Die ÖH ist tot. Lang lebe die ÖH!

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“Freie Bildung. Dafür kämpfen wir!” — springt es dem/der BetrachterIn entgegen. Die auf dem Plakat abgebildete Frau verschränkt die Arme vor der Brust, lächelt und scheint nicht sonderlich bemüht, kämpferisch zu wirken. Lässig lehnt sie an einer bunten Wand, die in der Tiefenunschärfe langsam verschwimmt. Das Plakat des Verbands sozialistischer StudentInnen Österreichs (VSStÖ) zur diesjährigen ÖH-Wahl gefällt mir, denn nichts demonstriert die Irrelevanz der ÖH-Wahl so gut wie eben dieses. Freie Bildung! Hört sich doch gut an, denke ich, während ich einen Dschungel von grellen, aufdringlichen Wahlwerbeplakaten durchstreife, aber was soll das denn genau bedeuten?

Es ist davon auszugehen, dass es sich mit der freien Bildung — zumindest relativ — kompliziert verhält. Jedenfalls gibt es bisher kein wissenschaftliches Geheimrezept, das freie Bildung garantiert. Im Gegenteil. Gerade bei der Umsetzung dieses Ziels herrscht weitestgehend Uneinigkeit. Denn wie um alles in der Welt lässt sich für freie Bildung sorgen, wenn vorausgesetzt ist, dass freie Bildungsinstitutionen freie Menschen heranbilden, aber freie Bildungsinstitutionen nur von freien Menschen organisiert werden können, die ihre Fähigkeiten für die Organisation von freien Bildungsinstitutionen erst in freien Bildungsinstitutionen erlernen müssen? Kurz gesagt: Weder freie Bildung ohne freie Menschen, noch freie Menschen ohne freie Bildung. Zumindest nicht unter der gegenwärtigen Beschaffenheit der Institutionen. Also alles nur eine Illusion? Freie Bildung als Sozialutopie?

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Auf diesen zugegebenermaßen nicht einwandfrei nachvollziehbaren, aber scharfsinnig daherkommenden Zirkelschluss stieß ein Wissenschaftler namens Lars Grünewald. Und lange vor ihm vermutlich bereits Wilhelm von Humboldt, der einst für eine ganzheitliche Bildung ohne staatliche Zwänge eintrat und die Entfaltung des Individuums als höchstes Lernziel betrachtete. Jedoch kann nicht jeder ein geborenes Genie sein, wie es Wilhelm von Humboldt womöglich war. Ein Blick auf die hiesige Universitätslandschaft erweckt sowieso den Eindruck, dass geborene Genies und derartig schöpferische Geisteskräfte wesentlich seltener vorkommen als zur damaligen Humboldt-Zeit. Mit Verweis auf die ÖH-Wahl könnte man gar zu dem Schluss kommen, dass jene akut vom Aussterben bedroht sind.

Nun hat es der Satz “Freie Bildung. Dafür kämpfen wir!” wahrscheinlich relativ ungehindert auf das Plakat der VSStÖ geschafft. Ohne den doch sehr komplexen Gedankenprozess der freien Bildung zu durchlaufen und in der Hoffnung, der/die zugeneigte LeserIn interpretiert ihn in Bezug auf die wahllosen Zugangsbeschränkungen, die an österreichischen Hochschulen herrschen.

Die Aktionsgemeinschaft (AG) hingegen muss den Logikfehler — freie Bildung ohne freie Menschen — bemerkt haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie knapp drei Wochen vor der ÖH-Wahl im Zustand der völligen Erleuchtung vor der Uni Wien Glühbirnen an Passanten verteilte. Passend dazu bekamen alle Geschenke-EnthusiastInnen eine nette Postkarte mit der Aufschrift “Egal wie voll du gestern warst…deine Uni war voller” in die Hand gedrückt. Stimmt, dachte ich, deswegen gehe ich auch nur noch komplett besoffen in die Uni. Ganz im Sinne der humboldtschen Individuums-Entfaltung versteht sich. Denn im absoluten Rausch wirken die gnadenlos überfüllten Hörsäle und die in ihnen vorgehenden Bildungsmaßnahmen gar nicht mehr so abgeschmackt wie im nüchternen Zustand.

Tatsächlich funktioniert heutzutage an der Uni nichts mehr nach Humboldts Bildungsideal. In tristen Bibliotheken hämmern sich Studierende nutzlose Informationen in den Schädel, um sie dann bei der nächstbesten Gelegenheit wieder schwallartig rauszupressen und nie wieder einen Gedanken an das einst Verinnerlichte zu verschwenden.

Alle heißen plötzlich Emily, Elias, Mia und Matteo, tragen skandinavische Rucksäcke und träumen davon, auf Instagram berühmt zu werden. Früher wurde dagegen in den Unis unter dichtem Zigarettenqualm noch aufrichtig nachgedacht. Ja, damals wurde tatsächlich noch geraucht, fortwährend, denn im Qualm der Verwegenheit denkt der Mensch tiefgründig. Heute ist in der Uni der fruchtbare Rauch verflogen, es hat sich der einheitliche Mief der Interessenlosigkeit manifestiert und mit ihm der Gestank der Wissensmüden.

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Nun, wenigstens werden Elias, Mia und Co. zur ÖH-Wahl gehen und pflichtbewusst ihre Stimme abgeben, da bin ich mir sicher. Nicht aus politischem Interesse, vielmehr wegen des Demokratie-Arguments. Denn wer weiß schon, was die ÖH genau macht? Und was hat das alles für einen Sinn? Daher auch die folgerichtigen Fragen von Moderator Armin Wolf bei der diesjährigen Elefantenrunde der SpitzenkandidatInnen: Warum interessiert die ÖH keinen?“ und „Wozu gibt’s die ÖH?”

Eine berechtigte Frage möchte man meinen, doch wie es so ist, haben die engagierten NachwuchspolitikerInnen immer eine plausible Antwort parat. Ganz nach dem Muster ihrer politischen Vorbilder, die sie mit größter Mühe versuchen zu kopieren. Die ÖH-Arbeit komme nun mal in den Medien nicht vor und sowieso seien die Studierenden viel zu gestresst, um sich am Ende des Tages noch über die glorreichen Errungenschaften der ÖH zu informieren, meint die Spitzenkandidatin der Grünen & Alternativen StudentInnen (GRAS), Marita Gasteiger. Spannend wurde es in der 90-minütigen Diskussionsrunde selten, aber das überraschte auch nicht wirklich.

Ach ja, der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), der naturgemäß nicht über den Holztellerrand hinwegblickt, möchte den “ÖH-Kindergarten wieder einführen”. Das ist sehr gut. Wenn es mehr kindische Albernheiten in der ÖH gäbe, würde vielleicht wenigstens das Imitieren allgemeinpolitischer Inhaltslosigkeit aus dem universitären Umfeld verschwinden. Allerdings hat der RFS nichts zu sagen. Und das ist dann auch besser so.

[Foto: ÖH/Wikimedia/Illustration von kultort.at]

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