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100 Jahre John F. Kennedy: Vom eisernen Antikommunisten zum erfahrenen Diplomaten

Der Mythos JFK beschränkt sich nicht nur auf Affären und seine Ermordung — auch seine Politik machten ihn zu einem Unikat der US-Geschichte

100 Jahre John F. Kennedy: Vom eisernen Antikommunisten zum erfahrenen Diplomaten 29. Mai 2017Leave a comment

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“Happy Birthday, Mr. President” — dieser Song wurde 1962 von Marilyn Monroe für John F. Kennedy anlässlich seines 45. Geburtstags am 29. Mai gesungen. Heuer wäre JFK 100 Jahre alt geworden. Ein Grund für uns, ihm einen Artikel zu widmen.

Der heutige Diskurs über JFK besteht hauptsächlich aus zwei Themen: Seinen unzähligen Liaisons (die bekannteste ist die angebliche Affäre mit Marylin Monroe) und seiner Ermordung (mit all den verschiedenen Theorien, wer hinter seinem Tod stecken könnte). Was dabei aber oft in Vergessenheit gerät, ist seine sehr ereignisreiche politische Karriere als 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Kennedy im Wahlkampf

Um den Mythos JFK zu beschreiben, muss natürlich die Situation der USA um 1960 erklärt werden. Der Kalte Krieg war bereits im Gange und zweifelsohne gehörte dieser Konflikt bereits im Wahlkampf zu den am meisten debattierten Themen. Unter Dwight D. Eisenhower, dem Vorgänger Kennedys, gab es zwischen den beiden Weltmächten eine Phase der relativen Entspannung.

Diesen Umstand kritisierte Kennedy, indem er die USA wirtschaftlich sowie militärisch hinter der Sowjetunion sah — im Nachhinein eine komplette Fehleinschätzung. Kennedy versprach, die USA nach vorne zu bringen und die Sowjetunion militärisch und wirtschaftlich abzuhängen. Sein republikanischer Gegner Richard Nixon hingegen bekundete die Fortführung der Politik Eisenhowers. Um Kennedys Position hierbei nun zu verstehen, ist es immanent, Theorien und Begriffe zu erklären, die zu dieser Zeit sehr populär waren.

Einerseits stieg Kennedy während der McCarthy-Ära zu einer wichtigen politischen Person auf. In dieser Zeit wurden Sympathisanten des Kommunismus verfolgt und diskreditiert. Auch Kennedy stilisierte sich in seiner politischen Laufbahn und im Präsidentschaftswahlkampf zu einem Antikommunisten hoch. Als er jedoch Präsident war, schaffte er es, einige sozialpolitische Gesetze einzuführen, wie einen höheren Mindestlohn und mehr Arbeitslosengeld. Oftmals ein Grund für RepublikanerInnen — auch heute noch — PolitikerInnen in die kommunistische Ecke zu stoßen. Siehe Bernie Sanders.

Auf außenpolitischer Konfrontation

Doch auch außenpolitisch war Kennedy sehr antikommunistisch eingestellt, da er ein Anhänger der Truman-Doktrin war. Diese Doktrin schlug eine Änderung der außenpolitischen Einstellung der USA vor, indem sie sich selbst als Ordnungsmacht der Welt sehen sollte. Demnach stehe es den USA zu, den Völkern die unterdrückt werden, zu helfen, indem westliche Ideale wie Demokratie und Liberalismus durch eine US-Intervention in jenen Ländern implementiert werden.

Meist ging es jedoch um wirtschaftliche Interessen, deswegen waren es auch häufig kommunistische oder sozialistische Staaten beziehungsweise Regime, die gestürzt wurden. Menschenverachtende Regime wurden geduldet oder gar gefördert, solange Profite in die USA flossen. Beispiele gibt es allerlei: Iran, Guatemala, Nicaragua und vor allem Vietnam.


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Zurückhaltung hinsichtlich des Vietnams

Hinsichtlich des Vietnams nahm Kennedy eine sehr ambivalente Rolle ein. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit sprach er sich öfter für einen Krieg gegen den Vietnam aus. Auch hier gibt es wieder eine Theorie, zu der Kennedy tendierte: Die Domino-Theorie ging davon aus, dass wenn ein Land unter kommunistischen bzw. sowjetischen Einfluss kommt, so würde sich der Kommunismus auf umliegende Länder ausbreiten. Mit der Symbiose aus Truman-Doktrin und der Domino-Theorie wurde oftmals für einen Krieg argumentiert, so des Öfteren auch von JFK.

Nach und nach sprach sich Kennedy jedoch für eine “friedliche” Lösung aus, indem er sich weigerte, Bodentruppen nach Vietnam zu schicken. Bis 1963 beteiligte er sich nicht aktiv am Vietnamkrieg, jedoch erhöhte JFK die Militärbeihilfe für Südvietnam, vergrößerte die Anzahl der Militärberater von 700 auf über 16.000 und sandte den Südvietnamesen auch Militärequipment.

Vielleicht ahnte er bereits das Desaster, auf das die USA in Vietnam später zuschlittern sollte: Den unschlagbaren Vietcong. Diese Ambivalenz Kennedys ist auch heute noch Gegenstand der Forschung. Einerseits meinen HistorikerInnen, dass er später direkt eingegriffen hätte. Andere HistorikerInnen verweisen darauf, dass er mit Fortdauer seiner Präsidentschaft wesentlich pazifistischer wurde und somit gegen eine Intervention der USA gewesen wäre.

Feindbild Kuba

Ein weiteres Land, mit dem sich JFK des Öfteren auseinandersetzen musste, ist Kuba. Nach der Machtübernahme von Fidel Castro und der Zusammenarbeit Kubas mit der Sowjetunion wurde auch die karibische Insel zu einem immer größer werdenden Dorn im Auge der USA. Anfangs waren es aber vielmehr wirtschaftliche Interessen, die durch die Verstaatlichung, Bodenreform und Verdrängung von US-Investments durch die Revolution Castros in Gefahr waren. Amerikanische UnternehmerInnen hatten nämlich viel Geld in kubanische Plantagen investiert, auch Hotels und Casinos waren meist in amerikanischer Hand (vorwiegend in denen der Mafia rund um Meyer-Lansky) und viel Geld floss zwischen den beiden Ländern hin und her.


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Zum einen waren es wirtschaftliche Interessen, aber auch die Domino-Theorie veranlasste Kennedy zu der Invasion der Schweinebucht, bei der Exilkubaner 1961 mithilfe der CIA ins kubanische Festland einbrachen. Ziel war es, die Regierung Castros zu stürzen, um so wieder eine liberale und US-freundliche Regierung zu installieren. Anfänglich war die Beteiligung der USA und der CIA verschleiert, bis der Präsident selbst volle Verantwortung für die Invasion übernahm.

Sowohl in den USA als auch international hagelte es Kritik, denn der Angriff war gegen die Charta der Vereinten Nationen (UN), da es sich rein rechtlich um einen illegalen militärischen Eingriff handelte, weil es keine UN-Resolution gab. Des Weiteren gab es Kritik, da sich Castro nach dem Scheitern der Invasion selbst in seinem anti-kapitalistischen Weltbild gestärkt sah. Die versuchte Invasion gilt darüber hinaus als der endgültige Kurswechsel Kubas. So wandte sich Castro komplett der Sowjetunion zu, was schließlich ein Grund für die Kubakrise 1962 sein sollte.

Die diplomatische Kunst, die Welt zu retten

Bei der Kubakrise 1962 zeigte Kennedy schließlich sein diplomatisches Können, indem er es schaffte, einen atomaren Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion zu lösen. Nach der Annäherung Kubas an die Sowjetunion planten die Russen Mittelstreckenraketen auf Kuba zu stationieren, nachdem vorher die USA in der Türkei solche Raketen platziert hatte. Die USA versuchte durch eine Seeblockade die sowjetischen Schiffe zu stoppen. Schließlich war es Glück, gemischt mit gutem persönlichen Einschätzen und die Tatsache, dass beide Oberhäupter, Kennedy und Nikita Chruschtschow, zu einem Kompromiss gelangten, dass das Aufeinandertreffen nicht in einen Atomkrieg mündete.

Letzlich einigten sie sich beide darauf, dass Russland von Kuba und die USA von der Türkei alle Mittelstreckenraketen abzogen. Vor allem die beiden Präsidenten schafften es durch ihre Weitsicht, ihre Kompromissfähigkeit und den Widerstand gegen die Militärberater, dass sich heute die Welt noch dreht, so wie sie es tut. Durch die Implementierung des “Heißen Drahts” sind seitdem der Kreml und das Oval Office direkt miteinander verbunden und auf die Kubakrise folgte eine Phase der Entspannung im Kalten Krieg.

Friedensbestrebungen

Nach der Kubakrise konzentrierte sich Kennedy zunehmend auf die Beendigung des Kalten Krieges, indem er einerseits auf eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion im Weltraum pochte. Andererseits unterzeichnete er mit Großbritannien und der Sowjetunion das Moskauer Atomteststoppabkommen (1963) und sprach sich für eine Abrüstung der USA und Russland aus.

Sowohl bei Kuba als auch Vietnam ist ein Kurswechsel, ja sogar eine Veränderung in der Persönlichkeit Kennedys festzustellen. Zu Beginn sprach er sich für aggressiveres Auftreten gegen den Kommunismus aus. Durch jene Konflikte aber wandelte er sich zu einem Staatsmann, der Diplomatie einem militärischen Eingriff vorzog.

Nicht ohne Grund gilt John F. Kennedy nach Abraham Lincoln als zweitbeliebtester Präsident der Vereinigten Staaten. Zwar fließen sein diplomatisches Geschick und sein politisches Auftreten während Krisenzeiten in seine hohe Popularität ein. Aber vor allem der Mythos um seine Ermordung und sein einzigartiges Charisma machen John F. Kennedy zu einem Unikat in der US-amerikanischen Geschichte.

Christian auf Twitter: @ch_haslinger9

[Foto: Opus Penguin/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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