Die Kunst, mit deinem Egoismus richtig umzugehen

Egoismus

“Du machst aber auch immer, was du willst. Sei doch nicht so egoistisch!” Eine Aussage, die vermutlich schon jeder das eine oder andere Mal — ob gerechtfertigt oder nicht — an den Kopf geschmettert bekommen hat, gefolgt von der Aufforderung, doch auf die anderen zu achten und weniger an sich selbst zu denken.

Egoismus gilt in unserer Gesellschaft grundsätzlich als eine negative Eigenschaft. Dieser Begriff wird dabei aber häufig im falschen Kontext verwendet.

Von klein auf wird uns immer wieder gepredigt, wie wichtig es ist, auf unsere Mitmenschen zu achten. Es wird uns quasi in die Wiege gelegt, dass egoistisches Verhalten rücksichtslos ist. Wir sollen uns schlecht fühlen, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund rücken.

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Viele Menschen neigen dazu, ihre eigenen Interessen zurückzustellen, um es anderen dadurch recht zu machen. Genau hier liegt das Problem. Lebt man ständig mit dem Gefühl, nur das zu machen, was von einem verlangt wird und was andere erwarten, leidet nicht nur die eigene Lebensqualität — so ein Verhalten beeinflusst die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Denn wenn man ständig die Prioritäten der anderen über die eigenen stellt, zeugt das dann nicht von einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl? Man opfert sich und damit die eigenen Wünsche, die eigenen Ziele.

Wer nur mit der Einstellung “die Anderen zuerst” durchs Leben geht, wird früher oder später vor die Hunde gehen. Denn es wird immer Leute geben, die die Gutmütigkeit großzügiger Menschen für ihren eigenen Erfolg ausnutzen. Das sind dann jene speziellen Zeitgenossen, die sich ihre Lorbeeren auf Kosten Dritter verdienen.

Manche Personen scheinen ein besonders gutes Gespür dafür zu haben, ob jemand leicht zu verbiegen ist. Genau diese Menschen haben eine regelrechte Gabe, bei ihren Mitmenschen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, bis diese schließlich einknicken, zustimmen und den verlangten Forderungen nachgehen.

Was hilft gegen dieses Ausgenutzt werden und die drohende Selbstaufopferung? Genau, eine gesunde Portion Egoismus!

Ein gesundes Ego zu besitzen und sich selbst zur Nummer eins in seinem eigenen Leben zu machen, sollte zur Priorität werden. Nur so kann man glücklich und zufrieden sein. Denn wer sich nur aufopfert und es sich zur Hauptaufgabe macht, immer zuerst die anderen zufrieden zu stellen, wird auf Dauer müde und kraftlos. Altruismus macht auf Dauer krank, vor allem wenn du deine Hingabe nicht in gleichen Maßen zurückerhältst. Eben diese These betont auch der Doktorand Björn Stövesand (Universität Bielefeld), der in seinem Artikel als Konsequenz des dauerhaften Altruismus eine vollkommene, innere Leere prognostiziert.

Man kann das gut am schlichten Beispiel des vollen Wasserkrugs erklären: Leert man ständig nur Wasser aus dem eigenen Krug, um es anderen zu geben, wird der Krug früher oder später natürlich gänzlich leer sein. Es bleibt kein Wasser für sich selbst und auch keines, das man mit anderen teilen könnte, denn der gesamte Inhalt ist verbraucht. Versucht man aber immer genug Wasser im eigenen Krug zu haben, achtet man also darauf, dass der Krug immer konstant gefüllt ist, so besteht einzig die Möglichkeit, dass dieser überläuft — und dieses “überflüssige” Wasser lässt sich wunderbar verteilen, ohne selbst zu wenig davon zu haben.

Das lässt sich gut auf das eigene Leben und die persönliche Energie umlegen. Tankt man selber immer genug Energie, indem man auf seine eigenen Bedürfnisse achtet, wird man zufriedener und ausgeglichener durch den Tag gehen können. Man erfüllt damit nicht nur sich selbst mit einem neuen, besseren Lebensgefühl, sondern steckt auch systematisch seine Umwelt mit diesem positiven Selbstbild an. Stellt man sich aber selbst immer zurück, verliert man mit der Zeit auch die Kraft, anderen zu helfen. Man kann nicht geben, was man nicht hat. So einfach ist das.

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Ein Sprichwort sagt: “Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, ist für andere gesorgt.” Wenn jeder Einzelne mit gesundem Egoismus auf sich und seine Grundbedürfnisse schaut und nach seinen Prioritäten lebt — natürlich nur, wenn dies nicht zum Nachteil oder Schaden eines anderen passiert — so würde die Gesellschaft insgesamt ausgeglichener werden und ein harmonisches Zusammenleben leichter möglich sein.

Keinem wird’s gelingen, es immer jedem recht zu machen. Auch wenn wir uns noch so sehr dafür einsetzen. Irgendwer wird immer unzufrieden sein und eine andere Meinung vertreten. Doch jeder hat es selbst in der Hand, es der Person Recht zu machen, deren Bedürfnisse an erster Stelle stehen sollten: Sich selbst.

Charly Chaplin sagte einmal: “Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war […], von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das ‘gesunden Egoismus’, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.”

Man sollte sich dieses Zitat regelmäßig in Erinnerung rufen. Besonders wenn man kurz davor ist, einer Sache zuzustimmen, zu der man eigentlich Nein sagen wollte. Denn wenn wir uns selbst nicht wertschätzen, warum sollen es dann andere?

[Foto: tiegeltuf/Flickr/CC BY 2.0]

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