Wieso Kendrick Lamar der Rap-Messias der Neuzeit ist

Kendrick Lamar

Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, als To Pimp a Butterfly das Licht der Welt erblickte. Inzwischen ist es aber schon volle zwei Jahre her, dass Kendrick Lamar das wohl beste Rap-Album der Neuzeit aus seinem wohligen Vaterleib gepresst hat. Natürlich nur metaphorisch. Wenn man sich das Album aber anhört, könnte man wirklich meinen, Kendrick hätte es erst großziehen müssen, damit es das werden konnte, was es ist: Ein Meisterwerk.

15. März 2015. Wien, Ottakring. Ein Gespräch: “Kendrick Lamar hat heute einfach so ohne Promo ein Album rausgebracht. What. The. Fuck.” — “Dein Ernst? Was?”

Man kannte den Rapper ja schon von Hits wie “Bitch Don’t Kill My Vibe” oder “Swimming Pools (Drank)”. Die große Liebe war es aber noch auf keinen Fall zum Releasetag von To Pimp a Butterfly. Erster Durchlauf. Beschluss: Durchfall. Zu viel, das man nicht in Kontext setzen konnte. Zu viel, das man einfach nicht verstand. Die Enttäuschung war dann doch groß. Ein paar Lichtblicke waren aber immerhin zu finden. Ein Snoop Dogg-Feature zum Beispiel. Aber das Interlude “For Free?” war einfach zu viel. Zusammen mit vielen anderen Sachen.

Man kannte Kendrick halt aus Section.80 oder good kid, m.A.A.d city. Aber das hier war einfach anders. Ist das Rap?

“Oida, was ist das bitte? Ist das eine Verarschung?”

Was mein Mitbewohner und ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Dieses Album wird uns noch Stunden, Tage, vielleicht sogar Monate begleiten und es wird uns Freude bereiten. Aber zunächst musste das Album mal liegen bleiben.

Kendrick Lamar ist die klassische Rap-Story. Als junger, talentierter Nachwuchsrapper aufgegriffen, nennt Eminem als einen seiner größten stilistischen Einflüsse und hat schon mit seinem Major-Debut good kid, m.A.A.d city 1,4 Millionen Tonträger verkauft. Bis hierhin eigentlich cool. Warum ist aber doch nicht einfach alles cool? Warum wird Kendrick Lamar gottgleich gefeiert und das nicht nur im Rap-Business? Es gab noch nie einen Rapper, der mit so viel Selbstreflexion, Weisheit und Poetik bestechen konnte. Natürlich gab es einen Tupac, einen Notorious B.I.G, einen Eminem, den Wu-Tang Clan oder einen Nas. Aber Kendrick … he’s different.

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Lamar umgibt sich mit unglaublich talentierten und künstlerischen Produzenten und feilt selbst an jedem Schritt in seinen Produktionen mit. Gemeinsam mit seinem Team hat er ein unglaubliches Feeling für Sounddesign und Platzierung von Inhalten, Samples, Sounds, Stimmen und Instrumenten. Es gibt selten Alben, von denen man behaupten kann, dass sie die Balance auf mehr als 15 Tracks halten und ein Gefühl nicht bricht. Davon gibt es vielleicht eine Handvoll. Und damit sei nicht gesagt, dass es wenig gute Alben gibt. Es gibt einfach nur wenige Stücke, in denen man sich, trotz eines ausgeprägten Perfektionismus, fallen lassen kann. Oft zerstört genau dieser Perfektionismus Alben, wenn nicht sogar ganze Bands oder Künstler. Fehler sollte man lieben lernen. Für mich gibt es zwei Alben, die es schaffen, nach Konzept perfekt zu laufen, dich mitzureißen und dich trotzdem leben lassen. Pink Floyds The Dark Side of the Moon und To Pimp a Butterfly von Kendrick Lamar.

Man muss kein Profi sein, um zu erkennen, dass der aus Compton stammende Rapper ein unglaublicher Künstler ist. Reimschema und Flow spielen eine eben so große Rolle wie Lyrik. Es gibt keinen Rapper, der es schafft, in so viele Personas zu schlüpfen und trotzdem er zu bleiben. Oft wirken Alter Egos aufgesetzt und falsch. Kendrick schlüpft in seinen Songs in betrunkene Freunde von ihm, in Gott selbst oder aber auch in Kinder, die über Compton sprechen.

Kendrick ist ein sehr gläubiger Mensch, der aber nicht in seinen Ideen stillsteht. Man erkennt, dass er sehr selbstreflektiert ist und nicht nur um des Redens Willen redet. In vielen Interviews lässt er es zu, sich angreifbar zu machen und hört immer seinem Gegenüber zu. Seine Antworten sprechen in diesem Fall für sich.

To Pimp a Butterfly ist ein sehr persönliches Album. Kendrick spricht über seine Erfahrungen nach seinem Durchbruch und über die Zeiten nach seinem ersten großen Erfolg, in denen er mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte. Wie viel darf man als Rapper in einer mit vielen Klischees behafteten Berufssparte preisgeben, ohne die Häme der Branchenkollegen auf sich zu ziehen? Für Kendrick spielt das keine Rolle. Realness wird bei ihm großgeschrieben, aber er darf trotzdem sagen, er möchte mit den Hood-Politics nichts zu tun haben.

Er kann von “Democribs” und “Rebloodicans” rappen und wird trotzdem von Barack Obama in das Weiße Haus eingeladen. Das beschreibt erstens ziemlich gut, wie hoch geachtet Kendrick ist und zweitens, dass man auch trotz Differenzen zusammenarbeiten kann. (Looking at you, Mr. Twitterflameboi Trump!)

“We gon’ be alright” ist der Schlachtruf einer ganzen Generation. Nach der Angelobung Trumps wurde der Song “Alright” als Haupttitel des Women’s March benutzt und man hört ihn auch immer wieder auf verschiedenen Demos. “Do ya hear me, do ya feel me, we gon’ be alright” – es wird eh irgendwie passen.

“King Kunta, everybody wanna cut the legs off him.” Eine Geschichte über einen Sklaven, mit dem Kendrick sich vergleicht. Die Unterdrückung der Schwarzen und Alltagsrassismus werden auch immer wieder thematisiert. Ähnlich wie J. Cole versucht Kendrick nicht zu belehren, sondern eher aufzuklären. Eine Kunst, die kaum jemand beherrscht.

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Kendrick Lamar ist ein Poet, ein Prophet und ein Visionär. Die Behauptung, dass Hip Hop alles darf und alles kann, durfte nie so wörtlich genommen werden wie bei Kendrick. Kaum ein Rapper schafft es, auf einer so persönlichen Ebene über Themen zu sprechen, von denen man als Zuhörer keine Ahnung hat und trotzdem irgendwie den Großteil versteht.

Es geht nicht nur um Bitches und Money. Es geht um Leben und leben lassen. Um die berühmte Frage des “Wer bin ich?” und “Wer will ich sein?”. Kendrick hat sich auf seiner Reise schon ein paar Schritte an die Beantwortung dieser Fragen angenähert. Derzeit arbeitet er mit Rick Rubin zusammen, einem der besten Produzenten in Amerika. Sein nächster Release wird bestimmt wieder ein Feiertag.

[Foto: Ewatson92/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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