March Madness, was bist du für 1 Hype?

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Wenn in den USA mal wieder der allgemeine Wahnsinn ausgebrochen ist, kann man sich fast sicher sein, dass das Kalenderblatt März an der Wand hängt. Und das nicht nur, weil dann im Namen von Spring Break die Hemmungslosigkeit über die Jugend herfällt oder der Präsident wieder eine europäische Spitzenpolitikerin zu Besuch hat, sondern vor allem auch, weil im März traditionell immer Madness herrscht. Zumindest seit 1939, als die National Collegiate Athletic Association (NCAA) das erste bundesstaatenübergreifende College-Basketball-Turnier veranstaltete — und sich in Windeseile mit dem Namen March Madness verkommerzialisierte.

Ob sich ein findiger PR-Spezialist diese kongeniale Alliteration aus dem Kreativzentrum entriss oder ein anderer Umstand zu der Namensgebung führte, ist nicht bekannt. So oder so, der Name ist Programm und oktroyiert auch dem weniger enthusiastischen Beobachter die Gefühlswelt: Madness!

Und die Madness ist real. So real, dass 20-jährige Studenten, gepusht von frenetischen Pompons und zu Hochform auflaufenden Sportjournalisten, als landesweite Superstars proklamiert werden, bevor ihre Karriere überhaupt begonnen hat. Ein echter Wahnsinn!

Doch was genau steckt hinter diesem Event, von dem einige behaupten, es sei das größte US-amerikanische Sportereignis nach dem Superbowl? Aus europäischer Sicht ist es nicht leicht, den Hype um March Madness zu verstehen — aber man kann es ja versuchen.

College-Sport als letzte Bastion des American Dreams?

Zunächst mal ist zu erwähnen, dass Leistungssport in den USA — anders als in Europa — an das Bildungssystem gekoppelt ist. Ein Vereinswesen existiert so gut wie nicht. Wer als durchschnittlich begabter Student ein College besuchen möchte, muss bekanntlich entweder eine Menge Geld dafür bezahlen oder eben ein guter Sportler sein, um einen sogenannten “Full Ride”, also ein Vollstipendium, zu erhalten. Nur mit dem Unterschied, dann in erster Linie Sportler und nicht Student zu sein. Das gibt den talentierten Athleten schon früh das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und aus dem System mittels sportlicher Leistung ausbrechen zu können.

Ursprünglich als Heimat für den Amateursport gedacht, entwickelte sich die College-Meisterschaft zu einer gut geölten Leistungsmaschinerie, die das Erfolgsstreben einer jungen Sportlergeneration als Mittel zum Zweck für die Durchsetzung des eigenen Erfolgskonzepts nimmt. Die uralte amerikanische Glorifizierung von Aufstiegschancen, die einst das Image der USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten heraufbeschwor, ist im College-Sport so präsent, wie in sonst keinem anderen Bereich.

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Profitieren tun davon in erster Linie die Colleges, die ihre Sportmannschaften nicht nur als Aushängeschild für das eigene Bildungsinstitut nutzen, sondern auch finanziell enorm abräumen. Mit March Madness und Co. werden Milliardenumsätze erzielt — die Sportler sehen von diesem Geld allerdings keinen Cent.

Vom Privileg-Studenten zum Sportstar … oder nicht

Als Stars von morgen mit ausgeprägtem Starcharakter müssen sich die Studenten für die Profiwelt erst beweisen. Und so spielt jeder Spieler nicht nur für den Erfolg des Teams, sondern auch für die Hoffnung, beim jährlichen NBA-Draft im Juni von einem Team ausgewählt zu werden und einen millionenschweren Vertrag einzufahren. Für ein paar möge das funktionieren, aber für die meisten eben nicht.

Was davon übrig bleibt? Eine angefangene Karriere, ein vernachlässigtes Studium und das unvorstellbare Kapital, vorweisen zu können, einmal bei dem Wahnsinn dabei gewesen zu sein.

Die Liga rühmt sich stets damit, als Nachwuchsförderer neue Spitzenathleten auszubilden. Das mag ja begrenzt auch zutreffen, jedoch funktioniert dieses Prinzip nur auf Kosten anderer. Jungen ambitionierten Menschen bleibt der Zugang zu Universitäten trotz guter schulischer Leistung verwehrt, um stattdessen erfolgreiche Sportler auf die Colleges zu locken, bei denen der Notendurchschnitt keine Rolle zu spielen scheint.

Ein Ungleichgewicht, das sich auch in den Abschlüssen der Student-Athletes widerspiegelt. Zwar veröffentlichte die NCAA unlängst Zahlen, die zeigen, dass die Abschlussquote von College-Sportlern landesweit in den letzten 14 Jahren von 74 % auf 86 % angestiegen sein soll. Eine intensivere Beschäftigung mit den Zahlen zeigt jedoch, dass diesen Statistiken nur bedingt zu trauen ist. Zu oft standen Universitäten in der Kritik, die Zeugnisse von Sportlern zu verschönern und bessere Noten an Athleten zu vergeben. Aber wenn diesen Samstag der Ball beim Tip-Off für die Endrunde von March Madness in die Höhe fliegt, wird das wohl niemanden mehr interessieren.

Final Four = Final Madness

Besondere Brisanz erlangt das Turnier vor allem durch das K.-o.-System. Wer verliert, fliegt raus. So einfach sind die Regeln. Die besten 64 Teams (jeweils 16 aus vier Conferences) qualifizieren sich in der Regular Season für March Madness. Insgesamt gibt es vier Runden — bis zum Final Four.

Dort treffen nun am Samstag den 1. April die Tar Heels aus North Carolina auf Oregon und Titelfavorit Gonzaga muss gegen South Carolina ran. Das Finale steigt dann am Montag den 3. April in Phoenix.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen in Bezug auf das thematisierte College-System verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht. Der Autor möchte hierbei betonen, dass sich die Kritik des US-amerikanischen College-Systems genauso auf weibliche Studenten bezieht.

[Foto: SD Dirk/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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