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Raf Camora — ein vergessener österreichischer Musikexport

In Deutschland stürmt er seit Jahren die Charts und 2016 lieferte er das mit Abstand meistverkaufte deutschsprachige Album seines Genres ab

Raf Camora — ein vergessener österreichischer Musikexport 23. Januar 20176 Comments

Ressortleiter Sport

Er ist einer der erfolgreichsten österreichischen Musiker in diesem Jahrzehnt. In Deutschland stürmt er seit Jahren die Charts und 2016 lieferte er das mit Abstand meistverkaufte deutschsprachige Album seines Genres ab.  Nein, die Rede ist nicht von Andreas Gabalier! Raf Camora ist zurzeit der Name im deutschen Hip-Hop, doch in seiner Heimat Österreich ist er außerhalb der Szene weitgehend unbekannt.

“Ein Italiener zwischen 100 Fahn’ von Galatasaray”

Am 4. Juni 1984 wurde Raphael Ragucci als Sohn eines Vorarlbergers und einer neapolitanischen Opernsängerin in Vevey in der französischen Schweiz geboren, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Das musikalische Talent praktisch in die Wiege gelegt, besuchte er bereits ab seinem 4. Lebensjahr Musikschulen und lernte unter anderem Klavier, Bass, Gitarre, Schlagzeug und Geige zu spielen. Im 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus, welcher ihn bis heute in vielen seiner Texte begleitet, wuchs Raf in einem multikulturellen Milieu auf. Anfangs eher dem Metal zugeneigt, entdeckte der deklarierte Kurt Cobain-Fan als Teenager Hip-Hop für sich und rappte seine ersten Texte — damals noch auf Französisch.

Seine Jugend beschreibt Raf in Interviews oft als schwierig, viele seiner Probleme verarbeitete er in seinen Texten. Schulverweis, Drogenkonsum und Depressionen führten so weit, dass der damals 15-Jährige von zu Hause weglief. Durch kleinkriminelle Handlungen finanzierte er sein Leben, übernachtete in Zügen oder Schulklos. Nachdem es ihn ohne Zugticket und Reisepass bis nach Marseille trieb, wo er einige Zeit alleine verbrachte, kehrte der junge Musiker erst nach über einem Jahr auf der Straße nach Hause zurück.

Wieder in Wien wurde er zunächst Teil der Rap-Crew Balkan Express, mit der er die ersten kleineren Erfolge feiern konnte. Höhepunkt: Ein Auftritt beim Splash, dem größten deutschen Hip-Hop-Festival. Zum ersten Mal schaffte es Raf, die Tür zur breiten Masse einen kleinen Spalt zu öffnen. Nach der Auflösung von Balkan Express gründeten die Überbliebenen das Ensemble Family Bizz — “alles jugendliche Boys, die recht gut ausgesehen haben … quasi die ‘Straßen Culcha Candela’”, wie der Halbitaliener seine damalige Gang in einem Interview mit hiphop.de beschreibt. Grund genug für das Major-Label EMI die Multikulti-Gruppierung unter Vertrag zu nehmen. In Zusammenarbeit mit Sandra Pires sorgte die junge Truppe für den offiziellen Song zum Lifeball 2003 und über den Ö3-Soundcheck, einen Castingbewerb, schaffte es die Band sogar in die Radio-Rotation.

Doch was anfangs wie eine große Chance aussah, erwies sich als Alptraum und sollte im Nachhinein einen Bruch zwischen dem Künstler und seiner Heimat darstellen. Früh erlebte Raf die Schatten einer Branche, die von ihm verlangte, sich zu verstellen, um akzeptiert zu werden. Nach dem kurzen Höhenflug verließ er Family Bizz und versuchte sein Glück wieder in der Wiener Untergrundszene. Immer wieder wirft der Wiener der österreichischen Musikszene vor, dass sie sich selbst nicht ernst nehme und den KünstlerInnen kein Vertrauen schenke. Dankbar zeigt er sich deshalb gegenüber Bands wie Wanda und Bilderbuch, die es durch ihr selbstbewusstes Auftreten langsam schaffen, dem modernen Austro-Pop den Weg zu ebnen. Er selbst hatte diese Geduld nicht und kehrte von da an Österreich musikalisch den Rücken zu.

“Im Fachjargon besteht ‘ne Goldplatte aus Pappkarton”

Fast hätte es geklappt mit dem großen Durchbruch. Es folgten ein Umzug nach Berlin, mehrere Jahre Untergrundrap und düstere Alben. Im Umfeld des Linzers Chakuza hatte er immer wieder kleine Gastparts und auch hinter ihm selbst bildete sich langsam eine kleine Anhängerschaft. Im Laufe der Jahre machte sich Raf Camora vor allem als Produzent einen Namen, bis es 2012 dann endlich unter dem Pseudonym “Raf 3.0” mit dem Mainstream klappte. Der ironisch, düstere Straßenrap verwandelte sich in eine melodische aufwendigere Produktion, die das enorme musikalische Spektrum andeutete, das sich in der Person Raphael Ragucci bis dato versteckt gehalten hatte. Auch die behandelten Themen ließen durchblicken, dass er nicht nur musikalisch gereift war.

Spätestens mit dem Album Hoch2, das die Spitze der deutschen Charts erklomm, war Raf jedem Musikinteressierten aus unserem Nachbarland ein Begriff. In Österreich reichte es immerhin zum “Amadeus Austrian Music Award” (einem Publikumspreis) in der Kategorie “Urban Music”, doch in den wichtigen Medien des Landes fehlte weiterhin jede Spur von “RA”. 2014 war der Wahlberliner für den “ECHO” als “Bester Hip-Hop-Act, International” nominiert. Gewinnen konnte er den Preis zwar nicht, was bei den Konkurrenten Macklemore, Jay Z und Eminem aber keine allzu große Schande ist. Eine österreichische Nominierung beim wichtigsten deutschen Musikpreis wäre jedenfalls erwähnenswert gewesen, doch abermals glänzte die Medienlandschaft hierzulande durch Stillschweigen.

“Die Palmen sind gold!”

Dann kam das Jahr 2016. Mit GHØST veröffentlichte Camora ein Hybridalbum aus Rap und Dancehall mit eindeutigen Einflüssen aus Reggae, Rock und französischem Hip-Hop. Selbst meinte er, endlich seinen eigenen Sound gefunden zu haben. Von den ExpertInnen der Szene als Meisterwerk betitelt, chartete das Werk in Deutschland auf Platz drei und in Österreich auf Platz sechs.

Soweit so gut. Was dann kam, ist österreichische Musikgeschichte! Zunächst als Featuregast auf GHØST, entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit dem Hamburger Bonez MC, die im gemeinsamen Dancehall-Album Palmen aus Plastik resultierte. Am 9. Jänner 2017 stiegen die beiden auf Platz neun der Charts ein … 17 (!) Wochen nach dem Release. Dass die Platte mehrere Wochen lang die Poleposition okkupierte, sei nebenbei erwähnt.

“Soll mir folgen, wer mich liebt, vergiss den Rest”

In der Zwischenzeit hat Raf etliche Preise abgeräumt, mit dem Album, sowie mit zwei Singles den Goldstatus für je 100.000 bzw. 150.000 verkaufte Einheiten erreicht und über 100 Millionen Klicks auf Youtube generiert. Clubtaugliche Hits wie “Ohne mein Team” schaffen es nun endlich auch in einige Wiener Diskotheken, doch ob ihm das schlussendlich auch zum Starstatus in Österreich verhelfen wird, bleibt abzuwarten. Verdient hätte er es jedenfalls. Bei seinem unglaublichen Erfolgslauf wird ihn aber auch die Ignoranz der Medien seines Heimatlandes nicht aus der Bahn werfen. Raf Camora hat 2013 sein eigenes Label Indipendenza und 2015 seine eigene Modelinie CØRBO gegründet, genießt in Deutschland höchstes Ansehen als Rapper, Sänger und Produzent und wird auch in Zukunft für großartige Musik sorgen.

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Jnkkpr/Wikimedia/CC BY-SA 3.0 DE/Illustration von kultort.at]

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