Ein Gegenstück zu Trumps “Bad Hombres”

trump2

“No es nuevo, pero da el gatazo”, sagt ein mexikanisches Sprichwort. Übersetzt bedeutet es etwa: “Es ist zwar nicht neu, aber es scheint neu!” Mit diesem Satz könnte man Donald Trumps Sager der “Bad Hombres” kommentieren. Ethnische Stereotype existierten vermutlich schon immer und es wird sie zumindest in näherer Zukunft weiterhin geben. Die Statistik kann die Bilder der mexikanischen EinwanderInnen in die USA als “Bad Hombres” nicht verändern. Man könnte beispielsweise einwenden, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der Millionen MexikanerInnen in den USA auch tatsächlich kriminell werden. Es lohnt sich daher, auch den hartgesottensten Faktenleugnern die Biographie einer Familie südlich der “frontera” (Grenze) zu erzählen.

MEHR: Trump … und jetzt?

Die meisten Österreicherinnen und Österreicher kennen Mexiko aus Zeitungsberichten und James-Bond-Filmen. Zwar haben einige unserer Landsleute schon Fuß in das tropische Land gesetzt und waren in der Touristenregion Quintana Roo oder in Mexiko Stadt — dem Großteil der LeserInnen wird das Leben in den ärmlichen Regionen aber schwer vorstellbar sein.

Rubico S. lebt mit seiner Familie in Merida, der Hauptstadt Yucatans. Der studierte Betriebswirt kann heute gemeinsam mit seiner Frau seinen zwei Kindern ein sorgenfreies Leben bieten. Beide Kinder studieren, die ältere Tochter verbrachte sogar mehrere Auslandsaufenthalte.

Wohlstand hat sich aber erst mit den Jahren eingestellt. Ursprünglich stammt Rubico aus dem südlichem Bundesstaat Chiapas, der 23 Mal größer als Österreich ist. Rubico S. wurde vor rund 50 Jahren in einem kleinen Dorf namens Loma Bonita geboren. Nachdem er bei Verwandten in der Hauptstadt von Yucatan in Merida aufwuchs, begann er schon ab dem Alter von 10 Jahren zu arbeiten. Nach der Schule und später während des Studiums verdiente er sein Geld als Automechaniker.

mexiko 1
© Jakob Schott

Ein anderes mexikanisches Sprichwort besagt: “Eché la hueva todo el día.” Das kann man ungefähr mit “Heute mach’ ich gar nix!” übersetzen. Mit der Faulheit nahm es Rubico nie sonderlich genau. Urlaub gab es fast keinen. Um sich einen sorgenfreien Lebensstil zu ermöglichen, fährt das Ehepaar S. sechs- bis siebenmal die Woche ins Büro. Arbeit gibt es genug, hat man sich doch mittlerweile in Merida einen Namen gemacht und sich damit aus der Armut in die Mittelschicht katapultiert.

MEHR: Wir müssen unsere Arbeitskultur überdenken

Nach dem Studium machte sich Rubico mit seiner Frau selbstständig. Anfangs war es ein entbehrungsreiches Leben. Als die Kinder noch klein waren, nähte Elsi S. die Kleider ihrer Tochter selbst, das Haus hatte noch keine Klimaanlage (was in Yucatan eines der ersten Dinge ist, in die investiert werden sollte) und Rubico fuhr (was auch sonst in Mexiko?) einen alten VW Käfer.

Familie S. steht stellvertretend für ein Volk, das trotz ungewöhnlich langen Arbeitszeiten zu einem niedrigen Stundenlohn verdonnert wird. Die MexikanerInnen selbst versuchen das Beste daraus zu machen. Wenn man sie zu ihrer eigenen Wahrnehmung befragt, werden sie oft antworten, dass sie ein hart arbeitendes Volk sind. Sie sehen sich als Geschäftstreibende, die versuchen, alles aus ihren Möglichkeiten herauszuholen.

mexiko 2
© Jakob Schott

Trumps Charakterisierung der Mexikaner als kriminell und insbesondere als faul traf sie deshalb naturgemäß mitten ins Herz. Der Los Angeles Times zufolge reagierte die mexikanische Bevölkerung mit einer Welle des Patriotismus auf Trumps Angriffe. Ein Land, das sich fest im Griff der Gewalt befindet, hat seit dem Wahlerfolg des Republikaners ein einendes Feindbild.

Die emigrierten Mexikaner in den USA sehen jüngere Entwicklungen ähnlich. Sie müssen vermehrt mit Stereotypen kämpfen, was sich auch negativ am Arbeitsmarkt auswirkt. Mehr als 26 Prozent der Latinos in den USA lebt in Armut. Ein Latino in den USA zu sein, bedeutet oftmals in schlecht bezahlten Jobs ohne Verbesserungsmöglichkeit zu stecken.

Von den ungefähr 50 Millionen Latinos in den USA stammt um die Hälfte vom direkten südlichen Nachbarn, wobei sich der Großteil auf die südlichen Bundesstaaten wie etwa Kalifornien, New Mexico, Texas oder Florida konzentriert. In den Bundesstaaten des Mittleren Westens leben prozentuell die wenigsten Latinos. Die Verärgerung über die Verallgemeinerung der Mexikaner als “Bad Hombres” ist verständlich: Seit Jahrzehnten füllen sie den Niedriglohnsektor und übernehmen unangenehme Jobs wie etwa als Reinigungspersonal. Wenn sie dann als faul und kriminell hingestellt werden, werden sie natürlich in ihrem Stolz angegriffen.

In Mexiko verschärfte sich die politische Situation schlagartig mit dem Beginn der militärischen Interventionen gegen verschiedene Drogenkartelle 2006. Der Krieg gegen die Drogenbosse ist auch für die USA von großer Bedeutung, werden doch die Mehrheit der Substanzen über die Grenze gebracht. Diese Schmuggeleien werden seit Jahrzehnten ohne Erfolg bekämpft. Grund dafür sind auch die Profiteure in den USA — zwei Drittel aller illegalen Waffen in Mexiko wurden aus den USA über die Grenze geschmuggelt.

Der damalige Präsident Filipe Calderon ordnete Ende 2006 die ersten Militärschläge gegen mächtige Kartelle wie etwa Sinaloa oder Zeta an. Mehr als zehn Jahre später ist das Geschäft mit den Drogen immer noch einer der größten Wirtschaftszweige des Landes. Laut CNN-Berichten werden pro Jahr zwischen 19 und 29 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Die Anzahl der Toten und Vermissten steigt weiter an. Im Zeitraum von 2006 bis 2015 wurden ungefähr 80.000 Personen ermordet, wobei andere Schätzungen von deutlich höheren Opferzahlen sprechen. Hinzu kommen noch die 25.000 Vermissten. Jene Konflikte finden hauptsächlich in den nördlichen Teilen des Landes statt — also eben just neben dem großen Nachbarn.

Trumps Mauer würde den Drogenkrieg vermutlich nicht beenden. Die Profiteure auf beiden Seiten der Grenze werden weiterhin für Mittel und Wege sorgen, das Milliarden-Dollar-Business am Laufen zu halten. Ein/e TouristIn, die den Fuß nach Mexiko setzt, wird keinesfalls das Bild des faulen Mexikaners bestätigt finden. Gewalt ist aber allgegenwärtig und es sind hauptsächlich die Einheimischen selbst, die unter den Drogenkriegen leiden.

[Foto: Gage Skidmore/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

Tags from the story
, , ,
Written By
More from Jakob Schott

Wie uns die Philosophie dabei hilft, Fakten von Meinungen zu unterscheiden

Der “March for Science” am 22. April zeigte einige Paradoxien in unserer...
Read More

3 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*