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Hört auf, zu Weihnachten verzweifelt nach den letzten Geschenken zu suchen

Hört auf, zu Weihnachten verzweifelt nach den letzten Geschenken zu suchen 21. Dezember 2016Leave a comment

Redakteurin

Ich liebe Weihnachten. Ich höre meistens schon Mitte November das erste Mal “Last Christmas” — Love Actually und The Holiday stehen bei mir ebenfalls spätestens ab dem ersten Dezember auf dem Programm. Ich liebe es, Geschenke zu bekommen und mindestens genauso gern verschenke ich Dinge. Bisher war das für mich auch nie wirklich ein Problem, eine Kleinigkeit für meine Freundinnen oder Geschwister zu finden. Zur Not hat man eben eine Duftkerze verschenkt, vielleicht auch eine Packung Tee.

Im Laufe dieses Jahres habe ich mich aber von gut der Hälfte meines Kleiderschrankes getrennt. Ich versuche so minimalistisch zu leben, wie es mir guttut. Wenn ich Sachen nicht trage, verschenke ich sie. Wenn ich Gegenstände nicht verwende, müssen sie raus. So schwierig das am Anfang war, so befreiend ist es jetzt. In den letzten Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, wie dieser Lebensstil mit Weihnachten vereinbar ist. Eigentlich sollte es einem ja widerstreben, etwas zu schenken, nur weil man muss. Eigentlich ist Weihnachten viel zu konsumorientiert. Und eigentlich möchte ich da nicht mitspielen. Ich möchte meine eigenen Regeln für Weihnachten aufstellen.

Die Vorstellung am 22. Dezember mit gefühlt 7.000.000 Menschen über die Mariahilferstraße zu laufen und gestresst nach einem lieblosen Gegenstand für die beste Freundin der Tante meiner Mitbewohnerin zu suchen, widerstrebt mir. Ich möchte mich nicht hetzen lassen, sondern mir wirklich Gedanken darüber machen, wie ich meinen Mitmenschen eine Freude bereiten kann — und ja, dafür nehme ich es in Kauf, dass ich vielleicht nicht zehn Geschenke kaufen kann, sondern nur drei.

Laut dem Marktforschungsunternehmen GfK geben die Österreicherinnen und Österreicher im Jahr 2016 rund € 395 für Geschenke aus. 2015 wurden durch das Weihnachtsgeschäft insgesamt um die 1,63 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Für das Jahr 2016 erwartete sich die Wirtschaftskammer ein Umsatzplus von 1 %, welches wahrscheinlich auch erreicht werden wird. Wenn diese 1,63 Milliarden Euro in Geschenke mit Mehrwert investiert worden wären, spräche absolut nichts gegen das Schenken. Dass das mit der Realität leider sehr wenig zu tun hat, ist wahrscheinlich jedem von uns bewusst. Wir alle bekommen jährlich von unseren Opas und Omas und Tanten und Onkeln T-Shirts, die wir nie anziehen werden und Bücher, bei denen wir “Ähm … danke!” murmeln. Gegen unliebsame Verwandtschaftsgeschenke kann man sich kaum wehren. Außerdem fühlt man sich dabei immer irgendwie undankbar — selbst wenn der eigene Geschmack um zehn Kilometer verfehlt wurde.

Im Freundeskreis lassen sich solche Situationen allerdings sehr wohl vermeiden. Früher war ich der Meinung, dass Kleinigkeiten zu verschenken dazu gehört. Quasi, um sich gegenseitig eine Freude zu machen. Ich habe tausend Badekugeln in kitschiges Geschenkpapier verpackt und noch viel mehr Duftkerzen angenommen — mit dem Resultat, dass mein Zimmer wochenlang intensiver roch als jeder Parfumladen. Seither versauern die Kerzen im untersten Eck meiner Kommode.

Dieses Jahr werde ich das anders handhaben. Mit dem Großteil meines Freundeskreises habe ich besprochen, die Geschenke einfach ganz ausfallen zu lassen. Weil keiner wirklich das Budget hat, jemand anderem etwas Tolles zu kaufen und weil es unnötig ist, für vier Euro einen Deko-Gegenstand oder eine Kette, die nach drei Mal tragen abreißt, zu erwerben. Wir brauchen diese Dinge nicht. Die gut gemeinte „Kleinigkeit“ ist nur ein Besitztum mehr, das irgendwo im Zimmer herumsteht und nirgends wirklich dazu passt. Eine weitere Ausgabe, wegen der ihr im vorweihnachtlichen Prüfungsstress panisch durch Amazon scrollt und versucht, die Stimme im Hinterkopf zu ignorieren, die euch sagt, dass ihr dort ja eigentlich gar nicht bestellen sollt. Eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens meinungsraum.at beweist, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin: 57 % der ÖsterreicherInnen fühlen sich in der Vorweihnachtszeit ausgelaugt und fast ein Viertel dieser Gruppe nennt als größten Stressfaktor das Aussuchen und Besorgen von Geschenken.

Das möchte ich nicht mehr. Dieses Jahr verschenke ich zu Weihnachten vor allem eines: Zeit. Ich verschenke Raclette-Abende und gemeinsames Punschtrinken und endlose Nachmittage in Kaffeehäusern. Ich spare mir den vorweihnachtlichen Stress und investiere stattdessen in meine Beziehungen. Und vor allem sorge ich dafür, dass ich auch vor Weihnachten Zeit habe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Meine Freundschaften und meine Familie. Und das solltet ihr auch tun.

[Foto: © Magdalena Berger/Illustration von kultort.at]

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