Polzer, König & Co: Wie Fußball im ORF wieder erträglich wird

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Oliver Polzer. Thomas König. Boris Kastner-Jirka. Drei große Namen in der Welt des österreichischen Sportjournalismus. Seit mehr als 15 Jahren gelten sie als die Crème de la Crème der öffentlich-rechtlichen Fußballkommentatoren in Österreich. Doch besonders in den letzten Jahren scheint es ein populärer Trend geworden zu sein, sich über diese bekannten Stimmen vor allem auf sozialen Netzwerken lustig zu machen, wenn nicht sogar sie auf das Härteste zu kritisieren.

Doch warum vergeht kaum ein Match im ORF, ohne dass man unzählige Postings wie “Dieser Scheiß-Polzer!” findet? Und was könnte man unternehmen, um den bereits sehr geschädigten Ruf wieder etwas zu bessern? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, haben wir einen Blick in den Chat-Verlauf von kultort.ats Johannes Pressler und Johannes Mayer geworfen!

Pressler: Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es war das erste EURO-Quali-Spiel gegen Schweden im September 2014. Unserem Rechtsverteidiger Florian Klein passiert ein (für ihn so typischer) Ballverlust, der schwedische Stürmer zieht von der linken Seite zum Tor und kommt an der Strafraumgrenze zu Fall. Der Pfiff vom Schiedsrichter bleibt überraschenderweise aus. Das wahre Highlight folgt aber erst.

Während der Zeitlupe, in der man ziemlich klar sieht, dass Klein ein Foul begangen hatte, folgt von Thomas König kein Kommentar wie “Da hätte man auch auf Elfmeter entscheiden können” oder “Da hat Österreich Glück gehabt”, sondern einfach nur ein Geräusch, dass man mit Buchstaben nicht einmal in die Tastatur tippen kann. Am ehesten würde ich es mit einem Ton vergleichen, den ein Pferd beim Ausatmen von sich gibt.

Es war wohl die Intention Königs, uns damit mitzuteilen, dass der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung zugunsten der ÖFB-Truppe begangen hatte. Wenn ein Kumpel von mir im Pub voller Erleichterung solch einen Ton von sich gibt, ist das natürlich verständlich. Aber von einem der erfolgreichsten österreichischen Sportkommentatoren der letzten zwanzig Jahre kann man wohl etwas mehr erwarten, oder?

Lange Message, kurzer Sinn: Joschi, was glaubst du? Warum endet so gut wie jeder Kick im ORF mit einem derartigen Kommentatoren-Shitstorm?

Mayer: Ich finde, du hast mit diesem Beispiel da ein sehr maßgebliches Problem veranschaulicht, lieber Joe. Um auch eines zu nennen: Erinnerst du dich noch, als König ausgerastet ist, weil Arnautovic damals gegen Deutschland dieses Ding nicht mehr gemacht hat?

Das waren auch alles andere als TV-taugliche Geräusche. Da ist ein Shitstorm unvermeidlich!

Prinzipiell sind ja Emotionen etwas Gutes — vor allem in solchen Qualifikationsspielen. Das bringt den Fußball den Leuten nahe und stärkt die Stimmung. Ist doch schön, wenn die Moderatoren für ihr Land mitfiebern. Man denke nur an die spanischen Reporter, die beinahe einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie moderieren.

Die Professionalität geht dabei aber manchmal leider flöten. Und unsere Moderatoren haben nicht das Zeug dazu, den goldenen Grad der Mitte zu halten. Aber um mein eigenes Argument zu entkräftigen: Emotionen sind hier ja gar nicht die Ausrede für Polzer und Co. Oder reißt es dich mit, wenn die Bullen gegen Rapid treffen und Polzer meint: “Jetzt ist es passiert. 1:0 für Salzburg”?

Pressler: Da hast du schon recht, wobei solch eine Reaktion von Polzer bei einem Rapid-Gegentor gar nicht so unrealistisch ist, wenn man daran denkt, wie horny ganz Sportjournalismus-Österreich wird, wenn es bei den Grün-Weißen läuft.

Aber egal, zurück zum Thema! Ich glaube, das grundsätzliche Problem dabei ist eigentlich recht offensichtlich. Ein “Ooooh, ooh!” des mitfiebernden Kommentatoren gehört durchaus dazu. Nur sollte es dann auch einen Co-Kommentator geben, der versucht, diesen von dir angesprochenen goldenen Grad der Mitte zu halten bzw. wieder herzustellen.

Aus irgendeinem Grund aber weigert sich der ORF dies einzugestehen und bleibt dem Solo-Kommentar beim Fußball treu. Doch warum? Beim Skifahren oder der Formel 1 wäre eine solche Konstellation ja unvorstellbar. Hey, selbst beim fucking Langlauf erzählt uns der Alois Stadlober alle fünf Minuten, dass die Läufer “jetzt nochmal so richtig einebeißen müssen”!

Mayer: Eigentlich müssten die da einen zweiten Idioten reinstellen, damit sie sich dann gegenseitig die Stange halten, wenn der andere einen Strich in der Hose hat, weil uns zum Beispiel die Fußballgroßmacht Ungarn bei der EURO das zweite Tor einschenkt. Aber wer sollte denn das überhaupt sein?

Glaubst du nicht auch, dass sich ein Polzer und ein König gegenseitig nur im Weg stehen würden? Die haben doch ein viel zu großes Ego, um sich dazwischen reden zu lassen. Vielleicht bedarf es einem ganz neuen Wind in der Klasse der Fußball-Kommentatoren.

Pressler: Mit dem großen Ego sprichst du einen ganz wichtigen Punkt an. In meinem Gespräch mit Michael Eschlböck, NFL-Kommentator auf Puls 4, unterhielten wir uns unter anderem auch über die Fußballkommentatoren des ORF. Eschlböck ist ebenfalls der Meinung, dass es durchaus innovative Köpfe in den Reihen des Österreichischen Rundfunks gebe, sich nur vor allem ein paar der größeren Namen weigern, von ihrer sogenannten Erfolgsformel abzulassen.

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Und man würde dann ja nicht Polzer und König gemeinsam in die Booth stecken, sondern definitiv nur einen der beiden plus einen wahren Experten. Ich bin mir sicher, dass die Qualität des Kommentars von Polzer gepaart mit einem, sagen wir mal, Peter Hackmair instant besser sein würde. Glaubst du nicht auch?

Mayer: Das wird der Herr Eschlböck sicher besser wissen, als ich das tue. Aber bisher habe ich vonseiten der Kommentatoren eigentlich nur Machos und alteingessene Fußballlegenden erlebt. Peter Hackmair ist da vielleicht die zarte Ausnahme. Ich bin immer noch für einen frischen Wind. Es ist Zeit für den Durchbruch einer jüngeren Generation.

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Aber ja, anfangs kann man natürlich so einen Weg einschlagen, die Egos zurückstecken und sich auf die Mischung hemmungsloser Emotion und hochwertiger Professionalität einstellen. Sonst haben wir vielleicht sogar bald einen Roman Wallner oder Stefan Maierhofer vor der Linse — und dann schalt ich den ORF nur mehr ein, wenn mir die Fernbedienung beim Zocken runterfällt.

Pressler: Ich glaube, wir sind uns einig, dass man sich wirklich die ein oder andere Scheibe von den US-amerikanischen Sportsendungen abschneiden sollte. Und wenn diese Scheibe für einen zu weit entfernt ist, dann werfe man doch nur einen Blick auf die Eishockey-Übertragungen von ServusTV oder eben die Berichterstattung der National Football League auf Puls 4. Gib mir zwei Kommentatoren, wenn möglich noch einen Sideline Reporter und das Ganze würde gleich so viel fresher rüberkommen.

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Ein großer Vorteil des Zwei-Kommentatoren-Systems ist ja auch die Tatsache, dass uns dann nicht nur fünf Minuten lange Redepausen erspart bleiben, sondern auch (möglicherweise) interessante Gespräche zwischen den Kommentatoren entstehen könnten, was dann wiederum auch die Diskussion zu Hause vor den TV-Geräten anheizen würde. Oder wäre es nicht herrlich, wenn ein Hackmair dem Polzer ein Spielsystem zu erklären versucht, während der Oliver nur am Überlegen ist, welchen sauschlechten Witz er als nächstes raushaut?

Mayer: Dem ist so nichts mehr hinzuzufügen. Es muss ja auch nicht zwingend eine wortwörtliche Verjüngung her, aber die metaphorische Transformation eines üblen Darminfekts in ein erfrischendes Frühlingsdüftchen darf durchaus gefordert werden!

Wir können also zusammenfassend sagen, dass wir einen Umschwung wollen. Die Monotonie des einzelnen Kommentatoren sollte sich in eine interaktive Diskussion über den in Österreich doch so geliebten Fußballsport zwischen zwei ambitionierten Reportern entwickeln. Welcher Weg jetzt auch immer gewählt wird, es muss auf jeden Fall ein neuer gegangen werden.

[Foto: Illustration von kultort.at]

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