Gesellschaft

Oberösterreich, deinen Rassismus kannst du behalten

Jakob musste am eigenen Körper erfahren, wie es sich anfühlt, aufgrund seiner Hautfarbe offen angefeindet zu werden

Oberösterreich, deinen Rassismus kannst du behalten 17. März 20173 Comments

Redakteurin

Jakob ist 19. Er ist österreichischer Staatsbürger. Aufgewachsen im tiefsten Oberösterreich. Mitglied im Fußballverein, früher sogar bei der Landjugend, Matura im Stiftsgymnasium, nächstes Jahr beginnt er ein Studium der IBWL. Österreichischer kann eine Biographie auf den ersten Blick eigentlich kaum sein. So österreichisch, dass es fast anmaßend wirkt, ihn als integriert zu bezeichnen. Weil, wie könnte er auch nicht.

Trotzdem ist es für Jakob nicht in jeder Situation einfach, als vollwertiger Österreicher gesehen zu werden.  Sein Vater kommt ursprünglich aus Nigeria, seine Hautfarbe ist schwarz.

“Mit offenem Rassismus bin ich zum Glück nur selten konfrontiert”, erklärt er zunächst, “ich glaube, dass da andere stärker betroffen sind.” Überlegt er jedoch länger, fallen ihm plötzlich doch einige Situationen ein, in denen seine Hautfarbe eine Rolle spielte.

Gefragt wird er zum Beispiel, ob er gut Basketball spielen kann. Oder schneller laufen als andere. Oder afrikanisch spricht, welche Sprache auch immer das sein soll. Manchmal hat er außerdem das Gefühl, als würden Menschen sich bemühen, mit ihm hochdeutsch zu sprechen. Dass Schwarzen in Österreich nicht unbedingt immer Kenntnis der deutschen Sprache zugetraut werden, wissen wir spätestens seit der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter den Fußballer David Alaba mit einem unbeholfenen “How do you do?” begrüßte. (Never forget!) Das ist nicht nur ein peinlicher Fauxpas für einen Politiker, sondern unterstreicht auch, wie viel Arbeit es noch ist, Diversität in den Köpfen der österreichischen Bevölkerung zu verankern.

Dass sich die Leute ihm gegenüber nicht immer ganz politisch korrekt verhalten, steckt Jakob ganz gut weg. Er versucht das meiste davon mit Humor zu nehmen, weil bestimmte immer wiederkehrende Vorurteile einfach so absurd sind, dass man ihnen anders kaum begegnen kann.

Es gab allerdings auch Situationen in seinem Leben, in denen er mit weitaus mehr als dummen Kommentaren konfrontiert war. Jakob musste am eigenen Körper erfahren, wie es sich anfühlt, aufgrund seiner Hautfarbe offen angefeindet zu werden.

In einem Land wie Österreich, das sich nur schwer daran gewöhnt, zu einem “Melting Pot” zu werden, ist es grundsätzlich schon nicht leicht, anders auszusehen. Jakobs Situation wird jedoch durch die ländliche Lage seines Heimatortes erschwert. In Wien ist es leichter, sich innerhalb der eigenen liberalen und toleranten Blase zu bewegen — in einer Gemeinde mit 1.000 EinwohnerInnen kann man kaum einen Bogen um jene Menschen machen, die einem weniger wohlgesinnt sind. Jakob erzählt von dem Mann auf der Straße, der mit Blick auf ihn abschätzig “Refugees Welcome” murmelt.


MEHR: Willkommen im blauen Dorf!


Die negativsten Erfahrungen hat er bisher beim Fortgehen gemacht. Das Nightlife-Angebot in Oberösterreich ist vor allem im ländlichen Raum sehr limitiert. Das weiß ich, weil ich selbst dort aufgewachsen bin. Die meisten Dörfer haben kleine Diskotheken, großer Teil der Fortgehkultur sind allerdings die Zeltfeste, bei denen die ganze Umgebung zusammenkommt. Und wieder gilt: Es ist schwer, sich aus dem Weg zu gehen. Bei einem solchen Fest war es eine ganze Gruppe junger Männer, die Jakob mit “He, schauts her! A Flüchtling is a do” begrüßte. Kommentare wie diese sind degradierend auf mehr als nur einer Ebene. Sie suggerieren, dass das Wort Flüchtling inzwischen eine Beschimpfung ist und, dass Jakob aufgrund seiner Hautfarbe überhaupt kein richtiger Österreicher sein kann. Frei nach dem Motto: “In order to be truly Austrian, you have to be white.” Das ist offener Rassismus. 

Fernab der Zeltfestkultur gibt es in Oberösterreich auch einige Großraum-Discos. Eine der bekanntesten davon ist der Musikpark A1, die selbsternannte “geilste Diskothek Oberösterreichs”. Das  A1 hat bisher nicht immer mit rühmenswerten Schlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht. Wir erinnern uns an den Wahlkampf zur oberösterreichischen Landtagswahl 2015, bei dem es die Diskothek schaffte, in Grund und Boden geshitstormt zu werden. Grund dafür war die Veranstaltung Blaue Nacht im A1”, bei der Heinz-Christian Strache auftreten sollte. Damals erklärten die BeitreiberInnen auf Facebook, dass der Auftritt Straches nichts mit ihrer eigenen politischen Gesinnung zu tun hätte, schließlich hätte man auch schon anderen Parteien Raum gegeben. Ja, LokalbesitzerInnen können natürlich vermieten an wen auch immer sie möchten. Infolgedessen ist es aber das demokratische Recht eines/r jeden Einzelnen, diese Lokalitäten aufgrund solcher Entscheidungen zu meiden.

Die Türpolitik des A1 ist aufgrund dieser Vorgeschichte trotzdem wenig verwunderlich. Jakob war in der Nacht auf Sonntag, 5. März, mit einer Gruppe von jungen Männern unterwegs. Bis auf ihn waren alle ohne ersichtlichen Migrationshintergrund. Allen seinen Freunden wurde der Zutritt gewährt. Jedem einzelnen, außer ihm. Jakob war weder zu betrunken, noch hat er im Vorfeld gestänkert. Genauso wenig legte er sich mit den Türsteher an.

Er verhielt sich wie die BesucherInnen vor ihm, hinter ihm und neben ihm, die, sofern ihre Nachnamen Maier, Huber oder Schoißwohl lauteten, alle keinerlei Probleme hatten, in den Club zu kommen. Als Jakob den Clubbetreiber im Nachhinein um Erklärung bittet,  wird er mit billigen Ausreden abgespeist. Auch auf die Nachfrage von kultort.at wurde seitens des A1 nicht reagiert.

Jakobs Geschichten zeigen, wie schwierig das Leben als Minderheit in unserem Land sein kann. Er steht stellvertretend für rund 40.000 Österreicherinnen und Österreicher afrikanischer Abstammung, die alle immer wieder mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Und für alle: Es ist nicht lustig, zu einem Schwarzen “Hey Nigger!” zu sagen. Wirklich nicht.

Magdalena auf Twitter: @mag_dalenaber

[Foto: Illustration von kultort.at]

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3 comments

  1. Ähnliches hab ich mal im U4 in Wien erlebt: Von unserer Gruppe sind alle reingekommen – auch eine Freundin mit brasilianischen Wurzeln – nur mit den beiden Syrern hatten die Türsteher dann ein Problem und haben ihnen den Eintritt verweigert. Wie wir nach einer Begründung dafür gefragt haben, meinten sie, sie hätten „mit solchen Leuten schlechte Erfahrungen“ gemacht. Daraufhin sind wir gleich umgedreht, haben ganz unkompliziert unser Eintrittsgeld wiederbekommen und den Club seitdem gemieden.

  2. danke magdalena berger- deine artikel sind wirklich besonders interessant und gefallen mir sehr gut, vor allem deine themen auswahl…..lg sissy

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