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Life Goes By — Kings of Leon und ihr eigenes Talihina

Die Kings of Leon sind schon längst angekommen, aber wie lange dürfen sie noch bleiben?

Life Goes By — Kings of Leon und ihr eigenes Talihina 9. November 20161 Comment

Redakteur

— What’s your fucking problem?
— Dude, you don‘t realize, you get drunk and you talk shit to everybody that made you who you are.
— I’m sorry.
— You should fucking apologize, you‘re a piece of shit and your band cannot fucking stand you ‘cause you’re a goddamn piece of shit! Could you get up there and fucking sing lyrics? FUCK YOU!

2011. Tourbus. Zuvor musste die Band ein Konzert ihrer über 50 Stops in verschiedensten Städten weltweit abbrechen. Es war sicher keine leichte Aufgabe, zu über 10.000 wartenden Fans zu gehen und zu sagen “das war’s für uns heute, es tut uns leid”, nachdem der Sänger von der Bühne stürmte, um sich zu übergeben, weil er viel zu besoffen war. Die Stimmung war also schon angespannt, als die Band in den Tourbus stieg. Doch dieses Mal war es offenbar genug. Es war der letzte Gig auf der “Come Around Sundown”-Tour. Die Alkoholsucht hat seinen Tribut gefordert und ihn erhalten. Aber auch das konnte eine Band nicht zerstören, die immer um einiges mehr recht als schlecht war.

“The hopped up boys are lookin’ for their trouble”

Caleb, Jared, Nathan und Matthew Followill aka Kings of Leon. Die ersteren Drei sind Brüder, letzterer ihr Cousin. Es war nicht immer leicht für die drei Followills. Aufgewachsen sind sie in ärmlichen Verhältnissen in Oklahoma und Tennessee, wo ihr Vater, Ivan, als Pastor und Prediger arbeitete. Er nahm selten Spenden oder Gagen für seine Auftritte, daher blieb auch wenig Geld für seine Familie über. Matthew stieß erst später zu seinen drei Cousins. Caleb erzählte in einem Interview: “We told Matthews mum that we will bring him back in a week. We all knew he would never return home.” Die Vier schlossen sich mit 30 Gramm Gras einen Monat lang im Keller der Followills ein. Es entstand die erste EP: Holly Roller Novocaine. Seitdem ist viel passiert im musikalischen Leben der Kings of Leon. Etliche Studioalben, viele Musikpreise (darunter drei Grammys), unzählige Touren durch die ganze Welt und Ruhm und Ehre. Die Kings of Leon sind definitiv angekommen. Schon längst. Aber wie lange dürfen sie noch bleiben?

“Let the good times roll”

Laut vielen Menschen sind diese “good times aber anscheinend vorbei. Und zwar seit dem dritten Album Because of the Times. Denn ab dann wurden sie “Mainstream”. Ist Mainstream-sein ein Indikator für schlechte Musik? Auf keinen Fall. Doch warum können sich viele der eingefleischten Leon-Fans nicht mehr mit ihrer Musik identifizieren? Fakt ist: Die Musik hat sich verändert. Vom schrummeligen Gitarrenrock ohne viel Trara (waren Hall-Effekte innerhalb der Band verboten?) ging es zu einem sehr breiten und fülligen Sound über. Und das sogar quasi nahtlos. Überall wurde “Your sex is on fiiiiireee” rumgebrüllt. Sogar in den etlichen SEGABARS Österreichs wird hin und wieder der Klassiker gespielt. Wer will denn schon auch zu Avicii schmusen? Niemand. (Hoffentlich nicht.) Jetzt kannte man sie. Jetzt hörte man ihre Lieder überall im Radio. “Bist du Kings of Leon Fan?” — “Na klar! You knowww that I can use somebaaaaadeeeeee!!!!!!!” Wer war nicht Fan von Kings of Leon?

Genau das dürfte Fans der ersten Stunde mächtig wütend gemacht haben. IHRE Band. IHRE BAND. Totgeschlagen vom großen Haufen Scheiße, der sich Mainstream nennt. Was jeder nur immer vergisst in dieser Diskussion: Vier individuelle Menschen mit vier individuellen Geschmäckern, die gerne auch eben diese Geschmäcker in ihren Songwriting-Prozess einbinden würden. Menschen verändern sich. Menschen werden älter. 25 Jahre ein und dieselbe Musik zu machen schaffen nur Metallica — no hate, großer Metallica Fan. Es muss okay sein, sich zu verändern, denn was wäre Musik ohne stetige Weiterentwicklung. Es muss okay sein, eine Band aufgrund einer Soundveränderung nicht zu mögen. Sie jedoch nicht zu mögen, weil jeder sie mag? Das ist doch wirklich ein schlechtes Klischee.

“We’re gonna celebrate … like it’s your birthday”

WALLS — so heißt das neue Album der Vier. Ein bisschen verwunderlich, denn jedes Album der Kings hatte bis jetzt genau fünf Silben. Auf den ersten Blick sieht man keine fünf Silben, genauer betrachtet — oder besser gesagt, genauer gewusst erkennt man, dass WALLS ein Akronym für “We Are Like Love Songs” ist. Da wären sie dann auch schon wieder. Die Süddeutsche Zeitung findet, dass die Band endgültig “in die Banalität abgerutscht ist” und vergibt auch noch die schöne Überschrift: “Oh, bitte kauft mich!” Das Album klinge stellenweiße nach einem von Werbestrategen ausgedachten Produkt.

… und endlich weiß der Hörer auch, wo er sich wirklich befindet: In der finalen Episode einer dieser Shopping-Reality-TV-Serien.

Wobei doch die erste Single “Waste a Moment” eben genau den vermissten Rock der Anfangsjahre, den Blues in den Herzen der Band wieder herausstechen lässt. Zufriedenstellen lässt sich aber trotzdem kaum wer. Es ist fast unmöglich geworden, als etablierte Band Kritiker zu befriedigen. Und die schärfsten Kritiker, die eigenen Fans, sind sowieso zwiegespalten. Was WALLS letztendlich wirklich ist? Ein Stück Musik mit viel Herz und Seele. Und das hört man. Calebs Stimme kann jeden Song leuchten lassen. Vielleicht ist WALLS kein Album für die Musikgeschichte. Vielleicht ist WALLS nicht das beste Album der Kings of Leon. Vielleicht wollten sie das aber auch gar nicht. Vielleicht wollten vier Brüder und Freunde einfach genau die Musik machen, auf die sie gerade Lust hatten. Denn genau so klingt WALLS. Nicht gezwungen, frisch und neu.

Dominik auf Twitter: @dominikwendl

[Foto: Illustration von kultort.at]

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