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Wie der ‘Tatort’ zum Spiegel unserer Gesellschaft wurde

Seit 46 Jahren ist 'Tatort' nun schon Bestandteil des deutschen TV-Hauptprogramms

Wie der ‘Tatort’ zum Spiegel unserer Gesellschaft wurde 17. November 20161 Comment

stv. Ressortleiter Popkultur

Der Tatort ist Kult. Das lässt sich sicherlich nicht bestreiten, auch wenn viele die Krimireihe, die jeden Sonntag in den Fernsehern unzähliger deutschsprachiger Haushalte flimmert, vielleicht gar nicht so gut kennen — geschweige denn regelmäßig schauen. Dennoch, große Zahlen sprechen oft große Worte. Um den Tatort in Zahlen zu schildern: Die 1000. Episode wurde vergangenen Sonntag ausgestrahlt, 46 Jahre lang ist die Serie nun Bestandteil des deutschen TV-Hauptprogramms. Ganze 131 Ermittler haben bereits ihre Fälle gelöst. Aufhören, wenn es am schönsten ist? Sicher nicht, denn der Tatort breitet sich ständig weiter aus.

1970. Viele Jahre ist es her, da hatte alles seinen Anfang. Der allerersten Folge “Taxi nach Leipzig” zollte man übrigens am Wochenende mit demselben Titel Tribut. Denn damals, als alles noch in den Startlöchern stand, wurde das von Gunther Witte entwickelte Konzept der Reihe im ersten Anlauf sogar nicht einmal genehmigt. Was aber danach kommen sollte, hatte wohl niemand in diesem Ausmaß erwartet. Gut, es gibt viele erfolgreiche Seifenopern, die sich ewig lang im Dschungel des deutschen Fernsehens halten konnten, aber kann man Serien wie Sturm der Liebe oder Wege zum Glück wirklich mit dem Tatort vergleichen? Nein, natürlich nicht. Gulasch aus der Inzersdorfer Dose gegen argentinisches Gourmet-Steak, der Irak gegen Amerika oder Dominic Heinzl gegen Sido — das ist ja auch alles unfair. Und somit krönt sich zumindest hier einmal der Tatort zum deutschen Serien-Krösus.

Natürlich verdankt der Tatort als überregionale Sendung auch seinem durchdachten System den Erfolg. Denn mit mehreren verschiedenen Ermittlern in verschiedenen Städten schafft der Tatort eine Bandbreite. Eine Bandbreite, die oftmals entscheidet, ob am Sonntag überhaupt eingeschaltet wird. Denn jeder hat seine Lieblinge und die, die man jetzt eben nicht als Lieblinge bezeichnen würde. Die Schauplätze erstrecken sich sogar noch über drei verschiedene Länder, denn schon lange gelten die österreichische Hauptstadt Wien und die Schweizer Stadt Luzern als hartes Pflaster für TV-Kriminelle. Aber nicht nur seinen regionalen Facetten verdankt der Tatort seine Einschaltquoten, auch den vielen echten Gesichtern ist einiges geschuldet. Weil der Tatort ein schauspielerisches Sprungbrett ist, viele groß macht, und eigentlich nur wenige verschwinden lässt. Der Tatort wird hiermit sogar zur prestigeträchtigen Leiter in die Welt der Schauspielbekanntheit — oder prägt einen Namen noch mehr in seinem Klang.

20:15 Uhr, Sonntag. Tatort-Zeit! Zumindest sehen das beinahe 12 Millionen Menschen so. Ja, 12 Millionen. Vergleichbar dazu die höchste Spieleranzahl des Spieles World of Warcraft. Da soll mal einer sagen, dass die Massen nur noch die Moderne antreibt. Nein, auch das KommissarIn-sucht-Täter-Prinzip schafft das immer noch hervorragend. Doch wieso genau funktioniert das so ausgezeichnet? Was ist das Geheimnis des Tatorts, der alle anderen (deutschen) Krimiserien in den Schatten stellt?

Weil der Tatort oft versucht, ein Spiegel zu sein. Ein Spiegel einer Gesellschaft, in der nicht alles so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Sonst gäbe es ja auch so etwas wie Mord gar nicht. Und genau da findet der Tatort in vielen Episoden seine volle Wirkung. Der Mord, die Tat an sich und die Ermittlungen rücken hin und wieder in den Hintergrund. Wichtiger scheinen die Individuen, die Charaktere (auch die persönlichen Schattenseiten der KommissarInnen) und die gesellschaftlichen Situationen, die sie zu dem machen, was sie nun mal sind. Mörder aus Gier, Mörder aus Leidenschaft, Mörder aus Wahn, aber auch Mörder aus Hoffnungslosigkeit. Wie viele Facetten der reine Totschlag doch haben kann. Ein Punkt, den der Tatort als Enthüller gesellschaftlicher Missstände nie außer Acht gelassen hat. Denn hinter jedem Mord steckt auch ein Motiv.

Aber lassen wir den Mord mal außen vor. Denn auch wenn es sich viele verschiedene Episoden zum Ziel gemacht haben, die Tat in all ihre Einzelteile zu zerlegen, so gab es auch Folgen, in denen der Kontext den Rahmen der Geschichte darstellte. In der sich die Message nicht hinter Rache, Eifersucht oder Drogenproblemen versteckte, sondern in dem Korpus der gesamten sozialen Situation. Um dies noch besser konkretisieren zu können, haben wir einige Beispiele an Land gezogen, die das Konzept Tatort als realitätsnahe Spiegelung bereits bewiesen haben.

“Auf einen Schlag” war die erste Fernsehepisode des Dresdner Frauenteams, die sich in der ersten Folge thematisch eben genau auf das Geschlecht der Ermittlerinnen fokussierte. Die glitschige Fassade der deutschen Schlagerszene stellte zwar als Haupthandlungsstrang den inhaltlichen Rahmen dar, die eigentliche Message versteckte sich aber in den antifeministischen Aussagen des Kommissariatsleiters Peter Schnabel und den erbarmungslosen, verbalen Kontern der Superemanzen Henni Sieland und Karin Gorniak. Ein Spiel mit dem Feuer, das hin und wieder mehr Flammen als Sinn entfachte. Im Grunde war die Episode ein mittelmäßiges Debüt, bewies aber in seinem Versuch, dieses gesellschaftliche, so prekäre Dauerthema spaßig aufzuarbeiten, dass der Tatort eben auch ein Spielort für Text und Darstellung sein kann.

“Die Kunst des Krieges”, ein ultimatives Gegenstück dazu. Von Spaß war — außer den immer wieder unterhaltsamen Sagern der Wiener Kommissarin Bibi Fellner — hier eher nicht die Rede. Im Gegenteil: Korruption, organisiertes Verbrechen und Prostitution sind hier immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens. Die Vielseitigkeit der verschiedenen Schauplätze beweist uns eben, wie ausgetobt der Tatort sich in den verschiedenen Genres der Kriminalliteratur und deren Verfilmungen bewegt. In Münster ist es eine Kriminalkomödie, in Wien eben ein Thriller, und Till Schweigers Tatort in Hamburg war mehr Action-Movie als klassischer Agathe-Christie-Whodunit.

Hin und wieder versucht der Tatort sogar, noch einen Schritt weiterzugehen. Die Gesellschaft in etwas zu verwandeln, was bis dato mehr eine Zukunftsvision ist, als der Boden der Tatsachen. Bestes Beispiel dafür ist der Krimi “Echolot” vom 30. Oktober, in dem die Digitalisierung an einem Punkt angekommen war, den es bis heute de facto noch gar nicht so gibt. Als Täter wurde auf (objektiv gesehen) ziemlich schlechte Art und Weise ein Computersystem inszeniert, das selbst so weit künstliche Intelligenz erzeugen konnte, dass er seine Herstellerin durch Deaktivierung des Bremssystems des eigenen Autos in den Tod stürzte. Abgesehen von der schlechten Umsetzung und einem sich verlierenden Spannungsbogen konnte man trotzdem behaupten, etwas versucht zu haben. Das muss ja nicht die Regel bleiben und eines ist der Tatort in vielen Fällen nun mal auch: Teilweise großartig, oft mittelmäßig und leider auch manchmal richtig schlecht. Aber das ist eben der Preis für tausend Folgen in 46 Jahren.

So gesehen ist der Tatort ein Spektrum an Möglichkeiten: Als Analyse von kriminellem Verhalten, als ästhetisches Ausleben von Bild und Handlung und als Experiment für filmtechnische Spielereien. Den Tatort prägt die Zeit, der Wandel der Gesellschaft und der technische Fortschritt. Denn auch wenn der Tatort alles und auch manchmal nichts ist, eines ist er bestimmt: zeitlos.

Routine mit stetiger Veränderung. Denn wie sagte Ulrike Folkerts in der Dokumentation über Tatort Nr. 1000: “Bis heute brauchen 10, 11, 12 Millionen Deutsche am Ende der Woche den Mord zum Sonntag. Das ist wie ein Reinigungsritual, bevor die neue Woche beginnt.”

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Illustration von kultort.at]

stv. Ressortleiter Popkultur

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