Schwarz-Weiß-Denken: Die Perfektionismus-Falle

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Das fängt schon mal gut an. Mir fällt alles ein, aber kein passender Anfang. Nach zig misslungenen Versuchen denke ich mir: “Du kannst das nicht, du hast zum Schreiben einfach kein Talent.” Enttäuscht über mich selbst klappe ich das Notebook zu und gehe in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Dort bietet sich die Gelegenheit, meine MitbewohnerInnen über meine mangelnden Fähigkeiten zu informieren. Außerdem kann ich mich in dem Gefühl suhlen, dass alle anderen ohnehin begabter sind als ich.

Während ich im Selbstmitleid bade, fällt mir auf, dass ich genau mache, worüber ich schreiben möchte: Mein Drang zur Perfektion blockiert mich gerade. Wieder einmal bin ich in das Entweder-Oder-Schema gerutscht. Entweder der perfekte Artikel … oder ich kann’s gleich lassen.

Diese Denkweise ist mir nicht nur bei mir selbst aufgefallen, ich habe sie auch schon oft in meinem Umfeld wahrgenommen. Die Angst vor dem Scheitern ist manchmal so groß, dass Ideen beim kleinsten Zweifel oder Hindernis sofort verworfen werden. Woher kommt diese Furcht vor dem Versagen? Warum denken wir immer nur in Extremkategorien?

Grundsätzlich ist es ja gut, sich Ziele nicht nur zu stecken, sondern auch zu versuchen, sie zu erreichen. Wir dürfen dabei nur nicht vergessen, dass der Weg das Ziel ist. Dieses Sprichwort besagt, dass man sich nicht krampfhaft an etwas hängen soll — Irrtümer passieren und Zwischenschritte sind von großer Bedeutung. Der größte Fehler wäre doch, eine Idee leichtfertig zu verleugnen. Oder einen Traum zu verwerfen, weil nicht von Anfang an alles nach Plan läuft.

Denkt man nur schwarz-weiß, übersieht man die Schattierungen und wird für viele Lösungsansätze blind. Dabei ist Perfektionismus per se keine schlechte Eigenschaft. Hier muss allerdings zwischen gesund und ungesund unterschieden werden — oder wie die Psychologie es nennt: Funktional und dysfunktional.

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Eine aktuelle Studie der internationalen Unternehmensberatung Proudfoot verdeutlicht, dass es auch für Betriebe nicht unbedingt optimal ist, wenn ihre MitarbeiterInnen geradezu verbissen auf Erfolg hinarbeiten. Einerseits kann das Überengagement zu Überarbeitung (Stichworte: Burn-out, Depressionen) und somit zu Krankenständen führen, was aus wirtschaftlicher Sicht nicht von Vorteil ist. Andererseits entstehen oft sehr kreative Ideen, wenn man sich von der Einstellung “Ganz oder gar nicht” löst und auf die Zwischenschritte achtet.

Denn was bedeutet Scheitern eigentlich? Schon der amerikanische Autor und Motivationstrainer Zig Ziglar (1926-2012) meinte: “Scheitern ist ein Umweg, keine Sackgasse.” Ein dysfunktionaler Perfektionist oder eine dysfunktionale Perfektionistin schließt bei nicht erreichtem Ziel darauf, dass er/sie wieder bei Null angekommen ist und all die Mühe umsonst war. Im Unterschied dazu erlebten funktionale PerfektionistInnen Fehler auf dem Weg nicht als totalen Misserfolg, sondern als Anstoß, neue Lösungen zu finden. Bei diesem Typ stehen die gewonnenen Erkenntnisse im Vordergrund. Man könnte sagen, er oder sie ist an Erfahrung reicher geworden.

Durch die unendlichen Möglichkeiten, die sich Menschen bieten, sich ständig zu vergleichen, steigt der persönliche Erwartungsdruck. Dabei ist das, was auf Facebook, Instagram, YouTube und Co. als Erfolg präsentiert wird, nur das Endprodukt eines möglicherweise sehr langen, komplizierten und fehlerbehafteten Prozesses. Das wird von vielen nicht erkannt. Sie orientieren sich am scheinbar schnellen Erfolg anderer, setzen sich unter Druck und sind enttäuscht, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.

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Und genau dieser permanente Vergleich bestärkt Versagensängste. Bin ich schön genug? Oder talentiert, fit, klug, eloquent, ehrgeizig? Verdiene ich genug Geld, um als erfolgreich zu gelten? Und überhaupt: Was denken die anderen über mich?

Sicher, der herrschende Leistungsdruck fördert den nur auf das Ziel gerichteten Tunnelblick. Das Links und Rechts wird ausgespart und oft eine realistische Sichtweise blockiert. Das Denken kreist nur mehr um den Erfolg. Vor lauter selbsterzeugtem Stress bekommt man letztlich gar nichts mehr auf die Reihe. Die Folgen sind oft Panik und Frust, was selten dazu beiträgt, ein gutes Ergebnis zu erreichen.

Mein Fazit: Oft reicht es, aus der aussichtslosen Situation zu verschwinden, um zum Beispiel in der Küche eine Tasse Kaffee zu trinken und den Knopf im Hirn zu lösen.

Vielleicht sollte man öfter so wie James Joyce (1882-1941) denken. Der Schriftsteller hinterließ uns diesen gelassenen Rat: “Fehler sind das Tor zu neuen Entdeckungen.”

[Foto: Illustration von kultort.at]

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