Willkommen im blauen Dorf!

blauesdorfkulto

Achtung! Bei dem folgenden Text handelt es sich um Satire in ihrem höchsten Ausmaß. Jegliche Charaktere, Namen und Örtlichkeiten sind frei erfunden. Der Text in seiner Gesamtheit ist reine Fiktion.

Das Recht zu wählen, wen oder was man für sich als geeignet empfindet, ist fundamental und darf keinem abgesprochen werden. In dem folgendem Text wird lediglich mit diversen Klischees baden gegangen. Und zwar ordentlich.

Die Sonne erhebt sich über dem kleinen Dörfchen Edelschimmel, als ich mit dem Auto neben einem Gutshof inmitten des Dorfplatzes haltmache. Es ist gerade einmal Mittag und noch dazu an einem Sonntag, dennoch herrscht schon ein reges Treiben auf dem offenen Platz. Einige Bierbänke wurden stupide neben einen Brunnen gereiht, sodass das plätschernde Wasser eines spuckenden Hausschweins das Holz der Bänke berieselt. Munter wird hier Bier getrunken, prächtige Krüge edlen Gerstensaftes werden hin- und hergeschwankt.

Die Leute sehen mich verwirrt an, so wie ich mich durch ihre engen Tischreihen tänzele. Ich bin ein Fremder, das wissen sie sofort, sie rätseln nur noch, woher ich komme. Schließlich müssen sie ja über das richtige Merkmal schimpfen können. Die Kamel- und Bombenvorlieben beim Araber, der Pizza-Wahn beim Itaker, der Bankrott des erbärmlichen Griechen oder aber ihr liebstes Thema: Der verpönte Türke, der außer Döner eh nix kann und das Land mit seiner Anwesenheit verpestet.

Ich setze mich an einen Tisch zu drei bärtigen Männern, alle drei haben sie eine Kugel vor sich, die schreit: “Man bringe noch mehr des edlen Stoffes!” Und das ist Bier. Der Erste, den ich interviewe, heißt Gerd H. und ist erstmal skeptisch. Als ich ihm erzähle, dass ich von einem renommierten Tagesblatt komme, staunt er — ist aber plötzlich Feuer und Flamme: “Ich sage ja immer, wir brauchen sie nicht die Ausländer”, sagt er mit einer Überzeugung, als wäre er in der dritten Leistungsgruppe in der Hauptschule nicht durchgefallen. “Im Grunde nehmen sie uns nur die Arbeit weg”, immer noch felsenfest überzeugt. Auf die Frage, was er denn arbeitet, antwortet er: “Im Grunde nur an meiner Wampe. Aber hin und wieder fahre ich die Ware vom Metzger aus.”

“Welchen Job hat Ihnen dann der Ausländer weggenommen?”, frage ich ihn.

“Na mir eh keinen. Aber der Freund von meiner Cousine, dessen Bruder, dem sein Onkel, sprich mein Schwager — hat bei einem Songcontest mitgemacht, bei dem dann ein Jugo gewonnen hat. Wenn das nicht Beweis genug ist”, grummelt er. Von Gerds Worten sind auch seine Kameraden Hannes P. und Georg S. angetan. Bevor ich meine nächste Frage stellen kann, fällt mir Hannes P. ins Wort: “Wissen Sie, wer schuld ist, dass mein Enkerl in der Kirche jetzt kein Bild von Gott mehr hat?” — “Der naturwissenschaftliche Zugang zur Logik?”, kontere ich ihn. Er schaut kurz nachdenklich in die Luft, bevor er mein Argument entkräftet: “Na! Die Ausländer, weil’s ihren Mohammed aufhängen wollen. Und dann muss unser Jesus von der Wand. Frechheit sowas!”

“Sind die Herren denn gläubig?”, stelle ich meine nächste Frage. Georg S. blickt von seinem Krug auf und zwirbelt sich die Bartlocken. “Bitte was?” — “Ob ihr in die Kirche geht?”, vereinfache ich. “Bist depperd?!”, grölen sie im Chor.

Jetzt, da ich die Situation auf dem Dorfplatz als gemeinsame Schimpftirade über alles andere außer sich selbst erkannt habe und mir auch nicht länger die saure Spucke ins Gesicht spritzen lassen möchte, nehme ich Anlauf auf einen ganz besonderen Platz inmitten des kleinen Dorfes, der voller exotischer Extravaganz aus dem eintönigen, blauen Schimmer des Dorfes heraus sticht. Aladins Wunderwampe ist der einzige Dönerladen des Dorfes und wird so schnell auch sicher keine Konkurrenz bekommen.

“Musst du nur nett zu Leute sein. Sie schimpfen, aber egal. Alle lieben Döner, sogar Leute die mich nicht mögen”, erklärt Aladin, der Besitzer des Fladenladens. Sein Geschäft laufe erstaunlich gut, erklärt er mir. Denn auch wenn er oft als Teppichpacker, Kameltreiber oder Hatschi Bratschi beschimpft wird — die Kunden zahlen dennoch, wenn auch ohne Trinkgeld. Und wie ich mich so umsehe, erkenne ich soeben eine Kundin in der Ecke des türkisen Ladens, der mit der Innenausstattung also zumindest versucht hat, dem monotonen Blau mit einem leichten Grünstich zu entkommen.

Sandra W. sieht alles andere als fit aus. Ihr rosa Bademantel hat Löcher an Stellen, die man lieber nicht sehen wollte, in Bauchnabelhöhe drücken sich zwei Knöpfe durch das Polyester-Material des Mantels. Sie symbolisieren, dass Büstenhalter nicht nur bei Hipstern voll out sind. Ihr Haar ist kraus und leuchtend gelb mit schwarzem Ansatz, im Mundwinkel hat sie eine dieser dünnen Zigaretten, abäschern tut sie erst dann, wenn die Länge der Asche beinahe länger ist, als die eigentliche Zigarette.

“Sind Sie öfters hier?”, frage ich die Dame freundlich, nachdem ich mich vorgestellt habe. “Beim Aladin dem Fladenwickler? Naja beinahe jeden Sonntag, ich habe ja die Zeit. Weißt eh, mit der Mindestsicherung und allem.” Sie zündet sich noch eine Zigarette an. “Was halten Sie denn von der momentanen politischen Lage des Landes?”, frage ich frei aus dem Kontext. “Mir ist das alles egal. Die können eh machen, was sie wollen. Die spielen sich mit unserem Land, wie es ihnen passt. Deswegen war ich nie wählen”, sagt sie und versucht sich mit ihren langen Fingernägeln, an denen der pinke Nagellack schon abbröckelt, das Hühnerfleisch aus der Zahnlücke zu kratzen. “Aber wenn Ihnen die politische Situation nicht passt, dann sollten Sie doch wählen gehen?”, setze ich nach. “Nein, das hilft mir nix. Und außerdem kann ich eh nie am Sonntag. Da bin ich immer da und esse mein Kebab. Und danach schau ich auf Sat-1 die Richterin Salesch an. Wirst mir nicht glauben, was es für elendige Menschen in diesem Land gibt.” Sie schnäuzt sich in den Ärmel ihres Badeanzugs, bevor sie sich mit ihren Pelz-Crocs-Schuhen in Richtung Ausgang des Lokals macht.

“Eine Frage noch”, rufe ich ihr hinterher: “Wen würden Sie denn zum Bundespräsidenten machen, wenn nicht Barbara Salesch laufen würde?” Sie fährt sich noch einmal mit der Zunge über die obere Zahnreihe, die nicht mehr ganz komplett zu sein scheint und meint dann: “Hast schon mal den Van der Bellen gesehen? Der raucht wie ein Schornstein, und mit solchen Zähnen kann man doch kein Land präsentieren.”

Die Sonne strahlt über dem Dorf, als ich den Dönerladen verlasse. Bevor ich nach Hause fahren will,  um meine zahlreichen Interviews zusammenzufassen, wage ich noch einen Spaziergang durch das Dorf, welches mir heute nicht gerade die angenehmsten Seiten unserer Gesellschaft präsentiert hat. Ich komme an einer Volksschule vorbei, davor hat sich eine Traube an Menschen versammelt. Inmitten einer Runde aus Kleinkindern und besorgten Eltern steht ein Mann mit dicken Schnauzbart, einem Zylinder und Bierkrug in der Hand. “Ich sage euch Kinder, keine Sorge. Die Volksschule wird kein Flüchtlingsheim”, lacht der Mann, der mir jetzt als Bürgermeister Fritz L. erkenntlich wird. “Gott sei Dank, das hätten wir ja den Kindern nicht zumuten können”, kreischt eine besorgte Mutter.

Ich lasse mir die Chance nicht entgehen und eile zu dem Bürgermeister samt Gefolgschaft. “Herr Bürgermeister, ich bin von einer bekannten Tageszeitung und heiße Max Mustermann. Könnten Sie mir vielleicht ein politisches Statement zur bevorstehenden, finalen Stichwahl geben?”, versuche ich durch die Menge zu stammeln, die plötzlich verstummt.

Der Bürgermeister streichelt sich verdächtig den Schnauzbart: “Wissen Sie, es ist nicht gerade klug, sich gleich politisch in eine gewisse Richtung zu äußern, aber lassen’s mich so sagen: Ich bin besorgt, um die ganzen kleinen Kinder hier und ich werde heute sicher noch zum Hofer einkaufen gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine.” Ich nicke und deute ihm, dass mir seine Aussage reicht. Doch er ruft mir nach: “Am 4. Dezember werden’s in unserem Dorf kein Bellen hören, verstehen’s was ich meine?”, doch ich habe ihm nur mehr den Rücken zugekehrt. “Da wird’s ein blaues Wunder geben!”, prustet er. Dann widmet er sich wieder den Kindern, auf die er so Acht geben will. Der kleine Murat steht dabei einige Meter weg von dem Geschehen. Er darf nicht dabei sein, aber wenn er’s doch ist, macht er es ohnehin falsch.

Mein Auto rattert über die Landstraße und die Sonne über dem Dorf senkt sich. Ein blauer Schatten liegt über dem Dorf, der es in eine falsche Sicherheit bettet. Denn dort, wo Lügen als Wahrheiten verkauft werden, wird ein offenes Dorf bald zu einer Festung der Einsamkeit.

[Foto: gatowlion/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

Written By
More from Johannes Mayer

Wie der Tatort zum Spiegel unserer Gesellschaft wurde

Der Tatort ist Kult. Das lässt sich sicherlich nicht bestreiten, auch wenn...
Read More

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*