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Wenn Gamer zu Charity-Profis werden

Was ist, wenn jemand ein ganzes Videospiel in unter 20 Minuten schafft?

Wenn Gamer zu Charity-Profis werden 18. Januar 2017Leave a comment

Redakteur

Videospiele. Ein Phänomen der Neuzeit. Menschen sitzen vor flimmernden Bildschirmgeräten und beschäftigten sich stundenlang mit surrealen Welten und Rätseln in eben diesen. Als Nintendo 1983 das Nintendo Entertainment System, kurz NES, auf den Markt brachte und somit die ganze Videospielbranche revolutionierte, konnte noch keiner ahnen, dass 2017 durch einen Spiele-Marathon über 2 Millionen US-Dollar an Spenden für die Prevent Cancer Foundation gesammelt werden würden. Viele Menschen spielen eine Woche lang viele Games, jedoch nicht so wie jeder andere auch — sondern verdammt schnell. Im Fachjargon nennt man das “Speedrun”. Aber jetzt mal langsam und von vorne:

“Speedrun? Hä?” Die Verwunderung ist keinesfalls unangebracht. Die Erklärung dazu lautet wie folgt: Fast jeder hier wird The Legend of Zelda: Ocarina of Time kennen, oder? (Ich gehe hier von einem Ja aus — es ist ja immerhin Kult.) Unser kleines Ich hat wahrscheinlich mehr Stunden vor dem Fernseher verbracht, als uns jetzt im Nachhinein lieb ist. Bei normalem Tempo dauert es circa 24 Stunden, bis man den bösen Ganondorf den Hyrulen besiegt hat und endlich Prinzessin Zelda in den Armen hält. (Nein, man spielt nicht Zelda. Man spielt Link!) 24 Spielstunden. Das ist ein Tag.

Doch was ist, wenn es jemand in unter 20 Minuten schafft? Unmöglich? Absolut nicht!

In sogenannten “Speedruns” versucht man das Spiel auf die schnellstmögliche Art zu beenden. Es gibt hier allerdings verschiedene Disziplinen. Die zwei meist verbreitesten sind folgende: “Any%” (Das Spiel einfach so schnell wie möglich beenden) und “100%” (Das Spiel mit allen möglichen Inhalten beenden). Für viele Titel gibt es spielspezifische Kategorien.

“Aber der springt doch durch Wände und so?!? Das ist doch Cheaten!” — Nein, diese Tricks und Kniffs wurden teilweise in jahrelanger Kleinstarbeit gefunden. Es gibt etliche Communitys, die nichts Anderes machen außer Bugs in Spielen zu suchen. In ebenso langer Zeit werden diese Tricks dann trainiert, um sie zu perfektionieren. Es ist wie im Sport: Was ein professioneller Schifahrer auf der Streif sehr leicht aussehen lässt, ist für andere Selbstmord! In diesem Fall dann eben Fingermord.

Am 6. Jänner 2011 traf sich zum ersten Mal eine kleine Gemeinde an Speedrunnern, um den Spendenmarathon Awesome Games Done Quick (AGDQ) abzuhalten. Das Event ging vom 6. bis zum 11. Jänner und es wurden Spenden in einer Höhe von 52.519,83 erzielt. Zu dieser Zeit waren es noch kleine Räume, die angemietet wurden, um eine Woche lang verschiedenste Spiele ohne Unterbrechung zu spielen. Gespielt wurde alles Mögliche: Klassiker wie Super Mario, moderne Spiele wie Grand Theft Auto oder einfach nur idiotische Spiele wie Sega Bass Fishing. Ja, das ist ein Fischersimulator — und ein Must-Watch!

Die GDQ gibt es zweimal im Jahr. Im Winter ist es die AGDQ und im Sommer die SGDQ (Summer Games Done Quick). Bei diesen Marathons geht es in erster Linie um die Charity-Organisation, die dadurch unterstützt wird. Im Winter ist es die Prevent Cancer Foundation, im Sommer Doctors Without Boarders. Hierbei wurden bereits mehrere Millionen Dollar gespendet. Viele der Runner sind Vollzeit-Streamer, das heißt, sie spielen Spiele für viele Menschen im Internet und leben davon. Finanziert wird das durch Werbung, Spenden und Kanal-Abonnements.

Jedes Jahr durften sich die Veranstalter der GDQ-Events über mehr und mehr Aufmerksamkeit freuen, denn inzwischen wird in einem großen Kongressraum vor bis zu über 1.600 ZuseherInnen vor Ort gespielt. Dazu kommen die durchschnittlichen 150.000 ZuseherInnen auf der Streaming-Plattform Twitch. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass es sich hier um Menschen handelt, die Computerspiele sehr schnell durchspielen. Und das alles für einen guten Zweck. Da kann Mama eigentlich sehr stolz sein.

Videospiele sind trotzdem in der Öffentlichkeit weiterhin ein sehr kontroverses Thema. Immer wieder wird über Spielsucht, Einfluss auf Kinder und generelle Verblödung oder Verrohung durch Videospiele gesprochen. Außerdem schreien Konsumentenschützer, Politiker und sowieso jeder Mensch mit Meinung immer wieder auf, wenn ein Jugendlicher mit Waffe in die Schule geht und mordet. Man möchte anmerken, dass dies meist in den USA passiert. Sich Gedanken über das Waffengesetz zu machen wird aber erstmal außen vorgelassen, denn das ist ja ein Grundrecht. Aber das ist ein anderes Thema. Doch ja, es stimmt, über die Jahre wurde auch das immer weniger und Menschen machten sich bessere Bilder über das vielgeliebte Bildschirmflimmern. Aber ist es immer noch gang und gäbe, dass man blöd angeschaut wird, wenn man sagt “Computerspiele sind mein Hobby”. Man verkommt sofort in das berühmte “Nerd-Tum”.

Lustig dabei ist, dass das Videospiel so gut wie in jedem Haushalt Einzug genommen hat und trotzdem herrschen noch viele Vorurteile. Ob auf einer Konsole, am PC oder am Handy — quasi jeder durfte schon in den Genuss eines kleinen Boss-Fights kommen. Eindrucksvoll bewies uns das diesen Sommer Pokémon Go. Eltern drehten Runden mit ihren Kids und verstanden dann auch, woher diese Faszination kommt. Man konnte Horden an Menschen beobachten, die gemeinsam eine gute Zeit hatten. Man mag zu diesem Spiel stehen wie man will, aber es hat viele Komponenten des Gamens und des Real-Life zusammengeführt und dadurch ein großes, lustiges Konglomerat geschaffen. Das könnte man sich als Vorbild nehmen. Egal, auf welcher Seite der Videospiel-Diskussion man steht.

Videospiele gehören inzwischen dazu. Und wenn sich ein Haufen Liebhaber, Zuseher und Hardcore-Zocker zusammentun, um Geld für die Krebsforschung zu sammeln, sollte man das dankend hinnehmen. Sage und schreibe rund 10.000.000 (!!!) haben die Veranstalter der GDQ-Serie seit 2011 gesammelt. Wenn man immer noch Gamer in eine Ecke rücken will, kann man das natürlich tun. Dann ist man halt ein Depp. Aber zu behaupten, jeder Gamer sitzt nur zuhause, schert sich nicht um andere und wird dabei verrückt — damit sollte man vorsichtig sein. Denn die Szene lebt und wächst. Jeden Tag.

Dominik auf Twitter: @dominikwendl

[Foto: Damian_Yerrick/Wikimedia (Tetris)/Gemeinfrei/BagoGames/Flickr (Super Mario)/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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