Der Superbowl-Guide — alles was ihr über die Falcons und Patriots wissen müsst

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In der Nacht von Sonntag auf Montag (6. Februar) findet im NRG Stadium in Houston, Texas eines der größten Einzelsportereignisse der Welt statt — der Superbowl 51! Bis zu 800 Millionen ZuschauerInnen (darunter selbst ein paar Sportbegeisterte) blicken auch dieses Jahr wieder voller Vorfreude und Hoffnung auf das Finalspiel der National Football League (NFL) zwischen den Atlanta Falcons und den New England Patriots. Wer darf am Ende die 3,5 kg schwere Vince Lombardi Trophy in den Konfettiregen stemmen und sich stolz “World Champion” nennen? Dazu präsentieren wir euch unseren Superbowl-Guide, in dem beide Teams etwas genauer vorgestellt werden.

Atlanta Falcons

Die lange und beschwerliche Reise der Atlanta Falcons könnte im Superbowl 51 ihr glückliches Ende finden. Ausgangspunkt war der 18. Januar 2015: An diesem Tag wurde weder ein Superstar verpflichtet noch ein wichtiger Vertrag verlängert — nein, es wurde der damals 36-jährige Offensive Coordinator Kyle Shanahan unter Vertrag genommen.

Wenig spektakulär … könnte man meinen, doch Shanahan gilt als eines der größten Offensiv-Genies im American Football. Sein Vater Mike war einst als Cheftrainer für die Los Angeles Raiders, Denver Broncos und Washington Redskins tätig — der Sport liegt Kyle also im Blut. Mit 28 Jahren und 26 Tagen war er im Jahr 2008 der jüngste Coordinator der NFL-Geschichte, seitdem hat Shanahan sich seinen Weg an die Spitze hart erarbeitet. In der kommenden Saison dürfte sich diese Arbeit besonders bezahlt machen, da er als aussichtsreicher Kandidat für den Headcoach-Posten bei der Traditions-Franchise aus San Francisco gehandelt wird.

Doch zurück zu den Atlanta Falcons. Seit der Saison 2012 konnten sie sich nicht mehr für die Playoffs qualifizieren. Die Mannschaft um Quarterback Matt Ryan lieferte zwar Jahr für Jahr — gerade im Angriff — solide Zahlen ab, diese reichten aber häufig nicht zum Erfolg. Mit der Verpflichtung von Shanahan sollte sich dies aber schlagartig ändern, wie auch Spielmacher Ryan relativ früh feststellte. Gleich zu Beginn der Saison 2015 ließ er seinen Offensive Coordinator nach einem ersten erfolgreichen Spielzug wissen: “Ich kann es kaum erwarten, bis ich die Offensiv-Philosophie in- und auswendig kenne, denn wir werden die anderen damit fertig machen!”

In der aktuellen Saison konnten die Falcons diese Kampfansage in die Tat umsetzen. Mit 33,8 Punkten pro Spiel führten sie die Liga in dieser Statistik an, im historischen Vergleich stehen sie mit ihrer Punkteausbeute auf Platz 8 der besten NFL-Teams aller Zeiten! Matt Ryan konnte außerdem einen neuen NFL-Rekord aufstellen, indem er gleich 13 (!) verschiedene Passempfänger für einen Touchdown bedienen konnte. Dieses unfassbare Kunststück wird ihm so schnell wohl niemand nachmachen.

Was die Atlanta Falcons in dieser Saison so gefährlich und erfolgreich macht, ist eine tödliche Verbindung aus den genialen Spielzügen von Shanahan, der auf vielen Schultern verteilten Last im Angriff und der kaltschnäuzigen und präzisen Spielweise von Matt Ryan — auch bekannt als “Matty Ice”. Eine besondere Fähigkeit der Falcons ist dabei das erfolgreiche verwerten von “Money Downs”, wie die Amerikaner gerne die so wichtigen 3rd Downs nennen.

Im Saisondurchschnitt konnten die Falcons 45 % ihrer dritten Versuche erfolgreich verwerten (Platz 6), seit Week 12 hat sich dieser Wert sogar auf einen Liga-Bestwert von 52.6 % erhöht. Matt Ryan konnte in dieser Zeitspanne aberwitzige 55 von 67 Passversuchen bei 3rd Downs an seine Receiver bringen, dabei sechs Touchdowns erzielen und seine weiße Weste behalten (0 Interceptions). Beim deutlichen 44:21-Sieg gegen die Green Bay Packers im NFC Championship Game verwerteten die Falcons starke zehn von 13 3rd Downs, neun davon dank Matt Ryan und dem starken Falcons-Passspiel.

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Wie in der gesamten Saison werden die Atlanta Falcons auch im Superbowl ihr Heil im Angriff suchen und probieren, den Ball möglichst lange in den eigenen Reihen zu halten. Gefährlich wird es erst, wenn Tom Brady und Co. das Feld betreten, denn die Defense der Falcons ist in dieser Saison alles andere als sattelfest. Im Passspiel (Platz 22) und vor allem im Laufspiel (Platz 29) offenbaren sich deutliche Schwächen, die sich auch an 24,8 zugelassenen Punkten pro Spiel deutlich sichtbar machen (Platz 23).

Diese Asymmetrie in der Kaderzusammenstellung — starke Offense, schwache Defense — könnte den Falcons am Ende zum Verhängnis werden. Hinzu kommt ein Trikot-Fluch, der schon einigen Teams im Superbowl den Erfolg kostete, wie böse Zungen behaupten. Elf der letzten zwölf Superbowl-Sieger spielten in weißen Trikots, als Heimteam entschieden sich die Falcons allerdings für ihre roten Uniformen. Ob sie den Fluch besiegen und sich zum ersten Mal in der Franchise-Historie die Krone in der National Football League aufsetzen? Sie gehen zwar als leichter Underdog in die Partie, zuzutrauen ist ihnen seit dem 18. Januar 2015 jedoch alles.

New England Patriots

Im Gegensatz zu den lange erfolglosen Atlanta Falcons sind die New England Patriots das wohl erfolgreichste Football-Team seit der Jahrtausendwende. In dieser Zeit wurden sie siebenmal AFC Champion und konnten anschließend viermal den Superbowl gewinnen. Untrennbar mit diesem Erfolg verknüpft ist das Duo Bill Belichick und Tom Brady.

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Die aktuelle Saison der Patriots stand allerdings unter keinem guten Stern, musste der beste Quarterback aller Zeiten doch eine Sperre von vier Spielen absitzen — die unendliche Saga um “Deflategate” ist jedoch ein langes Kapitel für einen anderen Tag. Überraschend wurde er von seinen beiden Backups Jimmy Garoppolo und Jacoby Brisett äußerst erfolgreich vertreten und die Bilanz stand vor Bradys Rückkehr bei drei Siegen und nur einer Niederlage.

Seit Tom Brady wieder “under Center” startet, haben die Patriots nur ein einziges ihrer verbleibenden 14 Saisonspiele (inklusive Playoffs) verloren und entpuppten sich dabei als das “Schweizer Taschenmesser” der NFL. Es gibt nichts, was die “Pats” auf dem Feld nicht können — egal ob Passspiel, Verteidigung, Punt Returns oder Scoring in der Red Zone. Diese Vielseitigkeit macht sie zu einem äußerst unangenehmen Gegner, da man keine großen Schwächen oder Angriffsflächen findet.

Gerade vor dem Aufeinandertreffen mit der besten Offense der Liga lohnt sich jedoch ein Blick auf ein paar Statistiken, die im Detail einiges über das kommende Spiel verraten. Zum einen wäre da die beste Scoring Defense der Liga — die Patriots kassieren nur 15,6 Punkte pro Spiel. Dieser Wert liegt zum einen an der sicherlich guten Defense-Arbeit, zum anderen aber auch am leichtesten Spielplan aller NFL-Teams! Keine Franchise hatte es im Laufe der Saison mit so vielen unterdurchschnittlichen und beinahe unfähigen Quarterbacks zu tun wie die Patriots — zum Beispiel Brock Osweiler, Ryan Fitzpatrick oder Trevor Siemian. In den sehr aussagekräftigen DVOA-Statistiken von Football Outsiders rangiert die Patriots-Defense letztendlich nur auf dem 16. Platz, was gar nicht mehr so eindrucksvoll klingt.

Auf Malcolm Butler, Dont’a Hightower und Co. wartet mit der unaufhaltsamen Offense aus Atlanta die größte Herausforderung dieser Saison. In den vergangenen acht Spielen konnten die Falcons jedes Mal ihren ersten Drive mit einem Touchdown abschließen und stellten somit den Spielplan ihrer Gegner völlig auf den Kopf. Kleines Detail: Das Team, das zuerst auf die Anzeigetafel kam, hat in 36 von 50 Superbowls auch am Ende gewonnen.

Ein weiterer Punkt ist der schwache Pass Rush der Patriots, wodurch sich für Matt Ryan wichtige Sekunden hinter seiner O-Line ergeben dürften, in denen er jede Passmöglichkeit in Ruhe durchgehen kann und am Ende das Ei an den Receiver bekommt. Mit 34 Sacks und daraus resultierenden 227 Yards Raumverlust belegen die Patriots auch hier nur einen Platz im Mittelfeld.

Gerade für neutrale Fans dürfte sich ein wahres Offensiv-Spektakel entwickeln, denn auch die Patriots besitzen dank Tom Brady und seiner Receiver-Gilde eine äußerst schlagkräftige Angriffsabteilung. Mit durchschnittlich 404 Yards und 35 Punkten in den Playoffs zeigte der 39-jährige Quarterback, dass er sein Team nach wie vor zu Höchstleistungen führen kann. In der Geschichte des Superbowls kam es jedoch erst zweimal vor, dass beide Teams mehr als 30 Punkte erzielten (1979 und 2013).

Unterm Strich sind die New England Patriots in der Favoritenrolle. Ihr Kader scheint etwas ausgeglichener, auch wenn sich die Zahlen bei genauerem Hinsehen als kleine Mogelpackung erweisen. Bisher gab es beim Superbowl sechsmal das Aufeinandertreffen der besten Scoring Offense und der besten Scoring Defense. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache, denn gleich fünfmal konnte sich die beste Verteidigungsreihe durchsetzen. Um gegen die achtbeste Offense der NFL-Geschichte bestehen zu können, wird Bill Belichick allerdings jedes Werkzeug seines “Schweizer Taschenmessers” gekonnt einsetzen müssen.

Nicolas Rambacher lernt Mediendesign in Würzburg und ist Mitgründer des Sportblogs The Undrafted.

[Foto: Jack Kurzenknabe/Flickr (Ryan)/Flickr (Edelman)/Public Domain Mark 1.0/Illustration von kultort.at]

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