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“The Fucking Gallagher Way” — das Sinnbild einer US-amerikanischen Unterschichtsfamilie?

Warum 'Shameless' viel gesellschaftskritischer ist, als ihr denkt

“The Fucking Gallagher Way” — das Sinnbild einer US-amerikanischen Unterschichtsfamilie? 12. Dezember 20161 Comment

Ressortleiter Popkultur

Für Shameless ist neben anderen Serien wie Breaking Bad, Mr. Robot oder House of Cards speziell die Gesellschaftskritik einer der Hauptgründe für ihren Erfolg. Im Gegensatz zu den anderen Dramen, bei denen die Umsetzung düster und ernst ist, behandelt die Serie gesellschaftlich-relevante Themen allerdings mit einer komplett anderen Herangehensweise.

Mittlerweile ist Shameless für viele Fans zum Kult geworden, denn ihr einzigartiger Zugang von Drama und Comedy zugleich — man spricht von “Dramedy” — erstaunt viele RezipientInnen immer wieder. Das Leben einer Familie aus der weißen Unterschicht, die in der South Side von Chicago wohnt, wird hier porträtiert. Frank, der Vater, ist Alkoholiker und Junkie und interessiert sich nicht für seine Kinder, die Mutter ist abgehauen und kommt nur für egoistische Zwecke hin und wieder zurück. Fiona, die Älteste der Geschwister, sorgt sich mühevoll um die jüngeren Geschwister, die alle durch ihre Macken selbst immer wieder größeren Problemen ausgesetzt sind. Während sich die Serie demnach auf die Weiterbildung der Charaktere konzentriert — und das realisieren die Macher wirklich gut — ist ein weiterer Grundpfeiler der Serie die immer wiederkehrende Kritik der US-amerikanischen Gesellschaft. Alkoholismus, Drogensucht, der Umgang mit Sexualität, die ausufernde Gentrifizierung, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem … und, und, und. Etliche gesellschaftliche Themen werden in Shameless-Manier behandelt und kritisiert.

Die Frage nach der sozialen Ungleichheit beschäftigt die Menschheit schon sehr lange und auch die Serie vom Sender Showtime befasst sich mit dieser Thematik immer wieder. Ein Haushalt, indem (mittlerweile) mehrere der Geschwister zum Unterhalt der Familie beitragen, der trotz mehrerer Jobs nur schwer zu finanzieren ist. Analog zur Serie gibt es in der US-Gesellschaft oft Mütter oder Väter, die zwei oder drei Jobs brauchen, um ihre Familie zu versorgen. Auch im heurigen Wahlkampf wurde dieses Thema immer wieder aufgeschnappt,  um Wählerstimmen der Unterschicht zu bekommen. Während die Unterschicht meistens eine Bastion der Demokraten war, konnte Donald Trump diesmal durch populistische Forderungen die Gunst vieler WählerInnen aus dieser Klasse gewinnen.

Seine zukünftiges Komitee setzt sich jedoch aus Personen zusammen, die den bisherigen Sozialstaat — um es in den USA so nennen zu dürfen, ist dieser Begriff sehr weitläufig definiert — noch weiter aushöhlen wollen. Betsy DeVos soll Bildungsministerin werden — eine Milliardärin, die das Schulsystem nach und nach privatisieren und somit das öffentliche Schulsystem unterminieren will. Steve Mnuchin, ehemaliger Mitarbeiter von Goldman Sachs, steht als Finanzminister fest und will durch geringere Unternehmenssteuern die größte neoliberale Steuerreform seit der Reagan-Ära durchführen. Diese zwei Beispiele zeigen, dass die Wahl Trumps höchstwahrscheinlich für die Unterschicht alles andere als Vorteile generieren kann, sondern eher die soziale Ungleichheit verschärfen wird.

Und wie reagiert die Chaosfamilie auf diese prekären Bedingungen? Frank lügt, betrügt und legt ein derartig opportunistisches Verhalten an den Tag, um so ein Dach über den Kopf zu bekommen oder seine Alkohol- und Drogensucht zu finanzieren. Schamlos nützt er jede Möglichkeit zu seinem Selbstzweck aus und übertrifft sich hinsichtlich Dreistigkeit und Egoismus immer wieder. Außerdem erscheint es, als ob seine Kinder sich ein Beispiel an ihm nehmen würden, denn immer wieder führen auch sie krumme Dinge durch, um so über den Tag zu kommen oder jemandem etwas auszuwischen.

Doch das ist normal in der South Side. Shameless versteht es darüber hinaus, im Gegensatz zu vielen anderen Serien, nicht klischeehaft eine White-Trash-Familie darzustellen, die in einem Trailer-Park wohnt. Der Macher John Wells meint, dass genau diese familiäre und vertraute Nachbarschaft der Serie einen einzigartigen Charakter verleiht:

We have a comedic tradition of making fun of the people in those worlds. The reality is that these people aren’t ‘the other’ — they’re people who live four blocks down from you and two blocks over.

Oft helfen die Nachbarn aus, vor allem Kev und V, die quasi schon ein Teil der Familie sind. Aber auch andere wiederkehrende Gesichter aus der Alibi-Bar, die Frank zwar immer aufgrund seiner Eskapaden verhöhnen, zeigen einen Zusammenhalt der South Side. Gemeinsam gegen die Fehler des Neoliberalismus, der sich vor allem negativ auf die Unterschicht auswirkt.

Einen solchen Zusammenhalt sieht man zudem, als auch die South Side von einer Gentrifizierung betroffen ist. Als Gentrifizierung bezeichnet man den Abzug der ärmeren Bevölkerungsschicht und das Zuziehen von einer sozioökonomisch stärkeren Bevölkerungsgruppe. Infolge des Zuzugs von reicheren Menschen steigen die Immobilienpreise und somit können sich viele ihre Häuser bzw. Hypotheken nicht mehr leisten. Starbucks und McDonald’s lassen grüßen, indem sie ihre Filialen in den “aufstrebenden Bezirken” bauen. Überteuerter Kaffee, beschissenes Fast-Food und eine steigende Obdachlosenquote— genau, was der South Side fehlt.

Dieses Problem betrifft natürlich auch die Gallaghers, denn des Öfteren stehen sie kurz davor, aus ihrem Haus geworfen zu werden. Einmal ist nur durch Carls Drogengeld der Erhalt der Wohnung möglich. Lediglich das Alibi von Kev und V verspürt von dieser Gentrifizierung Vorteile, indem die Bar von Hipstern als “the most shittiest bar” gekürt wird und ein Anlaufpunkt für sie wird.

Auch das Bildungssystem wird immer wieder kritisiert. Zwar liegen die bekannten Universitäten Harvard, Yale oder Brown immer in den vorderen Rängen, aber im “Land der freien Möglichkeiten” ist der Hochschulzugang nicht jedem garantiert — so wie wir es in Österreich kennen. Nein, denn entweder ergattert man als Genie oder als vielversprechender Sportler ein Stipendium, oder man ist darauf angewiesen, exorbitante Summen für Studiengebühren aufzubringen. Oft steht man nach dem Studium mit Schulden von über 100.000 US-Dollar in der Kreide. Der kontinuierliche Anstieg der jährlichen Schulden von StudentInnen ist in der folgenden Grafik anschaulich illustriert.

studenten-grafik
(Screenshot via Josh Mitchell/The Wall Street Journal)

In Shameless betrifft dieses Problem vor allem Lip, der zwar als Genie leicht ein Stipendium bekommen würde, aber sich mehr auf andere Sachen konzentriert — Sex, Drugs & Alcohol. Obwohl er es letztendlich trotzdem schafft, thematisiert die Serie immer wieder Probleme, die Lip aufgrund seiner unterschiedlichen sozialen Herkunft widerfahren. Lip hat durch seine Herkunft schon an der Uni selbst schwerer zu kämpfen als die privilegierten Studenten. Auch seine „Scheiß auf alles und jeden“-Mentalität erschwert ihm natürlich sein Studium, jedoch zeigt die Serie Unterschiede, wie verschieden die Welten — College und South Side — sein können. Viele meinen, Lip käme am ehesten nach Frank, da auch sein Vater sehr intelligent ist, aber durch Alkohol und Drogen sein Leben versaut hat. Ob Lip das College trotz seiner Eskapaden abschließen kann? Ein unendliches Auf und Ab.

Man könnte noch ewig Beispiele finden, durch die Shameless die US-amerikanische Gesellschaft durch den Kakao zieht. Kommenden Sonntag ist das Staffelfinale und bisher schaffte die Serie es immer, einen grandiosen Abschluss einer Staffel raus zu pauken. Für alle, die noch immer nicht in den Genuss dieser Serie gekommen sind, ein letzter Gruß der Gallaghers: “What the fuck have you been doing? I’m feeding five kids and you can’t even watch this fucking show? Goddammit!”

Christian auf Twitter: @ch_haslinger9

[Foto: Dustin Batt/Flickr (Shameless-Haus)/CC BY-SA 2.0/Southgeist/Wikimedia (Kameras)/CC BY-SA 3.0/Marcok/Wikimedia (Villa)/CC BY-SA 3.0 Illustration von kultort.at]

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