Wie lange können wir uns Skifahren noch leisten?

Kultort-Artikelbild-Schifahren-zu-teuer

“Oh Austria, so … you like skiing?” ist der erste Satz, den ich oft zu hören bekomme, wenn ich im Ausland meine Herkunft erwähne. Meistens finde ich solche Klischees ziemlich mühsam und überholt, aber ja, ein bisschen Wahrheit steckt da ja schon dahinter. Skifahren ist schließlich eine der wenigen Sportarten, in denen wir auch international brillieren, und gilt deshalb als österreichischer Nationalsport. Skirennen, wie etwa die Abfahrt in Kitzbühel, waren in meinem Elternhaus fast der einzige Grund den Fernseher während dem Essen eingeschaltet zu lassen — mitfiebern inklusive.

In meiner ehemaligen Klasse konnte so gut wie jeder Skifahren oder Snowboarden. Darum nahmen wir auch fast geschlossen am Skikurs teil. Sieht man sich die Zahlen an, ist das ein sehr ungewöhnliches Szenario, das sich wahrscheinlich auf die periphere Lage meines damaligen Gymnasiums zurückführen lässt. Wie der Standard berichtete, nahmen vor 25 Jahren noch mehr als 200.000 Kinder pro Jahr an einem Schulskikurs teil — 2011 sind es nur noch um die 140.000.

Es gab unterschiedliche Ansätze, die Schülerinnen und Schüler wieder auf die Piste zu holen. Die Wirtschaftskammer forderte im Jahr 2009 die Wiedereinführung der Schulskikurspflicht. Das Land Oberösterreich zum Beispiel stellt gratis Liftkarten zur Verfügung, sofern der Schulskikurs im eigenen Bundesland stattfindet. Trotzdem wirkt es, als hätte Skifahren als Nationalsport ausgedient.

Bis zum Jahr 2100 könnte die Durchschnittstemperatur in Österreich um bis zu vier Grad ansteigen. Die daraus resultierenden mangelnden Schneeverhältnisse erfordern ständige Beschneiung und Instandhaltung — und das bedeutet Kosten. Skigebietsbetreiber wissen, dass die Nachfrage sinkt und reagieren darauf nicht mit einem Umdenken im Sinne nachhaltiger Tourismuswirtschaft, sondern mit knallhartem Ausbau. In den österreichischen Alpen bekommt man das Gefühl, als würde ein regelrechtes Wettrüsten stattfinden. Pläne für Erweiterungen und Verbindungen gibt es in Tirol zum Beispiel für das Ötztal und das Pitztal und in Oberösterreich für Hinterstoder/Höss und die Wurzeralm. Vor allem letzteres ist aufgrund der äußerst kritischen Schneesituation (die Talstation in Hinterstoder liegt bei 600 Höhenmetern) und der Lage im Naturschutzgebiet ein Projekt, das jegliche nachhaltige Zukunftsplanung mit Füßen tritt. Es geht darum, die zahlende Kundschaft zu halten — und die wird immer anspruchsvoller.

Laut der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA gibt es alleine in Österreich 21 Projekte, deren Ziel eine Skigebietserweiterung ist. Der Fall Hinterstoder/Höss-Wurzeralm ist bei weitem nicht der einzige, bei dem Naturschutzgebiete ignoriert werden. Kleinere Skigebiete werden dabei häufig übergangen — sie gelten oft als nicht förderungswürdig. Das habe ich als Anrainerin am eigenen Leib gespürt: Der Lift in meinem Heimatort, an dem ich Skifahren und später Snowboarden lernte, wurde dieses Jahr nicht wieder in Betrieb genommen. Es scheiterte an der Neuanschaffung eines adäquaten Liftseiles.

Der Verein für Konsumenteninformation hat die Preise von 80 österreichischen Skigebiete verglichen und die Zahlen sprechen für sich: In Kitzbühel zahlt man für eine Tageskarte als Erwachsener inzwischen € 53, am Arlberg € 52. In ersterem erhält man für seinen Preis 215 lokale Pistenkilometer, in letzterem 305. Vergleicht man diese Preise allerdings mit Skigebieten, die weniger Pistenkilometer aufweisen, wird man schnell stutzig. Hinterstoder-Höss hat 40 lokale Pistenkilometern, fünf von 18 Pisten (Stand: 5. Jänner 2017) sind geschlossen, darunter drei von vier schwarzen Pisten. Dennoch beträgt der Preis für eine Tageskarte pro Erwachsenen € 42,50. Das sind nur knappe € 10, aber dafür 175 bzw. 265 Pistenkilometer weniger als in Kitzbühel oder am Arlberg.

Ja, Skifahren ist ein Freiluftsport und ja, natürlich hängt dieses Hobby vom Wetter ab. Wenn Skigebiete allerdings nicht mit gezuckerten Hügeln, sondern eisigen Kunstschneepisten locken, wie es vor dem großen Schneefall der letzten Tage der Fall war, überlege ich mir dreimal, ob ich in der Hauptsaison den vollen Preis bezahlen möchte — vor allem, weil dieser jährlich steigt.  Im Durchschnitt wurden Liftkarten im Vergleich zum Vorjahr um 1,95 % teurer, obwohl der Verbraucherpreisindex (VPI) im Jahresabstand nur um 0,9 % angestiegen ist. Noch deutlicher wird das im längeren Vergleich: Seit der ersten Erhebung im Jahr 2004/05 stellte der Verein für Konsumenteninformation eine Erhöhung von 44 % fest — der VPI stiegt allerdings im selben Zeitraum nur um 25 %. Bei 6-Tages-Skipässen beträgt die Erhöhung sogar 52 %.  Für den durchschnittlichen Wintersportler sind diese Erhöhungen kaum mehr nachvollziehbar.

Die genannten Entwicklungen sind seit Jahren abzusehen. Wir wissen um den Klimawandel Bescheid. Wir wissen, dass Skifahren bei der derzeitigen Preissituation nicht mehr lange massentauglich sein wird. Aber wir wissen auch, dass wir Skifahren für den österreichischen Tourismus brauchen. Darum braucht es neue Konzepte. Konzepte, die zukunftsfähig sind und sich im Einklang mit der Natur befinden. Wenn der Skitourismus weiterhin bestehen will, muss er sich in seinem Kern verändern — und das besser heute als morgen.

[Foto: © Magdalena Berger/Illustration von kultort.at]

More from Magdalena Berger

Hört auf, zu Weihnachten verzweifelt nach den letzten Geschenken zu suchen

Ich liebe Weihnachten. Ich höre meistens schon Mitte November das erste Mal...
Read More

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*