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Record Store Day: Das Comeback der Vinyltonträger

Jedes Jahr nehmen sich Künstler den Record Store Day zum Anlass, neue Releases auf den Markt zu bringen

Record Store Day: Das Comeback der Vinyltonträger 21. April 20171 Comment

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Am 22. April findet zum zehnten Mal in Folge einer meiner Lieblingsfeiertage statt: Der Record Store Day!

Ein Festtag für Audiophile, der 2007 von unabhängigen Musikladenbesitzern aus einem guten Grund ins Leben gerufen wurde: In einer Welt, in der die digitale Reizüberflutung mittlerweile unmöglich zu umgehen ist, sehnen sich immer mehr Menschen danach, reale, analoge Tonträger in ihrem Besitz zu wissen. Sie wollen das Kratzen der Nadel über die Rillen des Vinyls hören und ihre Musik wieder aktiv und bewusst genießen, statt sich nur in der U-Bahn oder im Bus von den Klängen des iPods berieseln zu lassen. Viele, die ähnlich gepolt sind wie ich, schwören darauf, dass alleine das Auspacken und Einlegen einer CD die Bindung zu einem Album immens verstärkt und das Genusserlebnis amplifiziert — wie eine Marshall-Vollröhre das Gitarrensolo.


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Genau darum wurde der Record Store Day ins Leben gerufen. Kleine Independent-Musikgeschäfte sollen gefördert und zelebriert werden. Mittlerweile ist der RSD in mehreren Städten der Vereinigten Staaten (beispielsweise Las Vegas, New York und Los Angeles) ein offizieller Feiertag.

Trotz des Plattenspieler-Revivals, das seit den frühen 2000er Jahren immer weitere Kreise zieht, findet eine paradoxe Entwicklung statt: Immer mehr kleine Traditionsunternehmen schließen ihre Pforten, während anderorts Hipster-Plattenläden aus dem Boden schießen wie Eierschwammerl (alias Pfifferlinge — für unsere deutschen LeserInnen). Amazon und Co. machen oftmals Neuerscheinungen per Pre-Order schon erhältlich, bevor die Lieferungen den Musikladen um die Ecke erreichen. Die unschlagbaren Preisniveaus, mit denen jene Großanbieter aufwarten können, rauben den unverhältnismäßig kleineren Kompetitoren zudem die Konkurrenzfähigkeit.

Special-Issues und Premiumboxen sind zum Teil sogar nur über Online-Kanäle zu erwerben (für ein klares, ungefiltertes Statement bezüglich dieser Releases empfehle ich das Intro zu Sidos Goldenem Album zu konsultieren). Das Aufkommen diverser Streaming-Anbieter hat eine weitere, noch tiefere Kluft in die Musiklandschaft geschlagen. Digital wird mittlerweile überhaupt ein großer Teil neu erscheinender Alben schon vor der Pressung bzw. der CD zur Verfügung gestellt. Eine Unart, die aus dem amerikanischen Markt zu uns übergeschwappt ist und der sich viele Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber aus Prinzip verweigern.

Umso mehr erfreut es das Audiophilenherz, wenn KünstlerInnen Liebe und Engagement in ihre Neuerscheinungen fließen lassen und mit originellem Cover-Artwork, innovativen Konzepten, großartigem Sound und durchdachten Texten den Markt aufmischen. Die Wartezeiten zwischen den Releases variieren stark zwischen den MusikerInnen, jedoch lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass Freunde guter Musik in diesem Fall jederzeit der Qualität gegenüber der Quantität den Vorrang geben.

Und genau hier kommt der Record Store Day zum Tragen. Jedes Jahr nehmen sich KünstlerInnen den RSD zum Anlass, neue Releases auf den Markt zu bringen. Sowohl Major- als auch Independent-Labels publizieren an diesem Tag Besonderheiten, die sich von Neuaufnahmen bis zu Reissues auf farbigem Vinyl erstrecken (besonders hier kommt wieder die Sammlernatur zum Tragen, die einen dazu bewegt, sein hart erwirtschaftetes Geld in gefärbtes Plastik zu investieren — aber ey, Wert ist ein subjektives Konstrukt).

Dieses Jahr hat niemand Geringerer als Elton John angekündigt, am 22. April eine Neuauflage seines Lieblingslivealbums in die Läden zu bringen. Diese Aufnahme ist von einem Konzert aus 1970, das epochale Hits wie “Honky Tonk Women” und “My Father’s Gun” beinhaltet. Songs, die sogar bei Nicht-Elton-John-Fans (wie mir) Gänsehautgefühle aufkommen lassen. Weitere Acts, von denen limitierte Vinyl-Neuauflagen zu erwarten sind, inkludieren André 3000 von OutKast, Big L, The Beatles, Johnny Cash, The Cure und David Bowie. Auch jüngere Acts wie Bullet For My Valentine und sogar Miley Cyrus haben ihre Partizipation angekündigt.


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Die Rolle der Record-Store-Day-“Botschafterin” hat dieses Jahr St. Vincent inne. Ein ehrenhafter Titel, den vor ihr schon musikalische Großkaliber wie Josh Homme, Dave Grohl, Iggy Pop und Ozzy Osbourne tragen durften.

Allein in Österreich nehmen — laut offizieller Website — 14 Independent-Plattenläden am Record Store Day 2017 teil, weltweit sind es noch Tausende mehr. Blickt man auf all die Releases, die uns die ersten vier Monate dieses Jahres schon brachten (Ed Sheeran, Kendrick Lamar, John Mayer, Joey Bada$$ — um nur ein paar internationale Größen zu nennen), kann ich abschließend nur sagen: Freunde der Musik, ich zumindest weiß, wo ich am Samstag sein werde. Und am Sonntag darf ich dann den Privatkonkurs anmelden.

Philipp Grammel studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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[Foto: Illustration von kultort.at]

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