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Sexuelle Belästigung: Jodel hat gezeigt, dass es auch ernst sein kann

Wie ein Jodel tausende Frauen dazu brachte, ihre Geschichten zum Thema sexuelle Belästigung zu teilen

Sexuelle Belästigung: Jodel hat gezeigt, dass es auch ernst sein kann 24. April 20171 Comment

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Achtung! In diesem Artikel werden Vergewaltigung und unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung thematisiert.

Ich laufe auf der Ottakringerstraße im 16. Wiener Gemeindebezirk entlang und ein Typ schreit mir “Geiler Arsch” nach. Dann grinst er. Ich verdrehe die Augen und will zuerst weiterlaufen. So etwas passiert mir beim Joggen so häufig, dass ich meistens versuche es auszublenden. Dann werde ich aber wütend und entschließe mich dazu, den Vorfall einmal nicht unkommentiert zu lassen. Ich drehe mich um und bitte ihn zu wiederholen, was er gesagt hat. Er ignoriert mich. Ich bitte ihn wiederholt darum. Er senkt den Kopf und geht weiter.

Wütend, weil ich in solchen Situationen immer noch nicht so reagieren kann, dass es bei meinem Gegenüber ankommt, gehe ich nach Hause und jodle den Vorfall, weil ich meine Geschichte teilen wollte. Zuerst ernte ich einige Downvotes, dann fragt mich jemand, warum ich es nicht als Kompliment nehmen würde. Dann erklärt mir ein Mann, dass er es “geil” fände, wenn Frauen ihm einmal sagen würden, dass er einen geilen Arsch hätte.


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Ich bin perplex. Ich war der festen Überzeugung, dass in einer App wie Jodel, die Studierende als Zielgruppe hat und dementsprechend liberal sein sollte, keine Kommentare dieser Art auftauchen würden. Auch wenn danach natürlich sehr viele unterstützende Kommentare gepostet wurden, war ich doch baff, dass die erste Resonanz so unsagbar negativ war.

Spätestens seit der #NichtMehrWegschauen-Kampagne von VICE sollte doch einem breiteren Publikum bekannt sein, dass sexuelle Belästigung ein Thema ist, mit dem die meisten jungen Frauen schon einmal konfrontiert waren. Und es täglich sind. Wenn sie bei Sonnenschein mit kurzem Rock über die Straße gehen genauso, wie wenn sie nachts im Taxi sitzen.

Darum startete ich einen Jodel, in dem ich Frauen darum bat, ihre Geschichten zum Thema sexuelle Belästigung zu teilen.

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Ich rechnete nicht wirklich mit vielen Antworten, weil sowieso fast alles, in dem es ansatzweise um Feminismus geht, rigoros gedownvotet wird. Aber gerade deshalb wollte ich dem Thema auf Jodel Aufmerksamkeit schenken. Weil es nicht sein kann, dass man darum gebeten wird, etwas als Kompliment zu sehen, das einen im Endeffekt dazu bringt, sich für eine lange Hose zu entscheiden, weil man keine Lust hat in einem Kleid blöd angequatscht zu werden.

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Die Kommentare —Sonntag abends sind es bereits über 1.000 — machen mich ziemlich sprachlos. Mädchen erzählen von Männern, die sich in der U-Bahn neben ihnen einen runterholten. Oder Männern, die sie in den Öffis einfach festhielten und nicht entkommen ließen. Oder von den zwei Typen, die sich einfach bei ihnen eingehakt haben und mit zu sich nach Hause nehmen wollten.

Wenn man körperlich unterlegen ist, führt das oft zu einer Art Schockstarre. Und zu einem Gefühl der totalen Machtlosigkeit. Vor allem junge Mädchen wissen oft nicht, was sie tun können und an wen sie sich wenden können. Eine Jodlerin erzählt von ihrem Patenonkel, der ihr Bilder von nackten Frauen zeigte und sie um ihre Meinung dazu fragte.

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Besonders viele schlimme Erfahrungen haben die Jodlerinnen beim Fortgehen gemacht. Es ist schon fast normal, dass einem jemand zwischen die Beine oder an die Brüste fasst, was für manche darin resultiert, dass sie bestimmte Clubs (in dem besagten Fall das Loco) lieber meiden. Die Belästigung endete aber für viele nicht an der Clubtür, sondern erreichte im Taxi oft einen neuen Höhepunkt. Eine Jodlerin spricht von dem Taxifahrer, der sie nicht zu ihrer Adresse, sondern ins Nirgendwo kutschierte, in der Hoffnung, sie sei zu betrunken, um es zu merken. Eine andere Jodlerin berichtet, sie würde in der Nacht schon gar nicht mehr alleine nach Hause gehen wollen, weil sie so viele negative Erfahrungen gemacht hätte.

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Bei unzähligen Frauen hat man das Gefühl, als würden sie diese Geschichte zum ersten Mal erzählen. Der Satz “Ich habe mich schmutzig gefühlt” fällt mehr als nur einmal. Viele Geschichten wurden einfach verdrängt, um nicht daran erinnert zu werden, wie es sich anfühlt, wenn jemand in die eigene Intimsphäre eindringt.

Nicht wenige Jodlerinnen erzählen von Vergewaltigung.  Und dass sie sich danach gefragt haben, ob es nicht an ihnen gelegen hat. Das ist Rape Culture par excellence. Was das aus jungen Mädchen machen kann, wurde auf kultort.at bereits in dem Text über 13 Reasons Why thematisiert.


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Es is bedenklich, dass viele junge Frauen so lange über diese traumatischen Erlebnisse schweigen mussten und nur unter dem Deckmantel der Anonymität beginnen konnten, darüber zu reden. Viele der Geschichten fühlen unweigerlich dazu, dass einem als Leser oder Leserin ein Schauer über den Rücken läuft.

Wir müssen eine Umgebung schaffen, in der es für Frauen möglich ist, über ihre Erfahrungen zu sprechen, ohne dass sie Angst davor haben müssen, als Schuldige abgestempelt zu werden. Und wir müssen jene 32 % der Österreicherinnen und Österreicher, die Vergewaltigung “unter bestimmten Umständen gerechtfertigt” finden, vom Gegenteil überzeugen.

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Wer die hunderten von Geschichten zur Gänze lesen möchte, kann das auf Jodel unter dem Hashtag #sexuellebelästigung oder #nein=nein tun. Hier kann man die Nachrichten am PC lesen.

Wenn du selbst Opfer von Vergewaltigung wurdest, findest du auf 147 jemanden, der dir zuhört. Eine spezielle Beratung für Frauen findest du unter der Nummer 0800 222 555. 

Weil Jodel eine anonyme App ist, möchte auch die Autorin dieses Beitrages anonym bleiben.

kultort.at auf Twitter: @kultort

[Foto: Screenshot von kultort.at]

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