of-Famer. Und als solcher sollte er uns auch in Erinnerung bleiben.

[Foto: Keith Allison/Flickr (Wade)/Flickr (James)/Flickr (Bosh)/CC BY-SA 2.0/Illustration von Simon Eder]

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