Wie in Somalia Menschen verhungern und es keinen interessiert

Kultort-Artikel_Tamara

Vor einigen Tagen warnte ein Vertreter der Vereinigten Nationen (UN) vor der wahrscheinlich größten humanitären Krise seit 1945. Gemeint ist die aktuelle Hungersnot, die vor allem vier Nationen und insgesamt 20 Millionen Menschen akut bedroht: Südsudan, nordöstliches Nigeria, Jemen und Somalia.

Am 28. Februar wurde der offizielle Ausnahmezustand in Somalia verhängt. Die Zahl der betroffenen Menschen wird aktuell auf 6 Mio. der knapp 12,5 Mio. Einwohner geschätzt, davon 360.000 Kinder. Grund dafür ist allerdings nicht nur die anhaltende Dürre, sondern auch die politischen Bedingungen des Landes tun ihr übriges. Seit 1991 verfügt Somalia über keine funktionierende Zentralregierung und täglich sorgt die islamistische Terror-Miliz Al-Shabaab durch ihre Anschläge für Tote im ganzen Land.

Bereits 2011 starben bei einer Hungersnot laut der UN 250.000 Menschen. Nun haben sich die Zustände erneut dramatisch verschlechtert und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von 10 Mio. US-Dollar, die nötig wären, um einem Massensterben der somalischen Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies braucht vor allem Unterstützung der umliegenden und westlichen Länder. Eines der größten Probleme allerdings: In Europa und dem Rest der Welt interessiert sich scheinbar niemand für diese Menschen. 

Dass Afrika immer noch als der “Katastrophen-Kontinent” in den westlichen Medien beschrieben wird, ist keine große Neuigkeit. Doch die Berichterstattung ist nicht nur klar auf Katastrophen und Kriege fokussiert, sondern über Afrika wird auch weitaus weniger häufig und ausführlich als über die restlichen Kontinente berichtet. Und in den wenigen Artikeln, in denen Geschehnisse in Afrika geschildert werden, kommen weniger Stimmen aus den betroffenen Regionen zu Wort, sondern meist westliche PolitikerInnen und ExpertInnen. Wenn man von europäischen Mainstream-Medien spricht, lässt sich daher leicht sagen, dass Afrika als ganzer Kontinent wohl in der Rangordnung der Kontinente an letzter Stelle steht.

Wirft man nun einen Blick auf österreichische Medien — wie den Standard, Die Presse oder den Kurier — zeichnet sich das gleiche Bild ab. In der vergangenen Woche wurden auf derstandard.at insgesamt acht Artikel über afrikanische Themen veröffentlicht — davon ausschließlich alle über Krisen und Unglücke. Im März kam kein einziger über Somalia und lediglich zwei im vergangenen Monat thematisierten die aktuelle Hungersnot vor Ort (Stand 28.03.17). Das ist kein Einzelfall, denn auch auf anderen Seiten sucht man vergeblich nach ausführlicher Berichterstattung über die Hungerkrise in Ostafrika.

Das selbstzentrierte Ego der europäischen und allgemein westlichen Medienwelt überrascht kaum mehr. Bereits im vergangenen Jahr konnte man gut sehen, wie Terroranschläge in Europa uns als LeserIn weit mehr treffen als die täglichen Attacken in Somalia. Psychologisch lässt sich das leicht erklären: In Europa, durch die Nähe zu sich selbst, wird die Bedrohung stärker wahrgenommen, die eigene Sicherheit scheint in Gefahr zu sein. Afrika, Arabien, und andere? Traurig, aber zu weit weg, um uns tatsächlich in unserem Alltag zu berühren. Das klingt hart, ist aber ein bedauernswertes Faktum unserer westlichen Gesellschaft. Und dieses Bild spiegelt sich eben in den Medien wieder.

Aber muss das so sein?

Die Antwort lautet klar: Nein. Die Medien publizieren das, was die Gesellschaft lesen möchte oder jenes, das nach der Meinung der Medien relevant sei. Doch das sind nur Annahmen, denen man als einzelner/einzelne BürgerIn und als Gemeinschaft entgegentreten kann, denn am Ende entscheidet immer noch der/die LeserIn.

Ein Beispiel dafür lieferte in den letzten Wochen der Influencer Jerome Jarre gemeinsam mit seinen Freunden. Er startete mit einem Video eine digitale Kampagne, die sich direkt an Turkish Airlines richtete, die als einzige Fluggesellschaft das afrikanische Land über Istanbul anfliegen darf. Sein Anliegen war simpel: Einen kompletten Airbus mit Nahrungsmitteln und Wasser füllen, um den Menschen in Not zu helfen. Das Video verbreitete sich unter dem Hashtag #LoveArmyForSomalia wie Feuer im Netz und auch der bekannte US-Schauspieler Ben Stiller wurde aktiv. Ihr Aufruf wurde erhört und wenige Tage später kam das Go der Airline.

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Über Gofundme wurde der Spendenaufruf mit dem Ziel von 2 Mio. US-Dollar für Nahrungsmittel gestartet. Am 27. März ging das erste Flugzeug mit 60 Tonnen Nahrung und Wasser nach Somalia und sogar das Spendenziel wurde Tage zuvor schon weit übertroffen. Ohne staatliche Unterstützung, ohne NGOs, ohne Bürokratie. Dieses Beispiel tritt nicht nur all jenen entgegen, die der Meinung sind, die YouTube-Welt bestehe nur aus Dagi Bees und Gamern. Sondern es zeigt, dass jede einzelne Person den Unterschied machen kann und wir klassischen Medien und ihrer Berichterstattung nicht mehr unterliegen.

Die Zeiten, in denen Medien Wissen beschränken und diktieren, sind vorbei. Wir haben als Kinder des 21. Jahrhunderts die Möglichkeit, uns ein eigenes Bild von den Geschehnissen der Welt zu machen und darüber hinaus die Aufgabe, die Ignoranz der westlichen Medien zu kritisieren. Wenn über etwas nicht oder zu wenig berichtet wird, heißt das noch lange nicht, dass wir als Gesellschaft die Berechtigung haben, wegzusehen. Die Ressourcen des Internets stehen uns zur Verfügung und wir müssen diese nutzen. Und gerade in diesem speziellen Fall, in dem Hunderttausende Menschen verhungern, während die westliche Welt nicht nur zusieht, sondern die Hungersnot schlicht ignoriert, trifft dies mehr denn je zu.

HIER findet ihr weitere Informationen zu der Kampagne und HIER könnt ihr für #LoveArmyForSomalia direkt spenden.

[Foto: Illustration von kultort.at]

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