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“Bon (H)Iver” — guter Winter

'22, A Million' ist am 20. September erschienen

“Bon (H)Iver” — guter Winter 19. Dezember 20161 Comment

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Justin DeYarmond Edison Vernon, geboren in Eau Claire, einer Kleinstadt in Wisconsin. Den meisten wird er kein Begriff sein, nennt man jedoch eines seiner vielen Bandprojekte, wird einiges klar: Justin ist Songwriter und Frontman der Band Bon Iver. Er besuchte die Highschool und Universität in Eau Claire und machte einen Major in Religious Studies und einen Minor in Women’s Studies. In einem Interview verriet er, dass er nicht dazu bereit war, Musik zu studieren. Mit seiner ersten Band DeYarmond Edison zog er nach North Carolina, wo nichts so funktionierte, wie es sollte. Der kleine Abstecher nach North Carolina wurde mit der Auflösung seiner Band und der folgenschweren Trennung seiner damaligen Freundin beendet. Und weil zwei Schicksalsschläge nicht genug sind, erkrankte er auch noch an Pfeifferschen Drüsenfieber.

Justin beschloss sich auf der kleinen Hütte seinen Vaters einzuschließen, um sich dort auszukurieren. Laut eigenen Angaben hatte er überhaupt nicht geplant, auch nur einen Ton Musik zu machen. Durch die Serie Northern Exposure bekam er aber zum ersten Mal die Idee des Namens Bon Iver. Und wie lässt sich Schmerz am leichtesten verarbeiten? Durch Kreativität. Es entstand ein Album (aufgenommen mit nur einem Mikrofon — Shure SM57 — ein unglaublicher Allrounder), das in seiner Verletzlichkeit unangetastet ist. For Emma, For Ever Ago erblickte das Licht der Welt. Nach dem Release ging alles ziemlich schnell. Label, internationaler Release, Pitchfork, Blogs, Erfolg, Grammy. Damit hatte niemand gerechnet.

Nach einem zweiten Album — Bon Iver, Bon Iver — und etlichen Touren wurde die Auflösung des Projekts bekannt gegeben. Zu viel Aufmerksamkeit und die damit einhergehende Veränderung der Musik und dem zu vermittelnden Gefühl wurde als Grund genannt. Verständlich — aber trotzdem traurig. Umso mehr machten Hipsterherzen auf der ganzen Welt Luftsprünge, als im Sommer 2016, fünf Jahre nach dem letzten Release, ein Comeback eingeläutet wurde. Medien überschlugen sich, nein, die ganze musikalische Welt überschlug sich vor Freude. Mehr als nur plausibel, denn Totgeglaubte stehen selten wieder auf.

Zunächst gab es im Juli einen mysteriösen Countdown, der verheißungsvoll von der Facebook-Seite der Band prangerte. Man wusste, es war etwas im Busch. Nach Ablauf des Countdowns wurde ein Musikstück mit angehängtem Video gepostet, eine erste Single. “22 (Over Soon)” ließ viel Spielraum offen und doch erkannte man eine ganz klare, neue Richtung. Alles, was auf den ersten beiden Alben zu hören war, wurde hier über einen Haufen geworfen. Die Songs wurden elektronischer, abstrakter. Für viele war es ein Stich ins Herz. Warum hört man keine Instrumente mehr? Warum gibt es nur mehr “Soundeffekte” zur Untermalung der Stimme? Viele der Casual-Hörer fühlten sich etwas hintergangen. “Das ist doch nicht mehr Bon Iver! Oder? Aber okay, es ist ja nur eine Single. Vielleicht einfach nicht so viel hineininterpretieren und erst mal abwarten, wie der Rest klingt.” Doch die Indie-Folk Fans sollten enttäuscht werden.

22, A Million erschien am 20. September. Beim ersten Durchhören wurde sofort einiges klar: Der klassische Bon Iver Sound ist fast non-existent. Was aber auf alle Fälle übrig bleibt, ist der Falcette-Gesang des Justin Vernon. Der Vibe, den man beim Hören der Alben zuvor immer fühlte, ist immer noch zu spüren, wahrscheinlich sogar stärker als zuvor. Vielleicht liegt es an der Pause, aber das erste Durchhören fühlte sich an wie das Heimkommen nach einer langen Reise. Bon Iver legte schon immer viel Wert auf Harmonie, doch auf 22, A Million übertraf sich die Band selbst. Justin schreibt seine Musik immer ohne externe Produzenten, er braucht niemanden, er beherrscht alles selbst. Sounddesign dürfte eine große Rolle im Produktionsprozess gespielt haben. Vocoder, extrem viele verschiedene Synthsounds, Samples aus alten Songs und natürlich der gute alte Auto-Tune. Jedes Mal wenn Auto-Tune für tot erklärt wird, erweckt ihn jemand wieder zum Leben. Und das seit Cher.

Die Pause hat der Musik auf alle Fälle gut getan. Nicht, dass eine Veränderung nötig gewesen wäre. Es ist jedoch immer sehr erfrischend zu sehen, wie weit Musiker oft gehen und welche Sphären Sounds annehmen können. Bon Iver sind kraftvoller und stärker wiedergekehrt, als irgendjemand annehmen konnte. Natürlich, viele Fans wurden enttäuscht und ja, das Album ist bestimmt das schwierigste der drei, doch auch nach über 100 Durchläufen wird der Longplayer nicht langweilig. Das schaffen nicht viele Bands.

Justin ist kein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht. Seine Musik rückt ihn jedoch immer wieder genau dorthin. Es ist die wunderschöne Verletzlichkeit, die dieses Gesamtpaket zu etwas Außergewöhnlichem macht. Bon Iver ist mehr als nur eine Band. Bon Iver ist jener Wegbegleiter, der genau die Dinge ausdrückt, für die wir keine Worte finden. In Songs verpackte Liebe, Depression, Freude und Trauer, die einen nicht loslassen.

Dominik auf Twitter: @dominikwendl

[Foto: Jason Persse/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

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