Wenn die Band zu dir nach Hause kommt

Wohnzimmerkonzert

An einem Samstag Abend versammeln sich Musikliebhaber in der Wohnung eines Fremden. Die Adresse bekommt man erst kurz davor zugesendet und was einen genau erwartet, kann man nur vermuten. So landet man dann also in einem Raum voller Menschen, die sich teilweise kennen — doch auch ein paar neue Gesichter sind dabei. Was die auf Boden und Sofa zusammengepferchten Menschen verbindet, ist die gemeinsame Leidenschaft für Musik.

Das Konzept “Wohnzimmerkonzert” ist kein neues. Im intimen Rahmen treten Musiker und andere Künstler vor einem ausgewählten Publikum auf und schaffen mit ihren akustischen Auftritten eine ganz besondere Stimmung. In Wien haben sich drei Menschen die Idee zum Vorbild genommen und mit Freilich Open Arts veranstalten sie nun rund jedes Monat eine Session. Es wird das, was die Community daraus macht. Die Tickets sind kostenlos, die Wohnung jedes Mal eine andere und auch die Art der Perfomances variieren — vom Solomusiker bis zum Poetry Slammer.

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© Céline Evans/Freilich Open Arts

Woher man kommt, ist egal. Es zählt nur das, was man kann. Und dass man es gerne vor anderen präsentiert. Welche Form der Kunst es ist, spielt keine Rolle. So wird jedes Event von Freilich anders als das zuvor und jeder hat die Möglichkeit, sich einzubringen. Ob als Musiker, Poet, Fotograf — vor und hinter den Kulissen wird alles selbstständig organisiert und gemeinsam an einem tollen Abend gearbeitet. Seit Oktober 2016 veranstaltet Freilich in Wien und Budapest nach diesem Prinzip Events und stellt nicht nur Wiener Schmankerl der Kunstszene vor, sondern auch internationale Gäste.

Vergangenen Samstag nutzten gleich mehrere heimische Musiker diese Chance, sich zu präsentieren: Der Solokünstler Helmut Rhode und die Band Siamese Elephants.

Helmut Rhode

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© Céline Evans/Freilich Open Arts

Mit seinen unglaublichen 16 Jahren legt der Wiener Helmut Rhode in seinen Auftritten ein Selbstbewusstsein an den Tag, das sich die meisten wünschen würden. Ganz alleine steht er mit seiner Gitarre und einem Loop-Board vor etwa 25 Menschen, die alle um ein paar gute Jahre älter sind als er selbst. Mit einer Mischung aus Cover-Songs und eigenen Kompositionen überzeugt er allerdings schnell mit seinem Talent — von Lampenfieber keine Spur.

Einflüsse von einem jungen Ed Sheeran sind stark zu spüren und doch macht der junge Wiener sein ganz eigenes Ding und bringt alle zum Mitsingen und Klatschen. Rhode ist nicht nur in etlichen Szenelokalen in Wien unterwegs, in den nächsten Monaten kommt dann auch schon seine erste EP auf den Markt. Doch das ist bestimmt erst der Anfang einer steilen Musikkarriere des Ausnahmetalents.

Siamese Elephants

Eine Band, von der einige bestimmt schon gehört haben, denn die junge Wiener Gruppe spielte vergangenes Jahr nicht nur am Donauinselfest, sondern steht regelmäßig auf den Bühnen der Stadt, wie dem Chelsea, Replugged oder dem legendären Café Carina. Die bunt zusammengewürfelte Band gab gemeinsam mit Freilich ihr erstes Akustic-Konzert und konnte mit ganz viel Gefühl überzeugen. Im Stil ihrer Musik wollen die Jungs sich selbst nicht einschränken, ist ja auch unwichtig. Die Hauptsache ist, es gefällt, und das tut es — nicht nur dem Publikum an diesem Abend.

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© Céline Evans/Freilich Open Arts

Die Texte und der ein oder andere Jazz-Einfluss gehen mitten ins Herz. Wenn dann noch das Saxophon mitspielt, ist der zerbrechliche und wunderschöne Sound perfekt. Mit mehreren improvisierten Sequenzen wirkt der Auftritt leicht und ungezwungen, was die Stimmung nur noch besonderer macht. Man fühlt sich den Musikern ganz nahe und ist mitten im Erlebnis drinnen, während man gemütlich auf dem Sofa alles beobachten kann.

Österreich ist voll von guten Musikern und Künstlern. Doch bei der Menge an Angeboten ist es schwer, wirklich herauszustechen. Freilich bietet hier die Chance, aus Musik ein Erlebnis zu machen und die Künstler auf eine ganze persönliche Art und Weise kennenzulernen. Es braucht kein Plattenlabel oder einen Manager, um gehört zu werden und seine Musik unter die Leute zu bringen. Es reicht, wenn sich Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft zusammentun.

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© Céline Evans/Freilich Open Arts

Keine Meere aus Handybildschirmen und kein Gekreische, einfach nur zuhören und genießen. Doch nicht nur die Musik machte den Abend für mich zu einer tollen Erfahrung. Man lernt verschiedenste Menschen kennen, auf die man in einem anderen Kontext vielleicht gar nicht treffen würde. Das macht es auch leicht verständlich, warum die meisten nicht nur einmal zu einem Event von Freilich vorbeischauen, sondern zu Wohnzimmerkonzert-Junkies werden. Wenn man so eine losgelöste Stimmung einmal erlebt hat, muss man wieder hingehen. Und genau das habe ich vor!

Ein großes Dankeschön geht an Freilich Open Arts für die Einladung und ein besonderes Merci an die Fotografin Céline Evans.

[Foto: © Céline Evans/Freilich Open Arts/Illustration von kultort.at]

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