Ein Gentrifizierer über das Karmeliterviertel

Karmeliterviertel

Ich bin im Karmeliterviertel im 2. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen. Vor 25 Jahren genoss die Nachbarschaft noch einen eher zweifelhaften Ruf als Problemgegend. Während meiner Schulzeit in der Josefstadt wollte ich immer in den hippen Bezirken wie Neubau wohnen. Meine Einstellungen dazu hat sich aber grundlegend geändert.

Vor einigen Jahren war das Lokal Charlie’s Eck noch in einem der Stände am Karmelitermarkt im 2. Bezirk. Manchmal im Sommer konnte man schon -m 4:00 Uhr nachmittags die Betrunkenen vor dem Marktstand tanzen sehen. Vor einigen Jahren hat das Eck geschlossen. Nun ist ein neues Restaurant eingezogen: Die Weinschenke. Ein hipper Burgerladen. Veränderungen wie diese sind nicht nur in Wien, mit Hotspots wie etwa Neubau, sondern weltweit in allen größeren Städten zu beobachten.

Erst vor ein paar Jahren ist den beiden Sozialwissenschaftlern Schlichtman und Patch aus den USA aufgefallen, dass diejenigen, die über Gentrifizierung schreiben, meist auch die sind, die sie vorantreiben. Dieser Artikel nimmt sich das zu Herzen und versucht selbst ein stimmiges Bild aus einer persönlichen Sicht zu liefern.

Das Wort Gentrifizierung wurde erstmals in einer Studie über Londoner Stadtviertel im Jahr 1964 gebraucht und bezeichnet unter anderem eine plötzlich eintretende Verdrängung der ansässigen Arbeiterschicht zugunsten einkommensstärkerer Schichten. Der Kebapschuppen bei der U-Bahn-Station Taborstraße verkauft jetzt veganen Kebab für € 5. Beim Hotdog-Stand auf der Augartenbrücke gibt es getrüffelte Käsekrainer. Kurzum, es gibt Angebote für eine Zielgruppe, die vor zwanzig Jahren hier nicht existent war.

Gerade in Wien ist diese Entwicklung interessant. Die Verdrängungsprozesse werden normalerweise über die Mieten gesteuert: Ein Viertel wird hip und die Mieten schießen in die Höhe. Die ärmeren Schichten können sich das nicht mehr leisten. Im Vergleich zu Städten wie Chicago oder New York ist Wien noch in einer eher günstigen Position, da der Mietzins nicht so rasant steigen kann. Trotzdem werden die Arbeiter an den Stadtrand gedrängt. Wien ist ein Beispiel für eine indirekte Verdrängung.

Der roten Wiener Regierung ist das Thema Gentrifizierung wegen der sozialen Folgen unangenehm. Inwieweit sie selbst verantwortlich für die Verdrängung in manchen Vierteln ist, ist noch nicht eindeutig geklärt. Allerdings muss man auf einen wichtigen Fakt aufmerksam machen: Dem Gentrifizierungsprozess im Karmeliterviertel ging ab dem Jahr 1984 ein Plan der Gebietsbetreuung zur Verbesserung der Nachbarschaft voraus. Es können drei wichtige Veränderungen im Bild des Viertels ausgemacht werden: Der Markt wurde 1997 renoviert und umgebaut, mit einer Tiefgarage wurde die Infrastruktur maßgeblich verbessert und im Zuge der EURO 2008 wurde die U-Bahn-Station Taborstraße eröffnet und die Station Schottenring renoviert. Damit wurde der Verdrängungsprozess vermutlich verstärkt. Ähnliches passierte auch in anderen urbanen Hotspots, wie dem Spittelberg oder dem Gebiet um den Brunnenmarkt.

Doch zurück zu meiner eigenen Rolle als sozial verantwortungsbewusster Student. Denn es sind genau Leute wie ich, die diese Prozesse unwillentlich forttragen. Als Jugendlicher wollte ich immer in die trendigen Bezirke ziehen. Wenn ich mit meinen Freunden um die Häuser zog, war ich immer im 7. oder 8. Bezirk unterwegs. In der Leopoldstadt war mein Zuhause, aber mein Leben habe ich weitgehend in anderen Teilen der Stadt verbracht.

Die Zeiten sind nun anders. Jetzt fühle ich mich wohl hier. Ich besuche die neuen Cafés und bestelle meine Pizza bei Pizza Mari, wo für die Wartenden das Programm der Wiener Staatsoper und des Burgtheaters aufliegt.

Ich habe keine der Veränderungen initiiert und auch keines der alten Lokale geschlossen. Dennoch muss mir bewusst sein, dass ich mit meinem Verhalten das Stadtbild mitpräge. Individuelle Lebensstile tragen den Prozess, auch wenn die Personen das gar nicht wollen. Ich bin in einem Prozess gefangen, der Ungleichheiten produziert und verstärkt. Ich trage Gentrifizierung mit — so wie viele in meiner Situation.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

[Foto: © Jakob Schott]

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