Was das LET’S CEE Film Festival so besonders macht

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“Movies unite people through emotions” lesen wir auf den Plakaten des fünften LET’S CEE Film Festivals, das sich vom 21. bis 27. März auf den zentral- und osteuropäischen Raum spezialisiert und die Diversität, die diese Länder und ihre Probleme mit sich bringen, aufzeigen möchte. Denn Nein — Osten ist nicht gleich Osten. Und Nein — Ungarisch ist nicht Polnisch, wie ich als polnische Österreicherin so oft zu hören bekomme. (By the way, Ungarisch ist gar nicht mal eine slawische Sprache!)

Jedenfalls zeigen Filme aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Aserbaidschan, der Türkei, Georgien, Polen und auch Österreich, was osteuropäisches bzw. junges Kino alles kann.

Neben den Vorführungen sehr sehenswerter Streifen, wie Canal (Kanał), Ashes and Diamonds (Popiół i diament) oder auch Man of Marble (Człowiek z marmuru), gehörte vor allem die Retrospektive des 2016 verstorbenen Regisseurs Andrzej Wajda (Polen) zu den größten Highlights der vergangenen Festival-Tage.

Eine Jury aus ausgewählten Filmeschaffenden, JournalistenInnen und KünstlernInnen, wie Veronika Franz, Nicole Albiez, Samaya Asgarova oder Marina Richter, bestimmte vier Gewinner in folgenden Wettbewerbskategorien:

• Spielfilm: Kills on Wheels von Attila Till
• Promising Debuts: Hristo von Grigor Lefterov und Todor Matsanov
• Dokumentarfilm: A Mere Breath von Monica Lãzurean-Gorgan
• Kurzfilm: The Buzzing of a Bumblebee von Vladimir Beldian

Alle Vier wurden am Samstag mit der sogenannten Urania und einem Geldpreis in der Höhe von € 1.500 ausgezeichnet. Außerdem wurde der ungarische Filmregisseur Béla Tarr für sein Lebenswerk gewürdigt. Aber nicht nur die preisgekrönten Werke konnten beim LET’S CEE Film Festival überzeugen.

Unter den Short Films berührt der bulgarische Kurzfilm The Son des Regisseurs Hristo Simeonov , der in nur sechs Tagen gedreht wurde und das Schicksal einer Roma-Familie in ärmlichen Verhältnissen thematisiert. Das aserbaidschanische tragikomische Drama Shanghai, Baku von Teymur Hajiyev handelt von Armut in Slums und der Stellung der Frau in einer konservativen Familie, während subtil durch wechselnde Kameras und ihre Licht- und Qualitätsstandards auf das Filmeschaffen selbst reflektiert wird.

Die russische Einreichung Masterpiece der erst 22-jährigen Irina Storozhenko, ursprünglich nur als Diplomarbeit gedacht, brilliert auf eine ungewöhnliche, jedoch faszinierende Weise und könnte unter dem Statement “Everybody is beautiful” zusammengefasst werden. Außerdem fällt die ukrainisch-polnische Produktion Reve Ta Stohne On Tour auf, die die Geschichte zweier ukrainischer Musiker, die in Polen berühmt werden wollen, auf eine dokumentarische und sehr lustige Art zeigt. Die Diversität unter den Themen und Filmschaffenden entspricht wahrlich der Diversität jener Länder.

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Abseits von der Andrzej Wajda-Retrospektive, den polnischen Animationsfilmen, die auf eine eigene Weise berühren und eine lange Tradition in Polen aufweisen, beeindruckte vor allem der polnische Film Za niebieskimi drzwiami, zu Deutsch: Hinter der geschlossenen Tür  eine Verfilmung des gleichnamigen Buches von Marcin Szczygielski. Wie der Autor im Q&A selbst zugab, hatte er zwar nicht viel Einfluss auf die Verfilmung, jedoch findet er diese sehr gelungen. Der polnische Spielfilm von Mariusz Palej wurde in Polen bis jetzt von mehr als 230.000 BesuchernInnen gesehen und hat bereits (zu Recht) den “ALE KINO! International Young Audience FF 2016”-Award für das beste Debüt gewonnen.

Die Geschichte des jungen Łukasz, der mit seiner Mutter auf Urlaub fährt und dabei in einen Autounfall verwickelt wird, weswegen seine Mutter danach ins Koma fällt, berührt nicht nur Kinder. Während der Junge von seiner emotional kalten Tante (gespielt von Ewa Błaszczyk) in ein abgelegenes Pensionat transferiert wird, erkennt er hinter einer blauen Türe eine fantastische Welt, in der er Geheimnisse seiner Familie aufspürt und gegen Hindernisse kämpfen muss. Im Zuge dessen knüpft er Freundschaften und erlebt Höhen und Tiefen, die sein psychologisches Trauma mit sich bringt. Psychologische Elemente, wie die Szene, in der Łukaszs normalerweise emotionslose Tante vor Sorge in Tränen ausbricht, aber auch symbolische Gestalten wie der “krwawiec”, der den Tod scheinbar symbolisiert, verleihen dem Film eine besondere Tiefe. Hinter der geschlossenen Tür versprüht Leichtigkeit und lässt einen die Welt wieder durch Kindesaugen betrachten, was für uns, Erwachsene, das eine oder andere Mal hilfreich wäre.

Das Besondere an diesem Filmprojekt ist, dass durch den Kinobesuch die polnische Organisation der Schauspielerin Ewa Błaszczyk Akogo?, unterstützt wird. Diese beschäftigt sich mit Menschen im Koma und mit dem Ausbau der medizinischen Einrichtungen dafür. Marcin Szczygielski hat das Buch auch mit Gedanken an Ewa Błaszczyk geschrieben, die selber von solch einem tragischen Schicksal betroffen ist, da ihre Tochter im Jahre 2000 in ein Koma gefallen ist. Vor einem Jahr wurde das Kinderbuch außerdem ins Deutsche übersetzt und kann von LehrernInnen als alternative Pflichtlektüre verwendet werden.

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Nur selten erlebt man bei einem Filmfestival eine derartig lockere Atmosphäre, die es einem erlaubt, auch mit Regisseuren nach ihren Filmvorstellungen zu sprechen, wie mit Hristo Simeonov von The Son. Scheint doch attraktiv zu sein für Cineasten, oder nicht?

Dass das Festival nicht vom Österreichischen Integrationsfond gefördert wird, obwohl es einen erheblichen Beitrag zur Integration und Verständigung zwischen Kulturen fördert, ist sehr schade. Dies wird von den Veranstaltern im Editorial zum offiziellen LET’S CEE Film Festival-Katalog auch noch einmal ausdrücklich betont.

Generell wäre es wünschenswert, solchen Projekten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, besonders jetzt in einer Zeit, in der Europa generell zerspalten scheint. Sind wir nicht alle Menschen, die eben durch Emotionen verbunden sind? Die oftmals dieselben Probleme quer durch Kulturen erleben und wenn wir das wüssten, vielleicht mehr Verständnis füreinander hätten? Lassen wir Filme eben diese Geschichten erzählen.

Magdalena Korecka studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien.

[Foto: Illustration von kultort.at]

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