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Bilderbuch: ‘Magic Life’ ist kein zweites ‘Schick Schock’

Das neue Album kann überzeugen, aber nicht mit denselben Argumenten wie 'Schick Schock', denn der Sound änderte sich gewaltig

Bilderbuch: ‘Magic Life’ ist kein zweites ‘Schick Schock’ 22. Februar 20172 Comments

Redakteur

Ein popkulturelles Phänomen namens Bilderbuch hat am Freitag ihr inzwischen viertes Studioalbum auf den Markt gebracht. Magic Life ist der direkte Nachfolger des Durchbruchsalbums Schick Schock der aus Oberösterreich stammenden Band. Daher könnte man behaupten, Magic Life ist das berüchtigte “zweite Album”, das Bands bereits umgebracht hat. Das Album, welches für viele kritische Musikmenschen am meisten über die Qualität einer Band aussagt. In mehr als tausend Fällen haben sich aber genau diese wichtigen Musikmenschen schon geirrt — siehe Arctic Monkeys. Bilderbuch hatten aber trotzdem eine ungemein große Aufgabe zu bewältigen. Wie Kraftklub einst behauptet haben: “Der große Hype ist vorbei!” — und genau das ist der Fall bei Bilderbuch. Der große “Maschin”-Hype ist vorbei, der von Schick Schock auch. Jetzt heißt es: Abliefern. Und das taten die Jungs.

Gobernamos el mundo

Wir regieren die Welt. Oder zumindest den deutschsprachigen Raum. Bilderbuch sind quasi eh schon Legenden und das haben sie beim Release-Konzert in der Berliner Volksbühne eindrucksvoll bewiesen. Wie man den Legendenstatus erreicht? Wenn andere Legenden, wie zum Beispiel Herbert Grönemeyer, artig in der Schlange vor deinem ausverkauften Konzert stehen! Das muss man erstmal schaffen. Aber auch das kann einen Maurice Ernst oder einen Mitzi Blue nicht aus der Ruhe bringen. Das liegt wohl an der österreichischen Lässigkeit, die den Jungs nebenbei wahrscheinlich auch schon so manches Mädchenherz zugespült hat. Und das sicherlich nicht nur in Wien. Wenn man als österreichische Band ein Release-Konzert in Berlin spielt, heißt das außerdem, dass man wahrlich dort angekommen ist, wo jeder Künstler gerne hinkommen würde. Dazu eine bestätigte Headliner-Show auf einem der größten österreichischen Festivals. Not bad — für etliche Bands gab es schon schlimmere Release-Wochen.

Du, Ich und dein Motorola, Brrrr

Aber wie ist jetzt Magic Life eigentlich? Im Vorfeld wurde ja über so einiges spekuliert. (Meine persönliche Prophezeiung ging leider nicht auf: Ein Yung Hurn-Feature! MAURICE, WENN DU DAS JEMALS LESEN SOLLTEST: BITTE, BITTE, BITTE! MAKE. IT. HAPPEN.) In den Tagen vor dem Release wurde man förmlich erdrückt von den Jungs. Unglaublich starke Promo-Maschine, die da ins Rollen gebracht wurde. Jedes, aber auch wirklich jedes Medium berichtete über die Popsensation aus Österreich.


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Also noch besser als Schick Schock? Schwer zu beantworten. Magic Life ist kein zweites Schick Schock. Magic Life hat kaum mehr was mit dem Vorgänger zu tun. Und das ist gut so. Man konnte aber doch deutlich den Bremser spüren, der vermittelt werden sollte. Das ganze Album ist sehr entschleunigt und laid back. Der Rock’n’Roll, den man doch auf Schick Schock immer wieder hören konnte, wurde in seine Schranken verwiesen.

Jetzt ist viel mehr Platz für Funk, Soul und R’n’B. Und eine Sache kann Bilderbuch nicht leugnen: Den Einfluss der deutschsprachigen Trap- und Cloud-Rap-Szene. Einzelne Querverweise bzw. Vorläufer konnte man bereits auf Schick Schock hören. Maurice bezeichnete den Song “Bary Manilow” als “ersten Cloud-Rap-Song Österreichs”. In welche Richtung jetzt beeinflusst wurde, ist demnach wahrscheinlich auch ein Streitthema. Klar ist jedoch, dass Bilderbuch verdammt nach Cloud-Rap ohne Rap klingt — Cloud-Pop also. (Eine Vermutung am Rande: Irgendwer in der Band dürfte das Bon Iver-Album ziemlich gefeiert haben. Der Titeltrack “Magic Life” klingt schwer nach einer Hommage an “715 – Creeks” aus 22, A Million. Pluspunkte!)


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Hast du noch Sprit?

Doch für viele Hörer ist Magic Life eine Enttäuschung. Sehr aufmerksam konnte man Kommentarspalten beobachten, die nicht so happy klangen. Zugegeben: Das erste Mal Hören war schwer. Die Liebe, die ich für Schick Schock entwickelt habe, ist bis jetzt ungebrochen die Größte für einen Künstler aus Österreich (Platz zwei: Crystal Palace von Olympique). Das Lebensgefühl von Schick Schock wurde behalten. Laissez-faire, Ehrlichkeit, Schmäh, viel Schick und eben auch Schock. Der Sound änderte sich aber gewaltig. Magic Life kann trotzdem überzeugen.

Vielleicht aber nicht mit denselben Argumenten wie der Vorgänger. Die Stärke des Albums liegt in der Schlüssigkeit — der rote Faden lässt sich durchaus finden, wenn man genau hinhört. Immer wieder werden Lyrics von anderen Songs übernommen, es geht ums Prosecco schlürfen und das sogenannte “Good Life”. Jemand möchte meinen, dass in den Texten von Maurice sogar sehr viel Gesellschaftskritik verpackt ist.


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Der größte Kritikpunkt am Album ist aber wohl das Mixing. Es fühlt sich so an, als hätte sich das übergroße Bühnenego des Mitzi Blue selbstständig gemacht. Schlagzeugsounds und Samples sind oft in den Hintergrund gerückt. Das wichtigste Element von Bilderbuch, die Stimme und die Verständlichkeit, gehen unter. Wer zur Hölle mischt eine Gitarre doppelt so laut wie eine Stimme? Man könnte argumentieren, dass das ein Stilmittel ist. Falls es das sein soll, ist es aber bestimmt kein Gutes. Bäh. Das ist aber auch der einzig fahle Nachgeschmack auf Magic Life.

Frinks!

Magic Life war eine große emotionale Reise. Zunächst skeptisch (wenn nicht sogar enttäuscht), dann aufgekratzt und interessiert, bis hin zu “eigentlich eh geil”. Und das ist es auch: Eigentlich eh geil! Bei Bilderbuch geht es eben einfach auch um den Lifestyle, der verkörpert wird. Es ist schön zu sehen, dass sich eine Band aus Österreich der Aufgabe des “Albums nach dem Hype” gestellt hat und nicht zerbrochen ist, sondern gezeigt hat, dass man nicht sein Gesicht verlieren muss, um Pop-Musik zu machen. Und ein neues Kultwort wird sich demnächst auch etablieren: Frinks!

Danke Bilderbuch.

Dominik auf Twitter: @dominikwendl

[Foto: Denis Apel/Wikimedia/CC BY-SA 4.0/Illustration von Marcel Weld]

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