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Die Briefkasten-Story: 30 Tage als gelber Bote

Die Briefkasten-Story: 30 Tage als gelber Bote 7. November 20161 Comment

stv. Ressortleiter Popkultur

Sie handeln wie Schatten im Hintergrund, sind die Hüter eurer Geheimnisse und die Überbringer von Gut und Böse. Nein, es handelt sich nicht um Engel oder so etwas wie Halbgötter — auch wenn man den griechischen Boten Hermes oft damit assoziiert. Also, ich löse auf: Es geht um den guten alten Postler. Denn auch wenn man ihn wahrscheinlich nicht oft zu Gesicht bekommt, er weiß mehr über euch, als euch lieb ist.

Nun gut, er weiß jetzt nicht so viel, dass man ihn anzeigen oder ihn als Stalker bloßstellen könnte. Aber er kennt dich eben, obwohl du vermutlich nicht mal weißt, ob er ein Kerl oder eine Frau ist. Wieso solltest du ihn auch kennen? Er ist ja nur der Idiot, der dir deine (für dich sowieso nicht wichtigen) Mitteilungen in den Schlitz steckt. Nein, er ist nicht dein Exfreund — er ist dein Postler. Aber was macht nun so ein Postbote wirklich? (Also außer den üblichen Klischees wie Nachbarn schwängern und mit einem Affenzahn in engen Gassen das Postmobil lenken.)

Zu Beginn aller Gezeiten muss er mal aufstehen. Denn das ist wirklich eine der schlimmsten Seiten am Amt des Postmanns bzw. der Postfrau. Und es gibt verdammt viele schlimme Seiten. Diese Uhrzeit ist so unmenschlich, dass man seinen Wecker am liebsten gegen die Wand schleudern würde. Nein wirklich, sie ist sogar so unmenschlich, dass es einem ohne Scheiß passieren kann, den Kaffee ins Müsli zu schütten oder sich die Zähne mit Gesichtscreme zu putzen. Und dann muss man auch noch mit dem Auto zur Arbeit. Gut, das kann einen natürlich aktivieren und den Start in einen guten Tag symbolisieren. Ich sage euch dennoch, wenn um die Uhrzeit nicht so wenig Verkehr herrschen würde, dann würde die einzige Symbolik ein Totalschaden am Vehikel und eine traumatische Abneigung gegen das frühe Aufstehen bedeuten. Nun gut, gegen diese Problematik kann man im Halbschlaf sowieso nur bedingt ankämpfen, und deswegen schafft man es dann irgendwie doch in die Dienststelle, in der es schon nach tonnenweise Papier und dem plastischen Geruch von Polypropylen duftet. Naja, riecht früh morgens wahrscheinlich trotzdem besser als der Mundgeruch der langjährigen Freundin, aber angenehm ist’s trotzdem nicht.

Das Gebäude ist beachtlich groß, die Mitarbeiter wurlen wie die Bienen in ihrem Stock durch das Zentrum der Postgesellschaft. Dieser Vergleich ist sogar deshalb passend, weil die Postangestellten aufgrund der gelben, leider nicht wirklich modischen Kleidung, Bienen sogar enorm ähnlich sehen. Und diese Bienen sind alle auch noch richtig freundlich. Ja … freundlich! Einerseits bin ich natürlich beeindruckt von den vielen netten Gesten, aber andererseits kann ich das nicht ganz glauben. Wer ist denn um halb sechs in der Früh freundlich? Außer vielleicht die letzten Testosteron-geladenen Überbleibsel in einer Disco, wenn zufälligerweise doch noch ein Mädchen auftaucht. Ich war jedenfalls fasziniert von dieser anderen Welt, die wie in einem Pixar-Movie etwas ganz Neues für mich repräsentierte. Eine Einheit von kleinen Leuten, die alle für eine Sache arbeiten — nämlich dass es anderen Menschen gut geht. Wie Lastwagenfahrer, die gerne Ärzte geworden wären. Trotzdem eine Herzenseinheit unserer Gesellschaft, die — wie ich feststellen musste — ziemlich mit den Füßen getreten wird.

Das stellte sich sofort unter Beweis, als ich meinen Posten bezog. Ich wurde quasi ausgebildet, in einem bestimmten Bereich Post auszuliefern. Und genau in meinem Bereich wurde genau zu meinem Eintreffen heftig geheult. Nicht etwa, weil ich eingetroffen war und brutal nach Zwiebeln roch, sondern die Mitarbeiter hatten gerade eben erst erfahren, dass einige ihrer Gefolgsleute an dem heutigen Tage ihren Posten verloren hatten — aus heiterem Himmel. Diese traurige Wahrheit bestätigen auch die Mitarbeiterkennzahlen der vergangenen Jahre: Von 2009 bis 2011 verringerte sich die Aktiengesellschaft um ganze 2000 MitarbeiterInnen.

Das durfte ich am ersten Tag am eigenen Leibe erfahren, auch wenn Ferial-Mitarbeiter immer wärmstens willkommen sind. Denn die arbeiten genauso viel, bekommen weniger Gehalt und die ohnehin schon verärgerten MitarbeiterInnen können sich endlich wieder mal Urlaub gönnen. Hört sich doch gut an? Suchst du noch einen Ferialjob?

Im weiteren Laufe wurde mir diese Arbeit zu einer ziemlich kniffligen Aufgabe. Denn schon nach meiner Einschulung stand ich alleine da. Ich hatte beinahe keine Ahnung, welche Route ich mit dem Auto zurücklegen musste, kannte die Adressen nicht, konnte nicht mal die verschiedenen Sendungen auseinander halten und musste trotzdem innerhalb weniger Stunden alles ausliefern. Es wurde ein Rennen gegen die Zeit. Nicht einmal richtig Pause machen konnte ich. Trotzdem war ich nach wenigen Tagen ein Superheld in Gelb-Schwarz. Bee-Man gibt’s eh noch nicht, oder?

Jedenfalls lernte ich schon in meinen ersten Wochen, nicht immer nach altbekannten Mustern zu denken. Denn sind wir uns alle mal ehrlich: Wer dachte nicht, dass ich als Postler entspannt bei Sonnenschein von Tür zu Tür gehe und vielleicht noch bei Mutti auf einen Kaffee stehen bleibe. Im Gegenteil, das Gehen wurde zu einem Marathon, und der Sonnenschein (typisch für Salzburg) zum Dauerregen. Fehlt nur noch, dass ich in all dem Stress nicht wie Bee-Man aussah, sondern wie Biene Maya nach Drogenkonsum.

Und die Leute, die die Post empfangen, machen’s einem auch nicht viel leichter. Grundsätzlich kann man zwischen drei verschiedenen Typen unterscheiden, die einem da die Tür öffnen: Zum Einen wären da mal die Pensionisten, die den ganzen Tag sowieso nur darauf warten, dem Postler die Lieferung abzunehmen. Einerseits die liebenswertesten Menschen, die Gott da auf die Welt gesetzt hat, andererseits Ausgeburten der Hölle, die einem nur den Tag vermiesen wollen. (Trinkgeld gibt’s apropos nur von älteren Leuten. Shoutout an meine Homie-Omis!) Dann gibt es noch die Sorte, die ständig im Pyjama die Tür öffnet. Meistens verläuft das ganz unkompliziert, da es beiden Seiten ziemlich peinlich zu sein scheint, weil die Person dir gegenüber nur sehr spärlich bekleidet ist und weil man selbst nicht als Spanner rüberkommen will. Quasi eine Lose-Lose-Situation. Und natürlich gibt es auch noch einen ganz besonderen Typen von Menschen, die einem da die Tür öffnen. Nämlich genau die, die dir eine Fahne entgegenbringen, dass sich die Reste des Alkohols vom Wochenende im eigenen Körper wieder aktivieren. Denn glaubt mir, wenn du um 6 Uhr morgens die Post austrägst, ist der schale Geruch von Bier im Atem einfach unerträglich. Das ist schon wirklich unhöflich!

Aber hey, wer wäre schon höflich zu einem Postler. Als Mann nicht, weil man immer Schiss hat, dass sein Sohn dem Postboten bald ähnlicher sieht als einem selbst, und als Frau nicht, weil man Angst hat, der Postmann könnte eine perfide Zuneigung entwickeln und den Zentralschlüssel mal für etwas anderes gebrauchen. (Hier sei angemerkt, dass beide Geschlechter ziemliche Angst vor dem “Zentralschlüssel” haben, auch wenn sich die Bedeutung des Wortes verändert.) Und dann öffnet einem einfach keiner die Tür.

Einmal musste ich einen Brief in einem Wohnblock unterschreiben lassen. Das ist wirklich keine angenehme Sache. Dabei appelliere ich auf den neuesten Comic-Band der Asterix-Reihe, der der breiten Masse allerdings als Film Asterix erobert Rom kenntlich ist. Es gibt in diesem Film/Comic eine sehr bekannte Szene, in der Asterix und sein treuer Gefährte Obelix einen gewissen Passierschein A38 in einem bürokratischen Labyrinth, einem riesigen Bürohaus, genehmigen lassen sollen. Ungefähr so fühlte es sich an, als ich diesen Brief signieren lassen musste. Eine Viertelstunde später stand ich dann schweißnass vor dem Gebäude, mit Unterschrift, aber mit noch sechs weiteren Blocks vor mir.

Nun gut, es wird einem ja alles zur Routine. Je länger ich als gelber Bote fungierte, um so besser verliefen die Abläufe, die Strukturen und die Abzweigungen. Trotzdem gibt es immer wieder Momente der Verzweiflung: Wenn man auf halbem Wege erkennt, dass man seine Jausenbox vergessen hat. Wenn man von einer Oma mit einem Nudelholz gejagt wird, weil man ihre Zeitung nicht vor dem kommenden Regen geschützt hat. Wenn man bei Haus 37 draufkommt, dass man die Post von Haus 47 dabei hat, zurück zu Haus 1 muss, nur um dann die Post von Haus 57 zu vergessen. Es scheint alles wie ein nie endender Alptraum.

Bis es dann endet und man sich eingestehen muss, dass dieser Job nichts mit einem einfachem Unterfangen zu tun hat. Dass die Leute sich täglich den Arsch aufreißen, für zwei Bündel Papier, die meistens allesamt in den Müll wandern. Man läuft ja auch keinen Marathon, um danach einen KFC-Hühnchen-Mega-Bucket zu verdrücken und eine Stange der slowakischen Version von Marlboro Red pulmonal zu verheizen. Also tut mir einen Gefallen: Grüßt das nächste Mal einfach euren Postler, bevor ihr euch darüber beschwert, dass er wieder mal vergessen hat, euch das Rabatt-Heftchen vom Spar mitzunehmen.

[Foto: Vetatur Fumare/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

stv. Ressortleiter Popkultur

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