5 Menschen erzählen von ihrem abnormalen Essverhalten

Essstörung

Essstörungen haben viele Gesichter und werden oft erst viel zu spät als solche diagnostiziert. Essen ist etwas sehr Individuelles und dementsprechend schwer ist es eine klare Trennlinie zu ziehen, also den Punkt zu finden, ab dem ein Essverhalten als abnormal klassifiziert werden kann.

Laut sowhat, dem Institut für Menschen mit Essstörungen, fühlt sich jedes zweite Mädchen in Österreich zu dick, obwohl nur zwölf Prozent als übergewichtig oder adipös eingestuft werden. Bei den Jungen sind die Ergebnisse zwar nicht so drastisch wie bei den Mädchen, aber dennoch stark bedenklich: 14,5 Prozent haben starke oder sogar sehr starke Angst vor einer Gewichtszunahme. Diese Zahlen sind beunruhigend. Manche Betroffene schaffen es selbst aus dem Schlamassel heraus, andere wiederum benötigen ärztlichen Beistand, um ihre Krankheit zu überwinden. Besonders während der Pubertät fehlt es an Akzeptanz gegenüber dem eigenen Körper. Entweder wird der gar nicht so flache Bauch bemängelt, die zu wenig muskulösen Oberarme oder die zu dicken Unterschenkel — über jedes Körperteil kann man sich beschweren, wenn man möchte.

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Ich will dem Phänomen Essstörung auf den Grund gehen. Darum habe ich mit fünf Menschen gesprochen, die mir die Geschichte ihrer Krankheit anvertraut haben. Name und Alter der betroffenen Personen wurden von der Redaktion geringfügig geändert. Gelernt habe ich dabei vor allem eines: Essstörungen können so facettenreich wie eine Farbpalette sein. Es lassen sich Parallelen und Muster finden, die an Hässlichkeit nicht zu überbieten sind.

Rita, 21

Als Kind sagte mir mein Opa immer, ich sollte mich doch mehr bewegen, denn ich sei zu dick. Sogar beim Wandern, also während ich Sport trieb, musste ich mich für meine molligeren Unterschenkel rechtfertigen. In der Schule hingegen wurde ich beinahe nie gehänselt. Das Problem ist nur, wenn es einmal passiert, vergisst du es nie. Mit 14 Jahren lag mein BMI bei circa 22, ich fing an Kalorien zu zählen. Kein Eis, weniger als 1.400 Kalorien pro Tag. Ich hielt ein paar Monate durch.

Mit 16 fing ich an, mein Essen zu erbrechen — in der Dusche, im Waschbecken oder in fremden Toiletten. Besonders Ungesundes musste raus. Wenn es mir psychisch schlecht ging, passierte es noch häufiger. Nicht jeden Tag, aber zwei bis drei Mal pro Woche. Auch nicht jede Woche, manchmal nie, manchmal häufig. Über mein Problem habe ich nie bewusst gesprochen, meine Mutter hat es aber gemerkt — wie ich erst letztens erfahren habe. Das Glücksgefühl “Unnötiges loszuwerden” war anfangs zu groß, um damit aufzuhören. Ich wollte dünner sein, attraktiver. Ich wusste, dass mein Verhalten abnormal war. Nach ein paar Monaten hörte ich auf, zu ekelhaft war der Prozess. Ich verstand den Sinn nicht mehr, teures Essen zu erbrechen, wenn anderswo Menschen verhungern.

Das Verlangen danach ist heute noch nicht ganz weg. Besonders nicht, wenn Opa sagt: “Wenn du zwei Mal die Woche Sport machst, müsstest du eh so dünn wie ein Strich sein” und du es ergo, laut ihm, einfach nicht bist.

Marianne, 45

Ich durfte essen, was ich wollte, denn mein Partner stand auf übergewichtige Frauen. Anfangs findet man das toll, vor allem wenn man gerne isst. Schließlich ist es bei Frauen doch gängiger zu hungern, um seinem Partner zu gefallen. Ich dachte, es gäbe keinen Druck für mich, denn jedes Kilo mehr ist “noch viel besser”. Wenn es aber dann heißt: “Nimmst du ein Kilo ab, bin ich weg”, ist das Leben plötzlich nicht mehr befreit und lustig. Panik kommt auf, vor allem wenn einen der Arzt aus gesundheitlichen Gründen bittet, endlich abzunehmen.

Leider sehen viele Menschen nicht, dass es Feeder-Eater-Beziehungen gibt und dass diese einen (psychisch als auch körperlich) erkranken lassen. Man bezeichnet diesen Beziehungstyp auch als “Feeding”. Dabei gibt es immer eine Person, die ihren Partner füttert, weil sie Übergewicht als sexuell anziehend empfindet. Wenn ich jemandem davon erzählt habe, hat niemand meine Sorgen ernst genommen und nur gesagt, ich solle mich doch freuen, dass ich so viel fressen kann, wie ich eben wollte. Das war aber nicht der Fall, schließlich wollte ich irgendwann abnehmen. Durch diese Beziehung bekam ich Diabetes und muss nun auf meine Blutzuckerwerte achten. Heute geht es mir gut. Ich habe meinen Partner verlassen, abgenommen und ein gesundes Essverhalten entwickelt.

Tom, 24

“Ich mache Schluss, ich kann nicht mehr!” Bereits in diesem Moment fühlte ich die Übelkeit. Liebeskummer ist etwas Beschissenes. Man kann nicht schlafen, muss unentwegt an die Situation denken und glaubt, nie wieder Lust auf Essen zu bekommen. Ich hatte große Schwierigkeiten, meine Probleme richtig zu verarbeiten und fiel in ein tiefes Loch, in dem ich erstmal feststeckte. Die ersten zwei Monate musste ich nur beim Gedanken, etwas zu mir zu nehmen, brechen. Ich zwang mich an den Mittagstisch, meinen Eltern zuliebe. Jedem Bissen folgte ein zehnminütiges Herumstochern, bis ich aufgab und alles Essen, sogar meine Lieblingsmahlzeiten, stehen ließ. Anfangs war es eben nur Appetitlosigkeit, gegen Schulbeginn kam regelmäßiges morgendliches Erbrechen hinzu, obwohl gar nichts in meinem Magen war.

Innerhalb einiger Wochen nahm ich stark ab, meine Kleider passten nicht mehr und ich vertuschte mit weiten T-Shirts meinen abgemagerten Körper. Meine Familie durchschaute mich, meine Freunde machten sich Sorgen. Nach etlichen Monaten und medizinischen Tests ohne jeglichen Ergebnissen, kam der der Appetit endlich wieder zurück. Es war ein langer, harter Kampf, mich wieder zu ernähren und mein Normalgewicht zurückzuerlangen. Ich bin froh, diese Zeit hinter mir zu haben und spreche auch wieder mit meiner Ex-Freundin. Da ich mich als psychisch stabilen Menschen einschätze, bin ich zu der erschreckenden Erkenntnis gekommen, dass es einfach jeden treffen kann.

Susanne, 21

Ich habe eine eher kurvige und sportliche Figur, normaler BMI. Während meiner Pubertät war ich immer neidisch auf meine schlankeren Freundinnen und wollte um jeden Preis so aussehen wie sie. Mit 16 fühlte ich mich wie der größte Loser, weil ich nicht diszipliniert (wie ich dieses Wort in dem Zusammenhang hasse) genug dafür war, Mahlzeiten einfach auszulassen.

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Darum begann ich mein Essen fast manisch zu verschlingen, nur um es wieder auszukotzen. Ich wurde Meisterin des Versteckspiels. Manchmal ging ich zum Kotzen in den Wald, manchmal ins Haus meines Großvaters. Wer jemals über einer Kloschüssel hing, weiß wie unbeschreiblich dreckig man sich in so einer Situation fühlt. Wenn das Gesicht völlig nass ist vor Tränen und Rotz, der einem aus der Nase läuft. Die Panik, wenn sich im Erbrochenen einmal wieder Blut befindet und man nicht weiß, ob es vom aufgekratzten Hals, den wunden Fingerknöcheln oder aus dem eigenen Magen kommt. Und natürlich der Schwur danach, es nie wieder zu tun, nur um zitternd eine Woche später in derselben Position im Badezimmer zu kauern.

Je älter ich wurde, umso ausgeklügelter war mein System. Zwei Tage die Woche fressen bis mein Magen fast platzte, fünf Tage fasten. Wenn ich mich nicht daran hielt, erbrach ich. Irgendwann machte es mich wahnsinnig, ich hatte keine Lust mehr auf Diät halten. Ich schmiss die Waage aus dem Fenster und löschte alle Fitness-Apps. (Fick dich, MyFitnessPal!)

So richtig normal ist mein Essverhalten heute — fünf Jahre nachdem alles begann — immer noch nicht. Ich habe Angst vor Essenseinladungen und bekomme ein schlechtes Gewissen, wenn ich mehr esse als sonst. Meine Nervosität steigt, wenn ich daran denke, neben meinen Freundinnen einen Bikini zu tragen. Und manchmal, wenn es ganz schlimm ist, hänge ich auch wieder vor der Kloschüssel. Aber wen wundert das? Ich habe schließlich verlernt, meinen Körper zu spüren.

Anna, 19

Ich leide seit fast drei Jahren an Magersucht, auch wenn ich das anfangs natürlich noch nicht so bezeichnet hätte. Angefangen hat alles ganz klassisch und eigentlich ganz harmlos. Es gefiel mir, ein paar Kilogramm verloren zu haben und mehr der Norm des schlanken Teenager-Mädchens zu entsprechen. Dieses positive Gefühl hielt nicht allzu lange an — viel zu schnell und unaufhaltsam änderte sich mein Essverhalten immer mehr, ich verlor den normalen Bezug zum Essen. Und den zu meinem Körper. Das Schwierigste war für mich, mir das selbst einzugestehen. Aber Einsicht ist der erste Weg zur Besserung.

Ich versuchte vieles, um in dieser Zeit zumindest halbwegs wieder Herrin der Lage zu werden. Ohne die Unterstützung meiner Familie, die immer noch halbkrank vor Sorge ist, meiner unschätzbar wertvollen Freundinnen und professionellen Fachexperten und -expertinnen aus dem medizinischen Bereich hätte ich vermutlich niemals begonnen gegen meinen Dämon zu kämpfen. Der Weg ist lange und hart. Sehr hart. Mit vielen Rückschlägen und mit mehr Niederlagen als Erfolgen, wie es manchmal scheint. Aber aufgeben werde ich nicht, das habe ich mir geschworen, denn das war nie meine Art. Und eines habe ich aus dieser Geschichte mit Sicherheit gelernt: Das Leben ist schön und es ist es wert, dass man dafür kämpft, auch wenn es nicht leicht ist.

[Foto: Illustration von kultort.at]

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