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Das österreichische Nationalteam im Tief — war’s das mit der WM?

Vier Punkte sind die magere Ausbeute des ÖFB-Teams in der bisherigen WM-Qualifikation

Das österreichische Nationalteam im Tief — war’s das mit der WM? 15. November 20163 Comments

Ressortleiter Sport

Nach nur vier Spielen scheint die Situation für unser Fußball-Nationalteam bereits aussichtslos. Magere vier Punkte — davon drei gegen den Fußballzwerg Georgien — sind die bescheidene Ausbeute des ÖFB-Teams in der bisherigen WM-Qualifikation. Was ist aus dem Wunderteam geworden, das nur zwei Zähler in der gesamten EM-Qualifikation für Frankreich liegen hat lassen? Besser noch: Wie konnte dieser bemitleidenswerte Haufen noch vor einem halben Jahr zurecht von dem Einzug in eine EURO-KO-Runde träumen?

Die letzten Spiele der Truppe von Teamchef Marcel Koller erinnern stark an das Fußball-Österreich, mit dem die meisten von uns aufwachsen mussten. Nostalgisch blickt man zurück auf schillernde Namen wie Jürgen Patocka, Sanel Kuljić und Muhammet Akagündüz. Doch was uns heute zum Schmunzeln bringt, war damals eher zum Weinen. Ich erlaube mir Gary Linekers Worte leicht abzuwandeln: “Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler hinter einem Ball herjagen und am Ende verliert Österreich.” Das war die damalige, traurige Realität. Heute ist das ähnlich, mit dem feinen Unterschied, dass die Erwartungen der ungewohnt optimistischen Bevölkerung an unsere Fußballer etwa so hoch sind, wie die an unsere SchifahrerInnen. Kurz gesagt: Die Niederlagen gegen Serbien und Irland tun verdammt weh.

Die Qualifikation für Frankreich war wirklich beeindruckend. Selbst wenn das Team phasenweise mehr Glück als Verstand hatte, bewies es, auf dem richtigen Weg zu sein. Zu einer Fußballgroßmacht hat uns das allerdings noch nicht gemacht und spätestens das Siegestor des Neo-Rapidlers Arnór Traustason im letzten Gruppenspiel gegen Island hat selbst die größten Optimisten auf den bitteren Boden der Realität zurückgeholt.

Bereits vor der Europameisterschaft gab es Trainerentscheidungen, die schwer zu erklären waren, doch die Ergebnisse gaben Koller Recht. Nach dem bitteren Ausscheiden und dem holprigen Start in die WM-Qualifikation muss sich der Lieblingsschweizer der Österreicher nun aber erklären. Grundsätzlich ist seine Philosophie der Kontinuität in der Kaderauswahl begrüßenswert und wichtig für die Harmonie der Mannschaft sowie für das Selbstvertrauen der Einzelspieler. Wenn man nach unzähligen Gegenbeweisen aber immer noch behauptet, Spieler wie Martin Harnik seien wichtig für die Mannschaft, dann muss doch hinterfragt werden, ob Koller (noch) der richtige Mann für den Job ist.

Noch viel relevanter als Harniks Rolle im Team ist aber die Problematik auf der Position des Linksverteidigers. Im Nachhinein betrachtet, lässt es sich natürlich leichter urteilen — und da liegt Kollers Problem. Kevin Wimmers Leistung gegen Serbien war erbärmlich. Das haben acht Millionen ÖsterreicherInnen gesehen, der eine Schweizer aber offenbar nicht. Gegen Irland durfte Wimmer erneut ran und war neben Florian Klein einer der Hauptverantwortlichen für den Gegentreffer. Mich überraschte das nicht wirklich — Marcel Koller aber offenbar schon, da er den Unglücksraben erst dann vom Feld nahm, als es sowieso schon zu spät war.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Kapitän Christian Fuchs tat sich eine Lücke auf, die offenbar zu groß war, um sie mit echten Linksverteidigern zu füllen. Linksverteidigern wie Markus Suttner, Andreas Ulmer, Stefan Stangl oder David Alaba … DAVID ALABA! Der beste Linksverteidiger der Welt ist Österreicher und wir reden ernsthaft von einem Linksverteidiger-Problem? Im Mittelfeld können wir mit Zlatko Junuzović und Julian Baumgartlinger sowieso auf Schlüsselspieler von Werder Bremen bzw. Bayer Leverkusen setzen. Als Alternativen empfehlen sich der zuverlässige Stefan Ilsanker und der 22-Jährige Alessandro Schöpf, der Junuzovićs Bremer letzte Woche praktisch im Alleingang zerlegte. Alaba ist womöglich einer der komplettesten Spieler, die Österreich jemals hervor gebracht hat und besitzt mehr Kreativität und offensiven Spielwitz als alle anderen genannten Namen. Trotzdem ist es unverantwortlich, ihn auf einer anderen Position spielen zu lassen als bei seinem Klub. Für eine derartige Umstellung reichen die wenigen Nationalteamspiele nicht aus, dass sah man beispielsweise deutlich beim Umschalten von der Offensive in die Defensive gegen Serbien oder beim Stellungsspiel ohne Ball. Was lange Zeit gut gegangen ist, geht in dieser Qualifikation eben leider schief. Ich will nicht behaupten, Alaba wäre kein guter Mittelfeldspieler, das ist er, nur eben nicht gut genug, um den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage auszumachen. In einer Linksachse mit Marko Arnautović wäre der Bayern-Legionär eben dazu in der Lage und man hätte als rot-weiß-roter Fan nicht mehr bei jedem gegnerischen Angriff über die rechte Seite Bauchkrämpfe.

Die nächste Krise hat das Nationalteam im Sturm. Das Problem ist dabei weniger der viel kritisierte Marc Janko selbst, der zwar zuletzt inkonstant wirkt, in der Vergangenheit aber oft wichtige Beiträge zum Erfolg des Teams beisteuerte, sondern vielmehr sein Stellenwert unter Koller, der sein gesamtes Vertrauen in den 33-Jährigen steckt, ohne dabei jegliche Optionen für die Zukunft an das Nationalteam heranzuführen. Janko ist weit über seinen Zenit hinaus und Österreich hat derzeit keinen Back-Up mit dem Profil des Basel-Stürmers. Zudem hat es den Anschein, als wolle Koller seinen Schützling bis zu dessen Karriereende einberufen und sich erst dann um das Problem auf der Stürmerposition kümmern. Dabei ist genau dieses Problem bereits brandaktuell: Marc Janko war im Laufe seiner gesamten Karriere stets verletzungsanfällig und mit steigendem Alter kommen nun auch konditionelle Probleme hinzu. Anstatt aber den zukünftigen Leistungsträgern im Sturm, wie Michael Gregoritsch und meinetwegen auch Lukas Hinterseer, eine Chance zu geben, Janko zu entlasten und Stück für Stück in dessen Fußstapfen zu treten, bekommen sie im besten Fall gerade genug Spielzeit, um ein wenig Nationalteamluft im Happel-Stadion zu schnappen.

Trotz der faustdicken Krise, in der sich unsere Nationalelf derzeit befindet, wäre es undankbar und falsch zu behaupten, Koller sei ein schlechter Trainer und sein System nichts wert. Schließlich waren es dieser Trainer, sein System und seine Spieler, die Österreich zum ersten Mal für eine Europameisterschafts-Endrunde qualifizierten. Was dem Teamchef aber vorgeworfen werden kann, ist sein stures Verharren auf einem Plan, der gescheitert ist. Solange alles rund lief, die Mannschaft in einem Flow spielte, passten die Ergebnisse, doch bei der momentanen Situation kann man von keinem Formtief mehr sprechen, sondern von einem Rückschritt in der Entwicklung. Seit den grottenschlechten EM-Vorbereitungsspielen gegen Malta und die Niederlande fehlt nicht nur die Leistung, man hat auch nicht mehr das Gefühl, dass eine Kleinigkeit ausreichen würde, um die Trendwende herbeizuführen.

Marcel Kollers Aufgabe besteht nicht darin, aus dem Trümmerhaufen wieder eine funktionierende Mannschaft zu formen, sondern zu erkennen, dass manche der “Trümmer” durch neue Bausteine ersetzt werden müssen. Es ist an der Zeit einzusehen, dass ein einziger Plan nicht ausreichen kann. Der Schweizer kann auf ein Kadermaterial zurückgreifen, das kaum einem seiner Vorgänger zur Verfügung stand. Er hat Spieler mit verschiedensten Qualitäten aus unterschiedlichsten Ligen. Spieler, die es ihm erlauben, eine facettenreiche, anpassungsfähige Mannschaft aufzustellen, die jedem Gegner wehtun kann. Koller hat bewiesen, dass er dazu im Stande ist. Jetzt ist es aber an der Zeit zu handeln — heute Abend bekommt der Züricher gegen die Slowakei erstmals die Möglichkeit dazu. Wir blicken nicht allzu weit in die Vergangenheit: Bis zum ersten Gruppenspiel der EM war Österreich seit Oktober 2013 in sämtlichen Pflichtspielen ungeschlagen und es spricht eigentlich nichts dagegen, dass 2017 ähnlich erfolgreich wird. Das wird auch nötig sein, wenn man den Alptraum von Frankreich endgültig vergessen möchte.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Steindy/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0/Illustration von kultort.at]

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