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Tom Brady — mehr Roboter als Mensch

Im Gespräch mit Michael Eschlböck, NFL-Kommentator auf ‘Puls 4’, über den besten Quarterback der Welt

Tom Brady — mehr Roboter als Mensch 2. Februar 20178 Comments

Chefredakteur

Diesen Sonntag wird Tom Brady mit den New England Patriots zum bereits siebten (!) Mal das Finalspiel der National Football League (NFL) bestreiten. Der Zweitplatzierte auf dieser Rekordliste ist John Elway, der zwischen 1987 bis 1999 mit den Denver Broncos auf insgesamt fünf Superbowl-Einsätze kam. Man kann also durchaus behaupten, dass es nur wenige Menschen in der Sportgeschichte gibt, die während ihrer Karriere so dominierten wie Tom Brady gemeinsam mit seinem Coach Bill Belichick. Doch wie kann man sich erklären, dass Brady mit 39 Jahren so stark spielt, wie vielleicht noch nie zuvor? Und noch wichtiger: Wie kann es sein, dass der gebürtige Kalifornier trotz seiner unvergleichlichen Karriere eigentlich nie als das Gesicht der NFL galt?

© Sahra Mami
Michael Eschlböck

Vor ein paar Wochen traf ich mich mit Michael Eschlböck, NFL-Kommentator auf Puls 4 und Präsident des American Football Bund Österreich. Obwohl es im Interview hauptsächlich um seine Karriere gehen sollte, entwickelte sich das über zwei Stunden lange Gespräch zu einem sehr interessanten Football-Talk über alles Mögliche, was mit dem Nationalsport der USA zu tun hat. Ein Thema, welches dabei immer wieder erwähnt wurde, war Tom Brady und dessen Stellenwert in der besten Footballliga der Welt: “Ich glaub nicht, dass Tom Brady je das Gesicht der NFL war. Der ist so fad und gibt ja eigentlich nix her … außer, dass er mit Gisele Bündchen verheiratet ist und ein Kind mit ihr bekommen hat. Dass schon vor Gisele ein uneheliches Kind zur Welt gekommen ist — das weiß heutzutage kaum noch einer.”

Vor allem der letzte Part dieser Aussage beschreibt Bradys Charakter sehr gut. Der 39-Jährige war noch nie ein Typ, der gerne im Rampenlicht steht: “Tom Brady ist ja medial gesehen eine farblose ‘Figur’. Von einem Aaron Rodgers weiß man eigentlich auch nicht viel — der geht auch nicht oft in die Öffentlichkeit, aber allein von seiner Mimik kommt er schon ganz anders rüber als ein Brady.”

Ähnlich wie im Fußball, wo es seit Jahren die “Cristiano Ronaldo vs. Lionel Messi”-Diskussion gibt, herrschte auch in den USA für rund ein Jahrzehnt die Debatte, wer das Gesicht der NFL sei: Tom Brady oder Peyton Manning? Obwohl der Patriots-Quarterback zwei Meistertitel mehr als Peyton gewinnen konnte und am Sonntag gegen die Atlanta Falcons eine weitere Titelchance hat, galt der bereits pensionierte Manning immer als der Beliebtere der beiden. Eschlböck sieht dies ähnlich: “Manning war eben einer, der sich auch selbst auf die Schaufel hat nehmen lassen und dazu gelächelt hat … und ‘menschlich’ war. Brady ist im Vergleich ja ein Roboter – da ist nicht wirklich eine Persönlichkeit dahinter. […] Der Fan ist hungrig nach Sportlern, die angreifbar sind. Die auch eine gewisse Lustigkeit und Freundlichkeit haben. Denen verzeiht man dann auch den ein oder anderen Blödsinn.”

Für Brady stand aber immer schon der sportliche Erfolg im Vordergrund. Das merkt man auch am Lifestyle, den der Superstar lebt. Jahr für Jahr investiert der Quarterback Hunderttausende Dollar in seinen Körper, geht jeden Tag schon um 20:30 Uhr ins Bett und soll in seinem Leben noch nie Kaffee getrunken haben. Jeder Workout, jede Mahlzeit, jeder Drink — einfach alles in Bradys Leben ist darauf ausgerichtet, auf dem Spielfeld die bestmöglichste Leistung abzuliefern. Der NFL-Kommentartor findet dies ebenfalls faszinierend: “Er ernährt sich nur von ‘Körneln’ und sonstigem unsexy Zeug, aber der Erfolg gibt ihm recht.“


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Ja, der Erfolg gibt ihm tatsächlich recht. Die große unbeantwortete Frage lautet aber: Wie lange kann Brady in seinem hohen Alter noch auf so hochklassigem Niveau spielen? “Der spielt nicht wie ein 39-Jähriger. Peyton Manning hat in diesem Alter schon schlechter gespielt. Also drei bis vier Jahre gebe ich Brady locker noch”, meint ein überzeugter Eschlböck. “Ich glaube, dass er ein sehr konsequenter Mensch ist, dass er quasi alles dem Erfolg unterordnet und sich daher mit Ernährung und Training sicherlich ein paar Jahre mehr herausgeholt hat. Ich denke, dass Brady bis 43 spielen kann.“ ’

© Sahra Mami
Im Gespräch mit dem NFL-Kommentator

Eigentlich bizarr, wenn man bedenkt, dass ein beinahe 40-jähriger Football-Profi am Sonntag den Superbowl bestreitet und mit diesem Meistertitel endgültig seinen Ruf als bester Quarterback aller Zeiten zementieren könnte — und trotzdem niemand auch nur eine Sekunde über ein mögliches Karriereende Bradys nach diesem Spiel diskutiert. Aber so ist Tom Brady nun mal. Ein Mensch, der dem Triumph einfach alles hintanstellt. Eine Eigenschaft, die es braucht, um als einer der erfolgreichsten SportlerInnen der Welt in die Geschichte einzugehen.

Ein besonderes Dankeschön geht an Sahra Mami für die Fotos des Interviews mit Michael Eschlblöck — zu ihrem Instagram-Account geht’s HIER.

Johannes auf Twitter: Joe_Pressler

[Foto: Jack Kurzenknabe/Flickr/Public Domain Mark 1.0/Illustration von kultort.at]

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