Warum Craig Sager viel mehr als nur ein ausgezeichneter Sportreporter war

Craig Sager

In der National Basketball Association (NBA) ist oft von einer “familiären Atmosphäre” die Rede, die von Commissioner Adam Silver bis zu Rollenspielern und Teamärzten reicht. Dies liegt wohl auch daran, dass die Kader der besten Basketballliga der Welt im Vergleich zu American Football, Baseball oder Eishockey viel kleiner sind. Oft bekommt man allerdings in großen Sportligen das Feeling, dass dieses Familiengefühl nur eine erfolgreiche Inszenierung der riesigen PR-Maschinen ist — mehr als ein “Das muss man halt tun” rüberkommt, anstatt eines “Wir wollen das auch wirklich tun”.

Vergangene Woche am Donnerstag fühlte es sich allerdings anders an, als die NBA eine Nachricht erreichte, die zwar nicht immens überraschend kam, aber trotzdem — von Spielern über Trainer bis zu Fans — jeden einzelnen mitten in’s Herz traf: Craig Sager ist im Alter von 65 Jahren an Leukämie verstorben. Beinahe überwältigend waren die Reaktionen aller Betroffenen sowohl auf den Sozialen Netzwerken als auch in den klassischen Medien. Innerhalb weniger Minuten wurde #SagerStrong zu einem der weltweit am meisten verwendeten Hashtags auf Twitter & Co. — ein klares Indiz für den hohen Stellenwert, den Sager in der NBA genoss. Doch wie kann man sich erklären, dass der Tod eines schon etwas in die Jahre gekommenen Sportreporters, der während eines NBA-Spiels nur rund vier kurze Fragen stellen durfte, die gesamte Basketballwelt in derartige Trauer versetzte?

Geboren 1951 in einer Kleinstadt in Illinios begann Craig Graham Sager seine Sportreporterkarriere bereits in den 1970er Jahren. Das erste Mal auf sich aufmerksam machte er im April 1974 bei einem Baseballspiel, als Hank Aaron von den Atlanta Brewers seinen rekordbrechenden 715. Home Run schlug, Sager die Security durchbrach und der Jungjournalist mit seinem eleganten weißen Mantel eines der ersten Interviews mit dem Rekordmann bekam. Es folgte eine erfolgreiche Karriere bei den US-amerikanischen Fernsehsendern CNN, TBS und CBS, wo Sager über College Football, Fußball, Curling und noch viele weitere Sportarten berichterstattete.

Am bekanntesten ist Sager allerdings für seine Arbeit als Sideline Reporter bei den NBA-Übertragungen des Sportsenders Turner Sports (TNT). Die Aufgabe des Sideline Reporters ist es hauptsächlich, den Cheftrainer eines Teams in der Pause zwischen dem ersten und zweiten Viertel sowie den anderen Coach während der Unterbrechung zwischen dem dritten und vierten Spielabschnitts zu interviewen. Hierbei sieht das Regelwerk vor, dass jeweils nur zwei Kurzfragen an den jeweiligen Trainer während der Viertelpause erlaubt sind, was es sehr schwer macht, in dieser kurzen Zeit ein auch nur im Geringsten interessantes Gespräch zu generieren. Während bei den meisten ReporterInnen hierbei sehr leicht zu erkennen ist, dass sie einfach zwei Fragen auswendig lernen und diese den Coaches dann hektisch stellen, gelang es dem erfahrenen Sager, aus diesen Kurzinterviews Must-See-TV zu machen. Nach der ersten Trainerantwort folgte nicht einfach nur die zweite einstudierte Frage, sondern der routinierte Reporter ging auf die Antwort des Coaches ein und entschied sich erst dann für eine zweite Frage. Hört sich alles recht unkompliziert an, könnte man bei Berücksichtung des Zeitdrucks allerdings auch als Kunst bezeichnen, die im US-amerikanischen Sportjournalismus niemand so beherrschte wie der fünffache Vater.

“Why do I want to look like everyone else?”

Sager war aber nicht nur aufgrund seiner eleganten Interviewführung eine Klasse für sich selbst, sondern auch sein Kleidungsstil suchte seinesgleichen. Der nun Verstorbene schreckte bei seinen Anzügen vor keiner Farbkombination zurück und beeindruckte dabei vor allem mit seiner Liebe für’s Detail — die Rede ist hier von zum Sakko passenden Stecktüchern und ausgefallenen Socken, welche laut Sager selbstverständlich zu einem gelungenen Herren-Outfit dazugehören.

Mit dieser sympathisch wirkenden Kombination, bestehend aus souverän geführten Interviews, die auch für den ein oder anderen amüsanten Moment mit einer Großzahl der NBA-Prominenz sorgten, und seiner voller Selbstvertrauen strotzenden Gaderobe gelang es Sager, zu einem Fixpunkt für jede NBA-Übertragung von TNT zu werden.

Doch dann die Diagnose: Akute myeloische Leukämie (AML) — die häufigste Form schwerwiegender Leukämien bei Erwachsenen. Sager ging 2014 in Therapie und die Playoffs mussten dieses Jahr ohne den populären Sideline Reporter über die Bühne gehen. Die Behandlung trug allerdings seine Früchte und Sager kehrte im März des Folgejahres zurück vor die Bildschirme von Millionen Basketballfans. Nach einem weiteren gesundheitlichen Rückschlag sollte ein ewiges Hin und Her zwischen Therapiebesuchen und NBA-Spielen folgen.

Mit dieser gesundheitlich permanenten Berg- und Talfahrt und Sagers Entscheidung, sich nicht von der Außenwelt abzuschotten, sondern seinen Kampf gegen Krebs in aller Öffentlichkeit auszutragen, schaffte er es, unzählige weitere Krebserkrankte ebenfalls zu motivieren, dem Kampf gegen die bösartige Tumorerkrankung nicht klein beizugeben. Dies führte zur Gründung der SagerStrong Foundation, deren Ziel es ist, dass “eines Tages Leukämiepatienten und deren Familien nicht mehr so schwierige Momente erleben, wie wir sie ertragen mussten”. Auch die NBA beteiligte sich an dieser Aktion, indem sämtliche Spieler beim Aufwärmen das offizielle (und zu Sager sehr passende) T-Shirt der SagerStrong Foundation trugen.

“Time is simply how you live your life.”

Für den berührendsten Moment sorgte Sager vergangenen Juli, als er in einer Dankesrede für den “Jimmy V Perseverance Award” bei den ESPY-Awards sein Leben reflektierte und erklärte, warum er sich für diesen Weg entschieden hatte. Diese Rede wird in Erinnerung bleiben als einer der emotionalsten Momente des gesamten Jahres 2016. Am 13. Dezember, nur zwei Tage vor seinem Tod, bekam Sager seinen rechtvollen Platz in der “Sports Broadcasting Hall of Fame”. Es sollte der letzte feierliche Anlass bleiben, an dem er mit seiner Frau Stacy mit einem kühlen Bud Light anstoßen könnte.

So betroffen die NBA und deren Fans nach dem Tod eines der bekanntesten Sportjournalisten des letzten halben Jahrhunderts waren — niemandem gelang eine so adäquate Geste wie dem Cheftrainer der Golden State Warriors, Steve Kerr. Vor dem Donnerstagsspiel gegen die New York Knicks, übertragen auf TNT, bat er das gesamte Publikum, nicht mit einer Trauerminute an den verstorbenen Sideline Reporter zu gedenken, sondern seine Karriere mit einem tosend lauten Jubel zu zelebrieren. Und genau so wird uns Craig Sager in Erinnerung bleiben — ein ambitionierter und gleichzeitig sympathischer Mann, der nie davor zurückschreckte, sein Leben so bunt wie möglich zu leben.

[Foto: Keith Allison/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von Simon Eder]

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