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‘Assassin’s Creed’ — der etwas andere Geschichtsunterricht

Die Videospielreihe ‘Assassin's Creed’ versucht sich nun auch in der Filmbranche

‘Assassin’s Creed’ — der etwas andere Geschichtsunterricht 5. Januar 20171 Comment

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Ezio Auditore da Firenze steht auf einem Hausdach im Florenz des 15. Jahrhunderts. Gekleidet in seiner typischen Assassinenkutte und an seinem Unterarm die allseits einsatzbereite, versteckte Klinge. Er beobachtet den darunterliegenden Innenhof. Ein Mitglied des Templerordens versteckt sich in der Menschenmasse. Nach kurzem Umsehen erblickt Ezio den Templer. Er verlässt das Dach, taucht in der Menge unter und bahnt sich seinen Weg in Richtung der Zielperson. Nur wenige Sekunden später kann das Attentat ausgeführt werden.

Helle Aufregung, die Menschenmasse löst sich auf und der Assassine ist plötzlich umringt von schwer bewaffneten Soldaten. Es bleibt nur die Flucht. In gekonnter Parcours-Manier springt Ezio über Dächer und Häuserschluchten und klettert auf den nächstgelegenen Turm. Oben angekommen und noch immer von Soldaten verfolgt stellt er sich auf einen schmalen Vorsprung und bereitet sich auf den sogenannten Todessprung vor. Nach mehreren Metern im freien Fall landet Ezio in einem Heuhaufen. Er wird nicht mehr verfolgt und kann unbemerkt den Heuhaufen verlassen — willkommen in der (Gaming-)Welt von Assassin’s Creed.

Assassin’s Creed startete 2007 und ist eine der erfolgreichsten Reihen des französischen Spieleentwicklers Ubisoft. Spätestens mit Assassin’s Creed II (die obigen Zeilen beschreiben eine Szene aus diesem Teil) im Jahr 2009 entwickelte sich die Serie zu einem grandiosen Spielerlebnis — vor allem aufgrund der Storyline rund um den Protagonisten Ezio. Doch was zeichnet diese Spiele aus? Warum wurden sie so beliebt und warum ist gerade die Ezio-Trilogie die beste der gesamten Reihe?

Zunächst muss über den Kern des Spieles aufgeklärt werden. Ein Barkeeper namens Desmond Miles wird in Gegenwart einer modernen Templer-Organisation namens Abstergo gefangen gehalten. Er soll ein Nachfahre der Assassinen sein,  einer Gruppierung, die aus dem Verborgenen heraus Jagd auf die Templer gemacht hat. Diese Templer waren im Besitz eines mächtigen Artefakts, dem Edenapfel. Mit diesem kann die gesamte Menschheit kontrolliert werden und somit ist es nicht verwunderlich, dass Abstergo dieses Artefakt in ihren Besitz bringen will.

Um dieses mächtige, historische Etwas in die Finger zu bekommen, braucht es ein Gerät, um in die Vergangenheit zu reisen, da viele Zeitepochen nur mehr aus Geschichtsbüchern und Dokumentarfilmen erlebt werden können. Mit diesem liegestuhlartigen High-Tech-Möbelstück, dem Animus, kann eine bestimme Zeitepoche nacherlebt werden. An dieser Stelle kommt wieder Desmond Miles ins Spiel, denn laut seiner DNA ist einer seiner Vorfahren der Assassine Altair, der zur Zeit der Kreuzzüge lebte. Er soll für Abstergo den besagten Edenapfel finden. So beginnt die Reihe mit dem bereits oben genannten Assassin’s Creed. In den drei Nachfolgern Assassin’s Creed II, Assassin’s Creed: Brotherhood und Assassin’s Creed: Revelations steht Ezio im Vordergrund. Die Teile spielen in der Zeitepoche der italienischen Renaissance und in Konstantinopel zur Zeit der Janitscharen.

Der geschulte Leser merkt bereits, welche Spezialität die Spielreihe aufweist. Jedes Spiel hat geschichtliche Bezüge und die Handlung findet immer in einer bestimmten Epoche statt. Zudem bauten die Spielentwickler bekannte historische Persönlichkeiten ein, die das Spiel sowohl realistischer als auch informativer machen. In Assassin’s Creed II ist Leonardo da Vinci eine zentrale Nebenfigur, ein Maler und Ingenieur im 15. und 16. Jahrhundert. Weitere geschichtsträchtige Persönlichkeiten sind unter anderem der allererste US-Präsident George Washington (Assassin’s Creed III), der französische General und Diktator Napoleon Bonaparte (Assassin’s Creed: Unity) und der englische Schriftsteller Charles Dickens (Assassin’s Creed: Syndicate).

Das Spiel ist im Genre Action-Adventure zu finden und wird in der Third-Person-Perspektive gespielt — die Kamera ist also hinter der Spielfigur positioniert. In einer offenen Spielwelt (“Open World”) kann sich der Gamer frei bewegen, der Hauptstory folgen oder unzählige Nebenaufgaben erledigen. So klettert man als Spieler hoch hinauf auf historische Gebäude und Türme, verfolgt Templer und Taschendiebe über die Rialtobrücke in Venedig oder reitet gemütlich mit dem Pferd am Kolosseum in Rom vorbei. Über die Jahre wurden sehr viele interessante Zeitepochen als Kulisse für die Spielwelt verwendet. Neben den Kreuzzügen und der italienischen Renaissance können die SpielerInnen auch die Französische Revolution, den Unabhängigkeitskrieg in den USA und die industrielle Revolution in London zur Zeit des viktorianischen Zeitalters nacherleben — ein moderner Geschichtsunterricht also.

Von 2007 bis 2015 entstanden ganze neun Teile der Hauptreihe, dazu kommen unzählige Ableger für tragbare Konsolen wie PlayStation Vita und vor kurzem drei Spiele als Sidescroller — das klassische 2D Game, wo die Spielfigur von links nach rechts bewegt wird.

Doch das war Ubisoft nicht genug. Sie hatten die Idee, eine Film-Franchise aufzubauen. Im Jahre 2011 war Sony Pictures kurz davor, die Rechte zu erkaufen. Die Verhandlungen scheiterten allerdings und der Spieleentwickler plante für kurze Zeit, den Film mit seiner eigenen Produktionsfirma Ubisoft Motion Pictures zu realisieren. Ihr Budget war allerdings zu knapp und glücklicherweise konnte das US-amerikanische Filmstudio 20th Century Fox und die Produktionsfirma New Regency mit ins Boot geholt werden. Der Australier Justin Kurzel sollte Regie führen.

Videospielverfilmungen haben keinen guten Ruf, da bissen sich einige bekannte Filmemacher schon die Zähne aus. Das liegt daran, dass man sowohl Fans als auch allgemeine KinobesucherInnen, die zum ersten Mal in die Thematik eintauchen, zufriedenstellen muss. Es gibt sehr viele schlechte Beispiele, bei denen der Wechsel von der Konsole auf die Kinoleinwand nicht funktionierte.

Zum Beispiel Angry Birds, eines der beliebtesten Handyspiele überhaupt. Das Spielelement mit den fliegenden Vögel kommt erst sehr spät im Film zur Geltung, davor wurde eine eher langatmige Story erzählt, die wenig mit dem Spiel zu tun hat. Bei Warcraft: The Beginning war das Problem, dass sich die Filmemacher zu sehr darauf fokussierten, die Fans zufriedenzustellen. Als normaler Filmfan war es schwer, sich alle Begriffe, Figuren und Orte zu merken. Es fehlte die Einführung.

Assassin’s Creed hingegen macht vieles richtig und baut neue Ideen mit ein, die nachvollziehbar sind. Der Animus beispielsweise, der in den Computerspielen als Liegestuhl dargestellt wird, wurde passend verändert. In der Verfilmung wird der Protagonist in einen mechanischen Greifarm gespannt, der hoch oben an der Decke montiert wurde. Sobald der Vorfahre ein Haus hinaufklettert,  bewegt der Greifarm die Person automatisch mit hinauf. Da diese im Animus auch gleichzeitig zum Assassinen ausgebildet wird, macht die Veränderung sehr viel Sinn.

Die Geschichte wurde hingegen, angelehnt an die Desmond Miles-Storyline, neu geschrieben. Die Szenen in der Vergangenheit spielen zur Zeit der spanischen Inquisition und fallen bombastisch aus. An dieser Stelle kommt das Spielprinzip von Assassin’s Creed so richtig zur Geltung. Viele Action-Sequenzen, Verfolgungsjagden über Dächer und Häuserschluchten — und auch der Todessprung ist zu sehen. Hier wurde großartige Arbeit geleistet. Es fehlt nur die Einführung des Assassinen Aguilar, aber das ist Jammern auf höchstem Niveau.

Natürlich hat die Verfilmung auch ihre Schwächen und das ist vor allem der Handlungsstrang in der Gegenwart. Die Einführungen, wie etwa jene der Figur Callum Lynch (großartig gespielt von Michael Fassbender), sind noch gut gelungen. Es wird auch erklärt, wer Abstergo ist und welchen Zweck die Organisation verfolgt. Genauso wie in den Spielen hätten die Verantwortlichen hier allerdings mehr herausholen können, da diese Sequenzen ein wenig das Tempo rausnehmen und die Dialoge nur an wenigen Stellen tiefgründig ausfallen. Nichtkenner der Spielreihe müssen aber auch erreicht werden und so wird auf eine für den Laien nicht immer zu 100 % nachvollziehbare Art viel erklärt und geredet. Trotzdem haben die Filmemacher diese Erklärungen gut inszeniert und das macht Assassin’s Creed zur bislang besten Videospielverfilmung überhaupt.

Seit dem 27. Dezember 2016 läuft die Videospielverfilmung in den Kinos. Neben Fassbender sind noch bekannte Namen wie Marion Cotillard, Jeremy Irons und Brendan Gleeson mit dabei. Einige Charaktere wurden etwas zu eindimensional inszeniert, aber die Schauspielleistungen der genannten Namen sind dennoch beeindruckend. Sie holen das Beste aus ihren Figuren heraus. Geht in die Kinos, schaut ihn euch an und werdet Teil einer spektakulären Franchise, die hoffentlich eine Fortsetzung bekommt. Das haben sich alle Beteiligten verdient.

Thomas auf Twitter: @plapperblog

[Foto: bagogames/Flickr (Krieger)/CC BY-SA 2.0/McHeisenburglar/Wikimedia (Schriftzug)/Nali Salar Yahya/Wikimedia (Logo)/CC BY-SA 4.0/Illustration von kultort.at]

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