Gesellschaft

Wieso die Generation Alpha zu bemitleiden ist

Im Grunde können wir den nachfolgenden Generationen nur viel Glück wünschen und sie auf diesem Weg unterstützen

Wieso die Generation Alpha zu bemitleiden ist 17. Februar 20173 Comments

stv. Ressortleiter Popkultur

Es grenzt schon fast an Wahnsinn, wie sehr wir auf der Ebene des globalen Kommunizierens miteinander verbunden sind. Grenzen werden aufgelöst, Nachrichten sind nur noch Sekunden von ihren Empfängern entfernt und internationale Geschehnisse bestimmen unseren Alltag. Als würde es uns in unserer kleinen Einzelheit als Individuum auf einem eigentlich so weitläufigen Planeten gar nicht mehr geben.

Dass das eigentlich schon unser Alltag ist, wird zwar oft vergessen, ist aber dennoch immer wieder Mittelpunkt etlicher Diskussionen. Heike Scholz, bekannte Mobile-Expertin und Autorin, spricht im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von noch weiteren Sprüngen in Bezug auf Technik und ihre Ausformung in allen möglichen Alltagsgegenständen: Sogenannte “Wearables”, also Kleidungsstücke mit digitalen Funktionen, wie etwa Datenbrillen, seien unsere Zukunft. Und das ist nur eine von vielen weiteren Ideen der Digitalisierung.

So schreitet die Vernetzung immer weiter und schneller voran — so schnell, dass sich bis zum Jahr 2020 mehr als 50 Milliarden vernetzte Geräte rund um den Globus befinden werden. Smartphones, Tablets, Laptops, Konsolen und sogar Autos, die miteinander verbunden sind. Wir wissen selbst, dass wir europäische Bürger alle meist mehr als nur ein vernetztes Gerät besitzen. Aber wie weit geht dieser Fortschritt noch? Es steht viel mehr die Frage im Raum, ob es irgendwann noch digitale Geräte geben wird, die nicht in dieses Muster fallen.

Hauptaugenmerk sollte in diesem Zusammenhang aber gar nicht mehr unsere Generation sein, die (wie man behaupten könnte) noch eine Zeit vor der immens schnellen Digitalisierung und ein Leben abseits von Facebook, Twitter und Co. kennt — als ein Dasein im Moment. Das soll heißen, Zeiten in denen Kinder noch kein Telefon hatten, die Augen nicht nur auf Bildschirmen, sondern auch auf Wiesen, Wälder oder Spielparks gerichtet hatten. Natürlich war das technische Flimmern schon ein Teil unserer kindlichen und sowieso auch der jugendlichen Existenz — dennoch kannten wir den krassen Gegensatz dazu, der uns in der pubertären Entwicklung sicher auch entgegenkam. Es gab ein Rausgehen, das losgelöst war von einem Online-Status. Wir konnten Spaß haben miteinander … offline.

Um die Problematik aber jetzt wirklich zu charakterisieren: Wir sprechen hier von der wissenschaftlich bezeichneten Generation Alpha. Einer Generation, die gerade erst in den Startlöchern steckt. (Es handelt sich dabei um den Jahrgang 2010 und aufwärts.) Laut TEDx-Sprecher Mark McCrindle ist dies die nächste Generation nach den Baby-Boomern, die den größten Sprung in der Generationenentwicklung machen wird. Um den Bericht von businessinsider.de über McCrindles Rede zu zitieren: “Alpha kids will grow up with iPads in hand, never live without a smartphone, and have the ability to transfer a thought online in seconds. These massive technological changes, among others, make Generation Alpha the most transformative generation ever, according to McCrindle.”

Natürlich gibt es nicht die Gewissheit, dass ein Kind zwanghaft an sein Handy, Tablet oder Laptop gebunden sein wird, die rational durchdachte Wahrscheinlichkeit (aber auch die empirischen Belege) sprechen trotzdem eine eindeutige Sprache: Kinder werden mit Bildschirmen aufwachsen, als würden sie da draußen wachsen wie Äpfel auf goldenen Bäumen. Sie davon zu trennen wird nicht nur lästig, sondern auch ein Ding der Unmöglichkeit. Wer kennt denn nicht das Bild vom Kleinkind mit dem Handy der Mutter in den winzigen Händen? Und genau das wird uns wohl nicht vorenthalten bleiben. Weil Justin, 7 mit ziemlicher Sicherheit schon ein Handy in der Volksschule auf dem Tisch liegen haben wird. Und das löst eine Kettenreaktion aus, derer sich die Kinder in ihrer naiven Vorstellung vom Leben nicht loslösen können. Im Gegenteil: Zu Weihnachten wird es nur noch “electronic devices” geben — und keine Puppen oder Tischtennistische mehr.

Seine Kinder von diesen Markenprodukten fernzuhalten, wäre zwar dringend zu raten, birgt aber ein gewisses Risiko mit sich. Weil man dann doch schnell in die Rolle des Außenseiters fallen kann. Es entsteht ein Zwang, dem sich nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern stellen müssen.

Doch wo gibt es denn jetzt wirklich handfeste Argumente gegen diese Entwicklung? Manche könnten mit Fug und Recht behaupten, Kinder würden dadurch schneller Gemeinsamkeiten finden, sich vernetzen und ähnliche Interessen teilen. Dass sich diese Interessen dann nur auf einer technischen Ebene befinden und weniger auf dem tatsächlichen Fußballplatz, scheint hier übersehen zu werden. Weiters scheint es wichtig zu sein, sich schnell alle technischen Fortschritte anzueignen, da diese Kenntnisse auch für das Berufswesen unbedingte Voraussetzungen sein werden. Schon heute gilt eine hohe Kompetenz mit Programmen wie Word und Excel, aber auch im Umgang mit sozialen, digitalen Netzwerken als allgemeiner Standard. Dieser Standard wird aber folglich nicht mehr abfallen, sondern sogar in eine ganze andere Dimension gehoben. Wird man sich dagegen noch wehren können?


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Die Antwort lautet wohl einschlägig nein. Es ist ein Sturm im Kommen, der nicht mehr abflauen wird und im Grunde können wir den nachfolgenden Generationen nur viel Glück wünschen und sie auf diesem Weg unterstützen. Auch wenn es nicht unserem Ideal entspricht.

Wir können aber Grenzen setzen. Ein vierjähriges Kleinkind braucht noch kein Handy. Wir können auf das Leben da draußen verweisen, auch wenn wir es vielleicht nicht vorschreiben können. Denn als menschliches Wesen scheint uns zwar die Technik sehr begehrenswert, trotzdem sollten wir uns vor Augen halten, was uns die Natur, unser Planet, direkt vor der Nase bietet: Bilder, die man nicht auf einem Foto festhalten kann. Bilder, die sich im Kopf entwickeln und eine viel tiefere Bedeutung haben können, als ein Abbild auf einem Bildschirm. Eine Spannung, die doch eindeutig von Technik zu trennen ist.

Wenn wir dieses Ideal unseren Kindern einflößen können, wenn wir ihnen unsere Landschaften, zwischenmenschlichen Beziehungen oder gesellschaftliche Ereignisse ganz ohne Smartphone schmackhaft machen können, haben wir schon das Mindeste erreicht. Den restlichen Weg können sie nur selbst gehen. Auch wenn wir sie dafür bemitleiden müssen. Weil sie ja gar keine andere Wahl mehr haben.

Wie in so vielen schwierigen Debatten scheint die Balance, der Ausgleich zwischen den krassen Gegenpositionen das Maß aller Dinge. Doch wie wir in so vielen Momenten der Geschichte, der Gegenwart und der vermeintlichen Zukunft, sei es in Politik, Wirtschaft oder gesellschaftlichen Teildisziplinen, erkennen, ist dieser Ausgleich nie wirklich realistisch.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: Illustration von kultort.at]

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