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Lektionen, die uns ‘13 Reasons Why’ vermittelt

Lektionen, die uns ‘13 Reasons Why’ vermittelt 12. April 20171 Comment

Redakteurin

Achtung, dieser Artikel beinhaltet Spoiler!

Der Trailer von 13 Reasons Why geisterte schon ein paar Tage durch meine Timeline, ehe ich mich dazu entschloss Netflix’ neuester Eigenproduktion eine Chance zu geben. Ich habe das zugrundeliegende Buch nie gelesen und hatte dementsprechend wenige Vorstellungen von der Geschichte. Ich erwartete eigentlich so etwas wie Stranger Things, weil die Tweets zu #13reasonswhy sehr ängstlich klangen. Angst hatte ich nie, aber spätestens als ich das erste Mal

“Hey, it’s Hannah. Hannah Baker. Live and in stereo.”

hörte, lief es mir kalt über den Rücken. Circa 13 Netflix-Stunden später sitze ich mit dem Kopf unter der Decke, Tränen in den Augen und ziemlich verstört auf der Couch meiner Eltern. Ich schaffe es normalerweise eher selten mich auf Filme oder Serien richtig einzulassen und hab immer irgendwie das Handy nebenbei in der Hand, aber bei 13 Reasons Why drückte ich jedes Mal auf Pause, wenn ich eine WhatsApp-Nachricht erhielt.

Für alle, die die Serie noch nicht gesehen haben: In 13 Reasons Why erklärt die amerikanische Schülerin Hannah Baker, warum sie sich das Leben genommen hat. Sie nimmt ihre Geschichten auf Kassetten auf. 13 Kassetten um genau zu sein. 13 Kassetten für 13 Menschen, die sie anklagt, ihren Tod mitverschuldet zu haben. Jede Person, die auf den Kassetten erwähnt wird, muss sich die Tapes bis zum Ende anhören, um zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Was diese Wahrheit genau ist, definieren alle Angeklagten unterschiedlich — klar ist jedoch, dass niemand möchte, dass sie publik wird.

© Beth Dubber/Netflix
© Beth Dubber/Netflix

Hannah erzählt den Großteil ihrer Geschichte selbst, es ist ihre Stimme, die durch die ganze Serie führt. Trotzdem gibt es auch eine Art auktorialen Erzähler, der dort einsetzt, wo Hannah bereits tot ist. Als ZuseherInnen können wir wählen, ob wir in der Perspektive des auktorialen Erzählers bleiben wollen oder Hannahs Sichtweise annehmen möchten. 13 Reasons Why lädt uns zu Letzterem ein. Durch die Präsenz von Hannahs Stimme und die Art, wie sie erzählt, werden ihre Geschichten lebendig und dadurch auch die Leiden eines Mädchens, das Opfer von Slutshaming, Cybermobbing und letztendlich sexueller Gewalt wurde. Bei einer genaueren Untersuchung dieser Umstände wird deutlich, dass fast alle Leiden von Hannah auf Rape Culture und den Male Gaze zurückzuführen sind.

Der Male Gaze besagt, dass Frauen und die Welt generell in der Literatur oft aus männlicher Perspektive gezeigt werden. Auf eine Art und Weise, die Männern beim Anblick einer Frau “pleasure” schafft und Frauen objektiviert. Hannah wird Opfer sexueller Belästigung, Männer fassen ihr zwischen ihre Beine und an ihren Arsch. 13 Reasons Why gelingt es, diese Vorfälle aus weiblicher Perspektive zu zeigen, aus der Perspektive eines jungen und verletzlichen Mädchens. Als Hannahs  Hintern zum “best ass” der Schule gewählt wurde, wird er kein einziges Mal gezeigt. Hannahs sexueller Wert muss nicht anhand ihres Körpers bewiesen werden. Stattdessen sieht man Close-ups ihres Gesichts. Der Fokus liegt auf ihrer Verwirrung und ihrer Wut über solche Ratings.

© Beth Dubber/Netflix
© Beth Dubber/Netflix

Auch als Justin das Bild von Hannah zeigt, auf dem unter ihren Rock geblickt werden kann, erhaschen wir ZuschauerInnen keinen detaillierten Blick darauf. Als Hannah später von Bryce vergewaltigt wird, gibt das Drehbuch die Anweisung: “We need to stay on Hannah’s face a little bit longer than comfortable.” Und ja, die Kamera blieb so lange auf ihrem Gesicht, bis ich als ZuseherIn einfach wegsehen musste. Weil es wieder das Close-up von Hannahs Gesicht ist, diesmal seitlich, dass die Szene so blank und real macht. Und weil der Moment, in dem Hannah ihre Kräfte verlassen, ihre Hand nur mehr schlapp aus dem Pool heraushängt, für jede/n erkennbar wird.

Auch Rape Culture wird in 13 Reasons Why thematisiert, wenn auch nicht namentlich. Vor allem Bryce ist ein perfektes Beispiel dafür, welche fatalen Folgen ein falsches Bild von Männlichkeit für Teenager haben kann. Stichwort Toxic Masculinity. Es ist notwendig Jugendlichen zu erklären, was Konsens beim Sex bedeutet und dass ein Schweigen noch lange nicht bedeuten muss, dass beide Parteien einverstanden sind. Als Clay Bryce damit konfrontiert, dass er Hannah vergewaltigt hat, entgegnet Bryce süffisant:

“She wanted me. She was practically begging me to fuck her. If that’s rape, then every girl at this school wants to be raped.”

Nein, Hannah bat ihn nicht darum, Sex mit ihr zu haben. Hannah wimmerte und weinte. Bryce verkörpert einen Typ Mann, der viel weiter verbreitet ist, als uns allen lieb ist. Er nimmt sich das, von dem er denkt, dass es ihm zusteht. Er fühlt sich berechtigt mit jeder Frau zu schlafen und es ist ihm egal, wie es ihr dabei geht. Er vergewaltigt Jessica, die Freundin seines besten Freundes, ohne jegliches erkennbares schlechtes Gewissen. Als Justin ihn aufhalten will, grinst er nur und sagt:

“What’s mine is yours. Right?”

Ein weiteres Beispiel für Rape Culture ist die Szene, in der Hannah ihren Student Council Mr. Porter um Hilfe bittet. Das Gespräch mit Mr. Porter gleicht einem sanften Verhör.

“Did you tell him to stop?

No.

Did you tell him no?

No.

Maybe you consented, then changed your mind.”

Hannah wagt es nicht den Vorfall mit Bryce Vergewaltigung zu nennen und Mr. Porter ist nicht sensibel genug, die richtigen Worte aus ihr herauszulocken. Dass Hannah in dieser Situation so reagiert, ist nicht verwunderlich. Viele Opfer von Vergewaltigung fühlen sich so schmutzig, dass sie nicht darüber sprechen können. Hannah wirkt in bestimmten Szenen sogar so, als hätte sie eine posttraumatische Belastungsstörung, wie in der 30-minütigen Hintergrundgeschichte von 13 Reasons Why auf Netflix erklärt wird.

Zudem hatte Hannah Angst. Angst vor Victim blaming. Genau diese Täter-Opfer-Umkehr macht es jungen Mädchen weltweit so schwer über ihre Traumata zu sprechen. Und sie begünstigt Männer wie Bryce und lässt sie mit ihren Taten davonkommen. Vor allem ein Satz hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Als Hannah Mr. Porter erklärt, dass sie die Polizei nicht einschalten möchte, sagt er:

“I am not trying to be blunt here, Hannah. But you can move on.”

Anstatt Hannahs Angst ernst zu nehmen, bittet Mr. Porter Hannah indirekt den Vorfall einfach zu vergessen. Es läuft einem ein Schauer über den Rücken, wenn Menschen wie Mr. Porter, der durchaus sympathisch ist und sogar versucht Hannah zu helfen, so völlig unqualifiziert für eine Position wie Student Council sind. So machtlos und so unfähig zu erkennen, dass ein junges Mädchen wirklich Hilfe braucht.

© Beth Dubber/Netflix
© Beth Dubber/Netflix

13 Reasons Why ist eine Serie, die jeder gesehen haben sollte. Die Serie zeigt, dass wir das Bild einer neuen Männlichkeit brauchen. Dass der Bro Code für junge Männer nicht bedeutet wegzusehen, wenn ein stark alkoholisiertes Mädchen zum Sex gezwungen wird. Und dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist, bei dem die Schuld beim Täter und nicht beim Opfer gesucht werden muss. Wir dürfen nicht mehr wegsehen, wenn um uns Leute gemobbt werden und Opfer übler Nachrede werden.

Wenn du selbst suizidgefährdet bist oder einfach Hilfe brauchst, findest du unter der Nummer 147 jemanden, der dir zuhört. HIER gibt es auch einen Chat. Die Nummer der speziellen Hotline für Frauen ist 0800 222 555.

[Foto: Illustration von kultort.at]

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