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Die filmreife NBA-Karriere des Jonathon Simmons

Die außergewöhnliche Geschichte eines 27-jährigen Texaners, der nie ans Aufgeben dachte

Die filmreife NBA-Karriere des Jonathon Simmons 22. März 20173 Comments

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Im Rahmen des NBA-All-Star-Weekends vergangenen Februar durften die jungen, vielversprechenden Talente der besten Basketballliga der Welt in der Rising-Stars-Challenge ihr Können unter Beweis stellen. In einem Duell zwischen den USA und dem “Rest der Welt” war die mittelfristige Zukunft der National Basketball Association auf einem Court versammelt, doch ein Spieler in den Reihen der Amerikaner fiel aus dem Raster heraus: Jonathon Simmons von den San Antonio Spurs. Hier ist die außergewöhnliche Geschichte eines 27-jährigen Texaners, der nie ans Aufgeben dachte.

1989 wird Jonathon in Houston, Texas geboren. Für ihn ist die Basketballkarriere kein Traum, sondern sein gesetztes Ziel. Eigentlich lief alles nach Plan. Der talentierte Simmons spielte sich seinen Weg über die High-School und das Junior College bis in das Team der University of Houston, das in der höchsten Ebene des College-Basketballs antritt. Auch dort konnte er in seinem dritten College-Jahr überzeugen, brachte es auf 14,7 Punkte, 5,0 Rebounds und 2,2 Assists pro Spiel und stellte damit den Rest seines Teams in den Schatten.


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Simmons hatte das Zeug zum NBA-Star, das wusste auch sein damaliger Trainer Wayne Dickey. Er war talentiert, lernfähig und determiniert. Dennoch riet ihm der Houston-Coach dazu, ein weiteres Jahr am College zu spielen, um sich weiterzuentwickeln und die Chancen auf einen Platz in einem NBA-Kader zu erhöhen. Die Gründe dafür, dass sich Simmons über den Rat seines Mentors hinwegsetzte und sich 2012 für den NBA-Draft anmeldete, waren finanzielle. In seinem jungen Alter wurde Jonathon bereits zum dritten Mal Vater — ein Schicksal, das er an keinem Tag bereut hat, ihn zu dieser Zeit aber dazu zwang, seine Prioritäten und sportlichen Entscheidungen nach seiner Familie zu richten.

Draft-Day — innerhalb weniger Stunden entscheidet sich, für welches Team man in seiner allerersten Profi-Saison spielt und in welcher Stadt man seine ersten Schritte als NBA-Rookie wagen darf. Oder aber man wartet … und wartet … und wartet nur darauf, dass der eigene Name endlich ausgesprochen wird und der riesige Stein vom Herzen fällt, den man sein ganzes Leben mit sich trägt. Und dann fällt der 60. Name, der letzte des Abends. Ein letzter kurzer Moment der Hoffnung, danach bricht für all jene, die vergeblich gewartet haben, die Welt zusammen.

Ihr Sohn könne gut Haare schneiden, meinte LaTonya Simmons gegenüber nba.com, die ihren Jonathon bereits in einer alternativen Karriere als Barber gesehen hatte. Der gescheiterte 22-Jährige war allerdings nicht bereit, seinen Traum aufzugeben: “Plan B is to make Plan A work!” Ben Wallace, Udonis Haslem und auch Jeremy Lin war der Sprung in die NBA als ungedraftete Spieler gelungen. Warum also nicht ihm?

Während aber Spieler, denen er am College gegenüber gestanden war, ihre ersten NBA-Minuten in ausverkauften Hallen erlebten, spielte Simmons für die halbprofessionellen Sugar Land Legends in High-School-Turnsälen für wenig bis keine Bezahlung. Dass er in dieser Zeit 40 Punkte pro Spiel verzeichnete und der mit Abstand beste Mann am Court war, verschaffte ihm wohl keine Genugtuung. Je mehr Zeit verging, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sich der Traum des Houstoners doch noch verwirklich könnte, immer weniger Menschen in Jonathons Umfeld glaubten noch an ihn. Die meisten sahen in Simmons bereits nur den Burschen, “der es in die NBA hätte schaffen können”.

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Im September 2013 veranstalteten die Austin Spurs, der Development-League-Partner der gleichnamigen Erfolgs-Franchise aus San Antonio, ein offenes Tryout, um ihren Kader für die kommende Saison eventuell zu vervollständigen. Für 150 US-Dollar durfte man teilnehmen und bekam am Ende des Tages noch ein Erinnerungsshirt geschenkt. Was Jonathon Simmons bekam, war im Nachhinein betrachtet unbezahlbar: Eine zweite Chance. Heute verdient er die genannte Teilnahmegebühr alle 90 Minuten seines Lebens.

In das Roster von Austin hatten es schon vor Simmons ein paar Spieler über das offene Tryout geschafft, eine NBA-Karriere hatte bisher keiner auf diesen Weg aufgebaut. Doch er war anders. Das wusste nicht nur Jonathon, das erkannte auch der gesamte Trainerstab auf Anhieb. Das Talent sowie die nötige Athletik und Sportlichkeit brachte der damals 24-Jährige mit. Alles, was man ihm beibrachte, jeden Ratschlag, den man ihm gab, saugte er auf wie ein Schwamm. Simmons war ein roher Diamant und die Austin Spurs begannen ihn zu schleifen.

In der ersten Sommerpause als Mitglied der Austin Spurs wartete er trotz guter Leistungen vergeblich auf ein Angebot für einen NBA-Vertrag, stattdessen öffneten sich Möglichkeiten in den Top-Ligen Europas. Doch Simmons war felsenfest von einer Zukunft in seinem Heimatland überzeugt. Im zweiten Jahr in Austin verbesserte er sich erneut, merzte seine Schwäche bei Distanzwürfen aus (3er-Quote in der 1. Saison: 28 %, 2. Saison: 40 %) und wurde ins All-Defensiv-Third-Team der D-League gewählt. Zu Beginn der Off-Season musste der Shooting Guard allerdings erneut zusehen, wie einige seiner Mitspieler den Sprung zu NBA-Teams schafften, während er übersehen wurde.

An einem Punkt der Verzweiflung angelangt, erreichte Simmons im Juli 2015 dann doch der Anruf, auf den er so sehnlich gewartet hatte und er wurde Teil des Summer-League-Kaders der San Antonio Spurs. Sein erstes Spiel musste er noch von der Bank aus verfolgen, im zweiten kam er bereits als erster Wechselspieler. Am Ende des Sommers stand er mit dem MVP-Award des Finales, das seine Mannschaft gewinnen konnte, und seinem ersten NBA-Vertrag da.

Zu Beginn der 2015/16 Saison lief Simmons noch für Austin auf, am 14. November 2015 bereits mit Tim Duncan, Tony Parker, Kawhi Leonard und Co. In neun Minuten erzielte er jeweils seine ersten beiden Punkte, Rebounds und Assists, holte einen Steal und die Spurs gewannen sein erstes Spiel gegen die Philadelphia 76ers. Zwar pendelte der 26-jährige Rookie über weite Strecken der Saison zwischen San Antonio und Austin, doch gelang es ihm schlussendlich, sich als fester Bestandteil der berüchtigten “Juice Unit”, einer der besten Benches der Liga, zu etablieren.

Am ersten Spieltag der diesjährigen NBA-Auflage richteten sich die Augen der österreichischen Basketballgemeinde etwas weiter gegen Norden, weshalb nicht jeder den Blowout-Sieg der Spurs beim Vorjahresfinalisten Golden State mitbekam. 20 der 129 Punkte seiner Mannschaft, einige davon in spektakulärer Manier, bedeuteten ein Career-High für Jonathon und sendeten ein deutliches Zeichen in Richtung Star-Trainer Gregg Popovich. Egal welche Pläne “Coach Pop” für diese Saison auch geschmiedet hat, Simmons sollte ein Teil davon sein.

65 Spiele hat der Shooting Guard seitdem in dieser Saison bereits auf dem Buckel, drei davon von Beginn weg. In durchschnittlich 17,6 Minuten verzeichnet er 6,2 Punkte, 2,1 Rebounds und 1,6 Assists pro Match. Vor allem durch seine beeindruckende Athletik zeichnet sich Simmons aus, die ihm schon einige Highlight-Spielzüge und seinen Platz im Rising-Stars-Spiel ermöglicht hat.

Obwohl er mit 27 Jahren schon so viel erlebt hat, Rückschläge hinnehmen musste, Türen, die sich öffneten, wieder zufallen sah und am Ende doch den Sprung in die NBA schaffte, steht Jonathon Simmons erst am Anfang einer hoffentlich erfolgreichen Karriere, die bereits außergewöhnlich war, bevor sie richtig anfing. Um sein filmreifes Leben auf die Leinwand zu bekommen, muss er nun den letzten Akt des Drehbuchs schreiben. Und wer weiß, vielleicht kommt darin ja auch ein goldener Ring vor.

Stand aller angegebenen Statistiken: 22.03.2017

Philipp auf Twitter: @Philipp_Lou

[Foto: Illustration von James P. Platzer]

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