‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil von Sebastian Kurz

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“Liebe Freunde! Wundert Euch bitte nicht: Mein Profil hat mit 5.000 Freunden sein technisches Limit erreicht und wurde nun in eine ‘Seite’ umgewandelt.”

Dieses Statement stammt vom 24. Mai 2011 um 09:01 Uhr und ist das erste von tausenden Postings, die wir im Rahmen unserer neuen Artikelserie namens Durchleuchtet untersucht haben. In dieser Serie liefern wir euch kleine, nicht unbedingt wissenschaftliche Analysen von Facebook-Fanpages.

Das obige — zugegebenermaßen recht unspektakuläre — Zitat stammt von niemand Geringerem als Sebastian Kurz. Nachdem der derzeitige Außenminister, ÖVP- und JVP-Obmann in Personalunion momentan von Bezirkszeitung bis ZIB2 in quasi allen österreichischen Medien dauerpräsent ist, bietet sich Kurz konsequenterweise auch als erster “Gast” dieser Artikelserie an. Darüber hinaus ist Kurz einer der wenigen in der österreichischen Politiklandschaft, der Social Media zur Selbstinszenierung zu nutzen versteht. Dies wird augenscheinlich, wenn man bedenkt, dass 1.056 seiner 2.081 Beiträge (ja, das sind über 50 %) Fotos sind, die ihn quasi durchgängig plakativ bei seiner politischen Arbeit zeigen.

Betrachtet man die Anzahl der Likes von Kurz’ Beiträgen im Zeitablauf (jeder Punkt entspricht einem Post auf Facebook) könnte man meinen, dass sich diese Taktik auszahlt, nachdem die Anzahl der Likes für seine Beiträge stark ansteigt. Rechnet man allerdings ein, dass diese ziemlich exakt mit dem Einsetzen der vermehrten Migrationsströme nach Europa rapide nach oben schießen, könnte man auch anmerken, dass das für einen Außenminister, dessen Handeln in solchen Perioden an Gewicht gewinnt, nichts Außergewöhnliches darstellt.

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Anzahl der Likes von Kurz‘ Beiträgen im Zeitablauf (Klick für größere Version)

Die drei meistgelikten Beiträge befassen sich übrigens alle mit demselben Thema: Dem türkischen Wahlkampf auf österreichischem Boden. Absteigend sortiert handelt es sich um diesen Link, dieses Foto und dieses Video — alle, ohne Überraschung, mit Fokus auf das Staatsmännische.

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Geteilte Links (Klick für größere Version)

Wenn man den Blick weiter durch das Facebook-Leben eines Sebastian Kurz schweifen lässt, wird dieses Bild zunächst aufrechterhalten. Die Quellen seiner geteilten Links sind das Internetäquivalent von nonexistenter Angriffsfläche, gepaart mit einer guten Dosis Selbstinszenierung. (Spoilerwarnung: Bei HC Strache sieht das anders aus.)

Und selbst wenn man sich eine Wordcloud seiner meistgenutzten Wörter ansieht, laufen vor dem inneren Auge hundertmal gehörte Reden mit hundertmal gehörten Inhalten ab, die an einen abendfüllenden Spielfilm aus einem Paralleluniversum voller ÖVP-PolitikerInnen erinnern.

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Häufigkeit der Wörter (Klick für größere Version)

Nicht falsch verstehen, wer ist kein Fan von seriösen Quellen und einem Hauch von Selbstliebe? Allerdings sollte man eventuell noch einen letzten genaueren Blick wagen, um eine differenziertere Meinung zu erhalten. Welcher Diskurs wird auf Kurz’ Facebook-Seite geprägt? Worüber wird gesprochen, wenn man eine Ebene tiefer geht?

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Dazu bietet es sich an, einige Begriffe, die einerseits aufgrund der Häufigkeit interessant erscheinen und andererseits aufgrund der beruflichen Laufbahn von Sebastian Kurz relevant sind, zu analysieren.

Top Assoziationen zu kurz

Sucht man sich aus den einzelnen Postings die Wörter, die am häufigsten gemeinsam mit unseren Zielwörtern “Österreich”, “heute”, “Integration” und “Migration” benutzt werden, zeichnet sich ein Trend ab, der zugegebenermaßen interpretativ recht frei ausfällt, dessen Richtung allerdings klar zu sein scheint. 

Bezüglich Österreich ist in klassischer ÖVP-Manier der Standortwettbewerb ein entscheidender Faktor. Migration scheint nicht unbedingt etwas Erwünschtes zu sein, wird sie doch am häufigsten mit “stoppen” und “illegal” in einem Atemzug verwendet. Kommt es dann doch zu Migration, sollte aber besser ein “Integrationspaket” her.

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Zu guter Letzt engt “Heute”, “abend” und “feiern” den Interpretationsspielraum dann doch eher bedeutend ein. Gut möglich handelt es sich hierbei allerdings um Überbleibsel aus Zeiten, die dem Geilomobil noch näher standen als der internationalen politischen Verantwortung.

Kurz gefasst versucht Kurz sich als Politiker der Mitte zu inszenieren; als junger Staatsmann, dem man wenig vorwerfen kann — in Zeiten der nahezu täglichen Politikskandale sicherlich keine schlechte Vorgehensweise. Wagt man jedoch den näheren Blick, zeigt sich, auf welcher Seite des wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Spektrums sich Kurz am ehesten einordnen lässt.

Abschließend noch ein kleiner Hint, wer die nächsten beiden “Gäste” dieser Serie sein werden, angedeutet in den Worten von Sebastian Kurz:

  • “Unfassbar!!! Geht´s noch, FPÖ?!?” (04.06.2013) 
  • “Menschenrechte sind der Kern unserer Grundwerte.“ (20.07.2015)

Habt ihr Interesse an der Auswertung einer Fanpage von einer bestimmten Person oder Partei? Dann kontaktiert uns auf Facebook oder schreibt eine E-Mail an redaktion@kultort.at!

Zeitpunkt der Auswertung: 16.05.2017

[Foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres/Flickr/CC BY 2.0/Illustration von kultort.at]

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