Wie man ohne Sport zur Sportskanone wird

Zur Sportskanone ohne Sport

Sport. Alleine das Wort führt bei einigen bereits zu Schweißausbrüchen, obwohl sie Sport nur so nahekommen wie Angela Merkel einem Händeschütteln mit Donald Trump. Die wenigsten von uns würden allerdings wirklich zugeben, dass sie keine Bewegung machen. Stattdessen wird versucht, in Gesprächen besonders gefinkelt ein anderes Thema anzusprechen, um nicht komplett 2004 zu wirken. Denn heutzutage kann man ja fast schon von Gesellschaftsausschluss sprechen, wenn Sätze wie “War gestern 10 Kilometer laufen” oder “Mein neuer Proteinshake kann’s richtig” nicht zum persönlichen Standardrepertoire gehören.

Damit du beim nächsten Gym-Talk aber nicht ganz verloren erscheinst und doch den Anschein einer Sportskanone erwecken kannst, sind hier vier Tipps, wie du nach außen hin wie Usain Bolt und Marcel Hirscher in einer Person wirken kannst, ohne tatsächlich Sport machen zu müssen.

1. Klugscheißen

Jeder Mensch hat in seinem Freundeskreis mindestens eine Person, die denkt, sie hätte die sportliche Weisheit mit dem Löffel gefressen. Diese Person bist ab sofort du.

Dabei ist es vollkommen egal, dass du, während Gott die Sportlichkeit verteilt hat, gerade auf der faulen Haut gelegen bist und das Spektakel leider verpasst hast. Denn ab jetzt gibst du deinen Freunden bei jeder noch so kleinen Gelegenheit Tipps für einen #healthylifestyle.

Deine Kumpels wollen am Wochenende eine mexikanische Fiesta machen? Erzähle ihnen, wie schlecht die Kombination aus Mais, Faschiertem und fettigen Nachos ist! Sonntag wird gegrillt? Posaune in lauten Tönen herum, dass Fleisch den Cholesterinspiegel in astronomische Höhen bringen kann und letztendlich zu einem grausamen Tod führt!

So oder so ähnlich sollten sich alle deine zukünftigen Konversationen rund um schlechtes Essen anhören.

Aber Achtung, solltest du dem eben genannten Tipp konsequent nachgehen, kann es mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu kommen, dass sich Gwyneth Paltrow bei dir meldet und ihren Heiligenschein zurückhaben möchte.

2. Instagram, Instagram, Instagram

Oder auch Facebook, Facebook, Facebook. Hauptsache irgendeine Social-Media-Seite, auf der du deinen Freunden reindrücken kannst, wie anstrengend dein Training ist. Besonders am Anfang kannst du nicht oft genug ins World Wide Web hineinschreien, dass du jetzt Sport machst und jeder, der sich deinem Lebensstil nicht anpasst, vermutlich bereits mit 41 an einem Herzinfarkt sterben wird. Das wird dir natürlich nicht passieren. Schließlich machst du bereits schon seit zwei Tagen exzessiv Sport.

Das Wichtigste an deinem Internetauftritt ist natürlich das Know-How. Du musst dich auskennen, wenn du mithalten willst. Rede also am besten wie eine Mischung aus Jillian Michaels und Sami Slimani. Das bringt nicht nur Likes von 13-jährigen Möchtegern-BloggerInnen, sondern lässt dich zusätzlich wie einen Muskelmenschen mit Herz und Hang zu nachdenklichen Kalendersprüchen wirken.

Daraus könnten dann beispielsweise Tweets entstehen wie: “Im Proteinshake-Laden letztens meinen alten Volksschullehrer gesehen. Der will’s wohl auch nochmal wissen” oder “Musste den Hund heute beim Joggen hinter mir herziehen. Der hat ja mal gar keine Kondi.” Der Aspekt, dass du gar keinen Hund hast oder dein Volksschullehrer bereits vor zehn Jahren friedlich dahingeschieden ist, ist vollkommen egal. Wer braucht schon Wahrheiten, wenn man Likes haben kann?

3. Beschwer dich

Jede große Sportkarriere ist auch mal von Niederlagen geprägt. Deine natürlich ganz besonders. Sie existiert nicht einmal, weshalb sie durchaus der Kategorie “Absolute Niederlage” zugeordnet werden kann. Aber das weiß ja (Gott sei Dank!) niemand.

Trotzdem, sportliche Niederlagen sind meist Verletzungen. Schlimme Verletzungen. Damit dein Sportskanonen-Fake also so erfolgreich wie möglich wird, muss er auch so realistisch wie möglich sein. Jammere also in regelmäßigen Abständen vor deinen Freunden über deine absolut schmerzvollen Stürze, Prellungen oder deinen nicht mehr auszuhaltenden Muskelkater.

Am besten googelst du hierzu die lateinischen Namen für ganz normale und bekannte Sportverletzungen. Das lässt dich nicht nur wesentlich intellektueller wirken, sondern verhindert außerdem weiteres Nachfragen. Weil niemand freiwillig zugeben möchte, dass sein Latein-Unterricht früher eher als Mathe-Hausübungs-Abschreib-Stunde genutzt wurde und das kleine Latinum nur dadurch zustande kam, dass dem Latein-Lehrer regelmäßig Komplimente für seine hässliche Tweet-Jacke gemacht wurden.

Außerdem geeignet für den perfekten Sport-Fake ist das Aufkleben von sogenannten Kinesio-Tapes: Bunte Pflaster, die bei Zerrungen oder Prellungen von SportlerInnen auf der Beliebtheitsskala ganz oben stehen. Denn zu einer guten Sport-Attrappe gehört regelmäßiges Tapen definitiv dazu. Vorteil hiervon ist, dass dich die Leute — ohne dass du etwas sagen musst — in die Kategorie “Super ehrgeizig und sportlich” stecken.

Merke dir also: Gehe niemals ohne buntes Tape aus dem Haus und besorge dir ein Medizinlexikon für unterwegs. Oder komm 2017 an und lad dir einfach eine App zu dem Thema runter.

4. Ziele setzen

Was eignet sich besser zum Angeben, als die Anmeldung für einen 10-Kilometer-Lauf, der wochenlanges Training mit sich bringt? Richtig. Nichts.

Da Anmeldegebühren für einen Lauf in den meisten Fällen sehr teuer sind, sparst du dir diese am besten und gehst zur billigeren Tarnung über: So tun als ob.

Suche dir aus den endlosen Möglichkeiten einen Lauf aus (für die besonders Mutigen am besten gleich einen Halb-Marathon), auf Facebook drückst du auf  “Teilnehmen” und vergiss nicht, deinen Freunden stetig Trainings-Updates zu geben und sie zum Mitmachen zu motivieren.

Natürlich wissen deine Freunde inzwischen, dass du zu einem kleinen Hercules herangewachsen bist, was das Risiko, dass sie tatsächlich auf dein Angebot einsteigen, natürlich erheblich minimiert. Auf gut Deutsch: Sie werden den Teufel tun, sich mit dir zu battlen!

Kommt es nun zum Tag der Tage, musst du dir nun eine geeignete Ausrede ausdenken, weshalb das mit deiner Teilnahme leider nichts wird. Hilfreich ist hier Punkt 3 dieser Liste: Die Sportverletzung. Weitere Beispiele wären etwa: “Aufgrund einer Überdosis Matcha im Frühstückscafé in die Notaufnahme gemusst” oder “Diebstahl der Anmeldebestätigung”.

Aber egal welche Ausrede du dir ausdenkst. Die Hauptsache ist, dass du sie glaubwürdig und mit einer ordentlichen Portion Selbstmitleid vorträgst. Denn wir alle wissen, wie unglaublich gerne du diesen Halb-Marathon gelaufen wärst.

Yvonne Bargl studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sie hat auch einen Youtube-Kanal

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