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‘Schulz & Böhmermann’ ist die beste Talkshow, ohne gut zu sein

Die Show ist alles andere als gut, aber trotzdem das Beste, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat

‘Schulz & Böhmermann’ ist die beste Talkshow, ohne gut zu sein 5. April 20171 Comment

stv. Ressortleiter Popkultur

Die Talkshow Schulz & Böhmermann ist anders. Anders als all die gewöhnlichen Plauschrunden, in denen das Konzept schon vor Beginn der Show gähnend in unseren Köpfen hängt. Mediennationen bräuchten ja eigentlich Talkshows mit einem professionellen Blick auf die Geschehnisse ihrer Gesellschaft. Talkshows, die uns erinnern, dass es möglich ist, sich kultiviert zu begegnen und eine Diskussion ganz ohne Schimpfwörter zu führen. Gerade im oft so traurig unterverbalisierten Österreich. Aber was, wenn eine Talkshow wortwörtlich auf solche Regeln scheißt? Was, wenn der Moderator Peniswitze machen möchte? Wo kommen wir da hin? Direkt ins deutsche Fernsehen — zum ZDF.

Schulz und Böhmermann sind zwei Typen, die man nicht unbedingt als die seriösesten Entertainer bezeichnen würde. Oli Schulz ist Musiker und Witzbold, bietet Einblicke in seine Unterhose und raucht unheimlich viel, während er eine Talkshow führt. Jan Böhmermann ist Moderator, Satiriker und ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt. Man erinnere sich an seine Duelle mit Recep Erdoğan, dem querschnittsgelähmten Samuel Koch oder der Politikerin Katrin Göring-Eckardt.

Ist es also möglich, dass diese beiden Herren eine Talkshow über zeitgenössische Themen moderieren könnten? Stellt man Schulz und Böhmermann doch mal gedanklich neben einen Markus Lanz, einen Günther Jauch oder eine Ingrid Turnschuh. Da muss man fast schmunzeln. Die Ansprüche, die diese Talkshowformate stellen, sind so unterschiedlich, dass sie einen Vergleich kaum zulassen.

Man darf diesen seriösen Talkshows, wie etwa einem Club 2, natürlich nicht ihren ideologischen Gehalt an einer bewussten Reflexion der gesellschaftlichen Themen abschlagen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, alles einfach anders zu machen. Und genau da setzen Oli Schulz und Jan Böhmermann an: Ziel von Schulz & Böhmermann ist es kontroversen Themen mit kontroversen Gästen kontrovers auf den Grund zu gehen. Zu viele Wiederholungen? Dann rate ich euch hiervon ab.

Während in den meisten Talksendungen rhetorisch gehoben irgendwie an der Oberfläche gekratzt wird, stemmen Oli Schulz und Jan Böhmermann mit einem Brecheisen einen viel interessanteren Diskurs aus der Eisfläche der Monotonie. Und zwar mit blöden Sprüchen, Anmaßungen und einer ordentlichen Ladung Ironie und Selbstwitz.


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Außerdem wird Alkohol konsumiert, geraucht und immer wieder mit verbalen Spielereien die Stimmung berauschend gelockert, im negativen Falle gedämpft, im besten Falle richtig aufgeheizt. Die Diskussion wird nicht fade über einen roten Faden performt, sondern die Diskussion entwickelt sich aus Sticheleien, fiesen Witzen und persönlichen Fragen. Intros zu den Diskutierenden sind auf einer Skala von gerade-noch-gut-weggekommen bis beleidigend, Äußerlichkeiten werden nicht bewertet. Du sollst nicht besonders sein, nur weil du im Rollstuhl sitzt.

Dieser Grad ist gefährlich, schwierig und führt oft in eine sinnlose Leere. Natürlich, das ist auch die Challenge — über diesen derben Rahmen tatsächlichem Diskussionsmaterial auf den Grund zu gehen. “Nenn doch mal ein Beispiel!”, werdet ihr euch jetzt wahrscheinlich verwirrt denken. Schon gut.

In der Best-Of-Show zur ersten Staffel bekommen wir noch einmal die Crème de la Crème der Gäste auf den Tisch geklatscht: Vom cleveren Rapper Kollegah, dem irgendwie doch so ein bisschen verdächtigen Jörg Kachelmann oder dem trügerisch klugen Postler Gert Postel (letzteres ist kein Künstlername!). Die Gäste sind immer bewusst gewählt, sie sollten konträr sein, nicht zusammenpassen, um genau deswegen ein Konglomerat aus Gegensätzen zu bilden. 


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Und diese Liste an Gästen führt auch unangefochten Gert Postel an. Mit einem gelernten Postler zu diskutieren, der sich jahrelang als Chefarzt einer psychotherapeutischen Anstalt ausgab, kann nur zu Kontroversen führen. Immer wieder gerät er in eine sprachliche Auseinandersetzung mit Jan Böhmermann, der meint: “Herr Postel, was glauben Sie, dass mit Ihnen nicht stimmt?” Böhmermann polarisiert, geht mit jeder Frage persönlich aufs Ganze. Der beste Hochstapler Deutschlands, der sogar eigene Krankheitsbegriffe eingeführt hat (!), reagiert gewohnt wortsicher: “Ich verstehe die Implikation dieser Frage nicht.” In weiterer Folge erkennen die Moderatoren auch, wieso Gert Postler nicht mehr mit Poststempeln, sondern mit beinharten Manipulationen spielt.

ZDF/Ben Knabe
© ZDF/Ben Knabe

Das Spektrum an abartigen Gesprächen und Wortmeldungen ist schier unendlich, es kommt permanent zu Streitereien. Abweichungen vom eigentlichen Thema sind nicht nur regulär, sondern auch erwünscht — es gibt keine klare Richtung. Auch deshalb kommt es zum Beispiel in der 1. Folge der 2. Staffel zu einer Megadiskussion, bei der es gar nicht mehr um das eigentliche Thema (nämlich Sexismus) geht, sondern um die Grundlage des Diskurses. Im Klartext: Wie schaffen wir es überhaupt, so ein Thema richtig zu diskutieren?

Ein weiterer Grund für diese verbalen Irrwege ist die Subjektivität der Moderatoren. Nicht nur Jan Böhmermann fetzt sich verbal, auch Oli Schulz hat so oft Sager polemischen Charakters. Anders kann man es nicht bezeichnen, dass er in einer Sexismus-Diskussion unbedingt einen Peniswitz an den Mann bringen will. Er will nicht ganz sachlich und über allgemeine Fragestellungen in den Diskurs gehen, er geht den unkonventionellen Weg — und wird prompt von mehreren Seiten angemacht. Natürlich, die einzige Frau der Runde, Laura Himmelreich, stellt sich beinahe kommentarlos dagegen (obwohl gerade sie hier fundamentale Argumente bringen könnte), der Good Guy Shorsch Kamerun findet sowas viel zu banal und nur der klassische Macho Ben Tewaag, der Frauen so sehr objektiviert hat, dass er nur noch erfolgreiche Exemplare interessant findet, klopft Schulz locker ab.

Selbst in der Show funktioniert der unkonventionelle Weg selten bis gar nicht. Die Diskussionen enden teilweise bevor sie richtig begonnen haben. Jeder will jedem ein Bein stellen. Samuel Koch kontert auf sensible Art und Weise jeden Anlauf von Böhmermann, ihn wortwörtlich aus dem Rollstuhl zu holen. Es brechen Stühle ein, Micaela Schäfer darf ihre neuesten aufgespritzten Stellen präsentieren und ein Althamburger Puffbesitzer erklärt Gewalt gegenüber dem jahrelang geschulten Kriminologen Peter Axelmann … äh, Axel Petermann. (Wortspiel gestohlen von Oli Schulz himself!)

Nichtsdestotrotz beweist die Show, dass es anders gehen kann. Dass da ein Raum ist, der unbedingt gefüllt werden muss. Mit Zigarettenrauch, Anschuldigungen und ausgelutschten Stereotypisierungen. Die Show ist alles andere als gut, aber trotzdem das Beste, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat. Wollt ihr endlich einen Peniswitz hören? Am 2. April ist die neueste Folge erschienen. Und es ging ausgerechnet um das Metathema Talkshows.

Johannes auf Twitter: @joschi_mayer

[Foto: © ZDF/Ben Knabe]

stv. Ressortleiter Popkultur

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