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Warum wir nicht nur Fußball und Ski Alpin schauen sollten

Warum wir nicht nur Fußball und Ski Alpin schauen sollten 17. April 20172 Comments

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Benjamin Karl ist einer der besten Snowboarder Österreichs und bereits mehrmaliger Weltmeister und Gesamtweltcupsieger. Vergleicht man seine Erfolge mit jenen eines Marcel Hirscher, kann man durchaus Parallelen herstellen. Trotzdem findet man kaum mediale Berichterstattung über Karls Errungenschaften im Snowboard-Zirkus.

“Entscheidet sich jemand für’s Snowboarden, haben die Skifahrer weniger Nachwuchs. ÖSV-Sportdirektor Hans Pum hat einmal gesagt, dass den Skifahrern die 1985er- und 86er-Jahrgänge fehlen, weil sich da so viele für Snowboard entschieden haben. Es ist nicht so, dass niemand mehr Snowboard fahren will, oder dass es uncool wäre. Es gibt einfach weniger Leute, die dahinterstehen.”

In diesem Interview mit derstandard.at spricht Karl ein Phänomen an, dass nicht nur den Snowboardsport betrifft. Es ist die Macht der großen Volksportarten in Österreich — vorwiegend des Fußballs und Ski Alpins. Wir möchten euch zeigen, dass in Österreich neben den zwei großen Sportträgern auch sogenannte “Randsportarten” für Begeisterung sorgen können.

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Österreich im Handballfieber

Begeben wir uns zurück in das Jahr 2010, als in Österreich die Handball-Europameisterschaft stattfand. Neben den Handball-Hochburgen aus Island, Kroatien oder Frankreich hat man dem österreichischen Team nicht viel zugetraut. Bereits in der Vorrunde musste man gegen drei vermeintliche Titelfavoriten antreten. Ein Aufstieg in die Hauptrunde der besten Zwölf wäre bereits ein Riesenerfolg gewesen.

Den ersten Auftritt gegen Dänemark hat man verloren, die Hoffnung auf ein österreichisches Handballwunder aber nicht. Denn im zweiten Spiel gegen Island konnte man ein paar Sekunden vor Schluss das Unentschieden retten und eine Euphorie in ganz Österreich entfachen.

Im entscheidenden Spiel gegen Serbien um den Aufstieg konnte Österreich — getragen von den Fans vor Ort und dem TV — eine hochklassige Leistung abrufen und die Serben mit 37:31 schlagen. Dadurch verdiente man sich fünf weitere Spiele. Im Verlauf des Turniers schlichen sich Müdigkeitsfehler ein und das Tempo der Top-Nationen war schließlich zu hoch. Österreich hat sich aber mit einem guten neunten Rang verabschiedet.

Doch was ist hierzulande nach der EM 2010 mit dem Handballsport passiert? Man konnte an den Erfolg der Heim-EM anknüpfen und sich für zwei Weltmeisterschaften und eine weitere Europameisterschaft qualifizieren. Außerdem erhielt der Handball auf dem Fernsehsender ORF SPORT + mehr Sendezeit. In drei Jahren ist es auch wieder soweit, die EM macht wieder Halt in Österreich. Für kurze Zeit wird sich der alteingesessene Fußballexperte wohl oder übel auch als Handballfan outen.

Das Ende der österreichischen Tenniskrise

Tennis als Randsportart zu bezeichnen mag in erster Linie nicht der Wahrheit entsprechen. Sieht man sich aber die Jahre vor Dominic Thiems ersten ATP-Titel 2015 in Nizza an, hat man auf österreichische Erfolge eher länger gewartet. Jürgen Melzer war zu seinen besten Zeiten auch in den Top 10, konnte sich dort aber aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit nie lange halten. Viele Talente haben nicht den Sprung ins internationale Geschäft geschafft oder konnten nur vereinzelt für Aufsehen sorgen (wie zum Beispiel Tamira Paszek).

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Österreich hat nur darauf gewartet, dass wieder jemand in die glorreichen Fußstapfen von Thomas Muster tritt und auch im Kampf um Grand-Slam-Titel mitreden kann. Zurzeit ist Thiem Weltranglisten-Neunter und spielt ein gutes Turnier nach dem anderen. Wenn er schwere Verletzungen vermeiden kann, muss man in näherer Zukunft wohl mit ihm rechnen. Dem österreichischen Tennissport sind die Erfolge eines Thiem natürlich sehr recht, denn man hofft auf die Vorbildwirkung eines erfolgreichen Profisportlers, der die Jugendlichen für einen Sport abseits des Fußballs begeistern kann.

Bevor der Montag kommt…

American Football, Baseball, Eishockey und Basketball — während diese Sportarten in den USA tagtäglich zum Hauptabendprogramm gehören, spielen sie in unseren Breitengraden (bis auf Eishockey vielleicht) eine eher untergeordnete Rolle. Dabei hat es aber neben dem Eishockey, wo auch Österreich eine recht konstante und spannende Liga aufweisen kann, vor allem die National Football League (NFL) geschafft, sich im Alpenland und Europa einen Namen zu machen.

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Weil man einzelne Spiele in Europa ausgetragen und Fernsehrechte relativ günstig vergeben hatte, wuchs die Popularität der NFL. Sender wie Puls 4 werben mit dem Slogan “Bevor der Montag kommt, kommt die NFL” und haben bereits eine breite Zuschauergruppe erreicht. Auch der deutsche Sender Pro Sieben Maxx hat sich in der deutschsprachigen NFL-Szene etabliert. Mit Frank Buschmann hat man sich sogar eine der bekanntesten deutschen Kommentatoren-Stimmen sichern können.

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“The rookie with the Austrian hammer!”

Erfreulicherweise verfolgt man in Österreich seit dieser Saison auch die National Basketball Association (NBA) mit Begeisterung. Mit Jakob Pöltl spielt der erste Österreicher überhaupt in der besten Basketballliga der Welt. Pöltl hat in seinem Rookie-Jahr einen Vertrag bei den Toronto Raptors erhalten.

Obwohl man es in der NBA als Neuling bei einem Top-Team nicht leicht hat, machte Pöltl in rund 12 Minuten pro Spiel eine sehr gute Figur und konnte in der Regular Season mit einem Schnitt von 3,1 Punkten und 3,1 Rebounds bei einer beachtlichen Wurfquote von 58,3 % seinen Teil zum Erfolg des Teams beitragen. Nach einem wundervollen Alley-Oop bezeichneten die amerikanischen Kommentatoren unseren Ösi-Export sogar als “The Austrian Hammer”.

Ski Alpin und Fußball werden die Nummer-Eins-Sportarten bleiben. Karl, Thiem, Pöltl und Co. haben aber gezeigt, dass Österreich in der Lage ist, auch in den Randsportarten weltklasse ProfisportlerInnen auszubilden. Natürlich steckt dahinter auch der individuelle Wille und hartes Training. Die Erfolge unserer jungen Wilden machen aber Lust auf mehr — und durch ihre Leistungen könnten in Zukunft auch noch mehr junge Talente angelockt werden.

[Foto: Carine06/Flickr (Thiem)/CC BY-SA 2.0/LG전자/Flickr (Karl)/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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