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Klassische Frauenmagazine als ewige Spirale des Unglücklichseins

Ist ein Stückchen Normalität wirklich zu viel verlangt?

Klassische Frauenmagazine als ewige Spirale des Unglücklichseins 1. März 20173 Comments

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, Frauenmagazine zu kaufen. Doch vor allem zu Teenie-Zeiten habe ich mich dort oft auf die Suche nach Antworten zu Fragen gemacht, die ich mich sonst niemandem zu stellen getraut habe. Auch heute blättere ich ab und an, wenn ich mal wieder im Wartezimmer eines Arztes oder beim Friseur mehr Zeit verbringe als mir lieb ist, durch diverse Zeitschriften — nur um mich dann maßlos zu ärgern.

Jeder weiß inzwischen, dass die dargestellten Bilder der Models nicht der Realität entsprechen und dass dort gut und gerne mal mit Photoshop nachgeholfen wird. Aber nicht nur die Fotos, die in solchen Magazinen publiziert werden, sind besorgniserregend. In Texten, die zur vermeintlich besseren Lebensgestaltung dienen sollen, wird man schamlos auf seine Defizite hingewiesen. Die Grundaussage: Du bist zu dick, du bist nicht fit genug, du schwitzt zu viel! Gut, dass der obligatorische Ratgeber auf den Folgeseiten dir dann beibringt, dich selbst zu lieben (so scheiße, wie du bist). Überall wird einem suggeriert: Du hast so zu sein und nicht anders! Wenn du dich als Frau nicht schämst, im Bikini herumzulaufen, obwohl du Cellulitis hast, oder deine Achseln nicht rasierst, dann bist du abnormal!

Trotzdem sind diese klassischen Zeitschriften vor allem bei Frauen sehr beliebt — und das, obwohl sich nach dem Lesen niemand besser fühlt. Im Gegenteil, denn der Hauptzweck von Zeitschriften ist es, den Leserinnen Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig. Eine Spirale des Unglücklichseins, genannt Kapitalismus. Na gut, das mag ein bisschen überspitzt dargestellt sein, aber es ist leider Tatsache, dass die meisten Mode- und Lifestyle-Magazine eher einer Werbebroschüre ähneln. Natürlich könnten sich Zeitschriften ohne Werbung gar nicht finanzieren und es ist auch in Ordnung, sich dieser bunten Welt schöner Dinge ab und zu hinzugeben. Fraglich ist nur, welche Zielgruppe manche Zeitschriften erreichen wollen, denn viele Produkte fallen preislich total aus dem Rahmen und die dargestellte Mode für Unsummen von Geld ist schier untragbar.

Die Themen Sex und Beziehung kommen natürlich auch nicht zu kurz. Es werden Ratschläge erteilt und man wird aufgeklärt, wie Männer ticken und was sie im Bett wollen. Meistens geschrieben von anderen Frauen und mindestens genauso oft völliger Blödsinn. Klar, als heterosexuelle Frau möchte man der Männerwelt gefallen und möglichst alles richtig machen, dazu braucht man aber keine Frauenzeitschrift. Wie wäre es, wenn man seinen Partner einfach mal fragt, was er toll findet? Auch in jeder Zeitschrift vertreten sind Psychotests, die Aufschluss über die eigenen Fähigkeiten im Bett geben sollen, oder mit denen man herausfinden soll, wie lange die aktuelle Beziehung noch halten wird. Warum sich von sowas verunsichern lassen?


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Inzwischen ist es auch mehrfach wissenschaftlich bewiesen, dass das Lesen von klassischen Frauenzeitschriften unglücklich macht. In Österreich konnten dies die Psychologinnen Annemarie Rettenwander, Lisa Humer und Barbara Juen anhand eines medienpsychologischen Experiments nachweisen, wie sie im Interview mit dem Standard bekannt gaben. 143 Schülerinnen aus Oberösterreich wurden dazu befragt. Nach dem Konsum der Zeitschriften war bei den Konsumentinnen häufiger der Wunsch da, dünn zu sein und auch ihre Stimmung war deutlich schlechter.

Nun gibt es aber auch schon viele Magazine, die mit der Zeit gegangen sind und die Abstand von sexistischen Botschaften und surrealen Körperbildern nehmen wollen. Ein Beispiel für ein solches Magazin ist das Missy Magazine. Es bezeichnet sich selbst als feministische Zeitschrift für Frauen, die sich für Politik, Popkultur und Style interessieren und setzt sich unter anderem für Gleichberechtigung ein. Ihr Motto: “Weil es noch viel zu diskutieren und zu verbessern gibt!” Mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren ist das Missy Magazine jedoch sehr klein. Im Vergleich: Die auflagenstärkste Frauenzeitschrift in Deutschland, die Bild der Frau, hat eine Auflage von über 830.000, die WOMAN in Österreich über 170.000.

Auch das sisterMAG, ein Online-Magazin, orientiert sich an ähnlichen Werten wie das Missy Magazine. Ansprechen wollen sie  “jene Gruppe von Frauen, die häufig von Publikumszeitschriften vernachlässigt wird: Vielseitig interessierte, gut ausgebildete, selbständige Frauen, die sich für die digitale Welt begeistern und intelligente Informationen in ansprechendem Design präsentiert haben möchten.”

Eine weitere Alternative zu den gängigen Zeitschriften und ein gutes Beispiel, dass ein anderes Konzept funktionieren kann, ist die WIENERIN. Mit Geschichten rund ums Leben, die sich durch Ehrlichkeit und Objektivität auszeichnen, agiert das Magazin auf Augenhöhe mit seinen Leserinnen — bis dato hat die WIENERIN eine Auflage von 90.000 Exemplaren. Tendenz steigend.

Das Problem bei den meisten “normalen” Magazinen ist jedoch, dass sie in ihren Möglichkeiten, vor allem der Finanzierung, limitiert sind und somit die breite Masse gar nicht erreichen. Bei Magazinen wie der WOMAN oder der Bild der Frau stehen große Verlage dahinter, die die Mittel für Zielgruppenwerbung haben. Und diese funktioniert auch, denn gelockt wird mit Headlines wie “Hot Body ohne Sport”, oder “So machen Sie ihn verliebt”. Insgeheim weiß man, dass das nicht funktionieren wird, aber man kann’s ja versuchen, denn die € 3, die ein Magazin durchschnittlich kostet, tun ja nicht weh, oder?

Leider wird sich aber, solange Frauen so denken und weiterhin frauenfeindliche Magazine kaufen, nichts in den Redaktionen ändern. Ja, wer Frauenzeitschriften liest, möchte unterhalten werden, schöne Bilder ansehen und vielleicht auch inspiriert werden, aber ist denn ein Stückchen Normalität wirklich zu viel verlangt?

Auch wenn man der Überzeugung ist, dass man sich von unrealistischen Darstellungen nicht zu sehr beeinflussen lässt, regen sie zum Vergleich an. Unterbewusst orientiert man sich dann doch an diesen Erwartungshaltungen. Vor allem für junge Menschen, die gerade in ihrer Selbstfindungsphase stecken, kann es sehr gefährlich sein, wenn sie sich von dieser oberflächlichen Welt, welche die gängigen Magazine vermitteln, leiten lassen. Ich jedenfalls möchte keine Lebenszeit mehr an Selbstzweifel verschwenden und Du solltest das auch nicht.

Antonia auf Twitter: @isleofbookx

[Foto: Illustration von Simon Eder]

stv. Chefredakteurin, Ressortleiterin Gesellschaft & Politik

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