Wir müssen unsere Arbeitskultur überdenken

Stress

Wer sich 1950 wichtig fühlen wollte, hat Pause gemacht. Pause machen war etwas für Reiche, für Menschen, die es sich wortwörtlich leisten können, nichts zu tun. Genau dafür gebührte ihnen gesellschaftliche Anerkennung.

2017 ist von diesem Ideal nicht mehr viel übrig. Wer 2017 Pause macht, ist faul, unstrebsam und wird von seinen Mitmenschen immer kritisch beäugt. Pause ist nur dann erlaubt, wenn vorher wirklich viel gearbeitet wurde. So viel, dass fast am Burnout gekratzt wurde und der Körper nicht mehr mitgemacht hat. Und selbst dann, muss Pause machen mit Produktivität in Verbindung gebracht werden. Yoga in Südostasien zum Beispiel, damit man zu seinen Instagram-Bildern zum Hashtag #lovemyjob auch noch #wanderlust hinzufügen kann.

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Warum ihr jetzt auf Urlaub fahren solltet 

Die Formel unserer Gesellschaft ist recht einfach. Wer mehr arbeitet, wird erfolgreicher und wer erfolgreich ist, ist glücklicher. Eine recht einfache Annahme, die auf den ersten Blick auch Sinn macht. Aus wissenschaftlicher Sicht wird in dieser Kette jedoch ein besonders essentieller Punkt für Erfolg übersehen: Die Pause.

Shawn Achor unterrichtete zwölf Jahre lang in Harvard und ist einer der renommiertesten Glücks-Forscher der Welt. Gemeinsam mit Michelle Gielan erklärt er in einem vielbeachteten Artikel im Harvard Business Review, warum Menschen die 24 Stunden am Tag mit ihrer Arbeit beschäftigt sind, weniger erfolgreich sind als jene, die sich bewusst Zeit für Entspannung nehmen. Der Grund dafür ist einleuchtend: Es ist wichtig, unsere Ressourcen wieder aufzuladen, damit wir kognitiv etwas leisten können. Leistungsfähiger machen uns Pausen allerdings nur dann, wenn wir sie richtig wählen, denn nicht jede Form von Urlaub bedeutet automatisch Entspannung. Spontan kurz nach Miami zu fliegen und dort immer wieder panisch Mails zu checken, ist für niemanden von uns Erholung. Unser Gehirn muss die Möglichkeit haben ganz abzuschalten, ohne quälende Gedanken im Hinterkopf.

Wer also demnächst in Pula am Strand liegt, soll sich von etwaigen FreundInnen oder KollegInnen, die “keine Zeit für Urlaub haben” und konstant Snaps aus der Bibliothek oder dem Büro schicken, nicht beunruhigen lassen. Ihr tut euch etwas Gutes und sitzt langfristig gesehen mit Sicherheit am längeren Hebel.

Glückliche Gehirne sind leistungsfähiger

Doch nicht nur Pause hat einen positiven Effekt auf unsere Arbeit, auch Glück ist ein essenzieller Bestandteil von Produktivität. Glück und Zufriedenheit sind Dinge, die universell als erstrebenswert gelten. Es gibt gefühlt eine Milliarde Anleitungen im Internet, Selbsthilfebücher und Filme, die uns mit minimalem Aufwand maximales Glück versprechen. In fünf Schritten zur perfekten Beziehung, dem perfekten Job und Glück auf Lebenszeit. Wenn wir jeden Tag drei dieser Ratschläge befolgen, sind das 21 in der Woche. Anstrengend, oder?

Laut Shawn Achor geht das aber auch recht simpel: Wer erfolgreich sein will, muss nur seine Einstellung ändern. Die Ergebnisse von Achors Forschungsarbeit betonen nur einmal mehr, wie notwendig ein Umdenken unserer Arbeitskultur ist.  Solange wir weiterhin glauben, dass wir erst bis zur Erschöpfung arbeiten müssen, um erfolgreich und letztendlich glücklich zu werden, schöpfen wir unser Potenzial nicht aus. Fakt ist, dass glückliche Gehirne weitaus leistungsfähiger sind —um ganze 31 % — im Vergleich zu negativen oder gestressten Gehirnen.

Die Anderen arbeiten auch nicht immer so viel mehr, wie ihr denkt

Stress und harte Arbeit per se zu verteufeln ist natürlich nicht der richtige Zugang, aber eine Gesellschaft, die einem durch die Bank erklärt, dass wir stetig hustlen müssen, um unsere Ziele zu erreichen, kann sehr wohl kritisiert werden. Fakt ist, dass wir ein gewisses Level an Stress brauchen — und Stress in Maßen auch gesund ist. Allerdings nimmt das in unseren Breiten verkehrte Ausmaße an. Zu wenig Stress führt häufig zu schlechtem Gewissen.

Das geht so weit, dass 51 % der Millennials manchmal vorgeben gestresster zu sein, als sie eigentlich sind, wie eine Studie im Auftrag der Werbeagentur Havas Worldwide herausfand. Zeitmanagement-Coach Cordula Nussbaum ist darüber nicht verwundert. “In unserer Gesellschaft sind wir extrem auf Leistung gepolt, da dürfen Angestellte natürlich niemals durchleuchten lassen, dass sie nicht 180 Prozent Gas geben. Wenn diese Menschen dann auch noch das Damokles-Schwert des drohenden Jobverlusts über sich spüren, dann geben sie schon aus reinem Selbstschutz vor, mehr zu tun, als sie wirklich leisten”, erklärt sie gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Es ist irgendwie beruhigend und stressreduzierend, dass nicht immer alle Leute so viel schaffen, wie sie vorgeben zu tun.

Die Zeit, in der wir gemütlich trashige Bücher lesen, schlafen oder mit unserer Familie Mensch ärgere Dich nicht spielen, ist also nicht vergeudet, sondern die Brutstätte unserer Produktivität. Es ist nämlich nicht nur okay, manchmal nichts zu tun zu haben, sondern gut für uns. In diesem Sinne lege ich mich jetzt wieder zurück auf die Couch.

[Foto: © Magdalena Berger/Illustration von kultort.at]

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