‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil von Christian Kern

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Am 17. Mai 2016 wird Christian Kern als österreichischer Bundeskanzler angelobt, quasi gleichzeitig wird seine Fanpage auf Facebook gelauncht. Der Content der Seite ist zuallererst nicht sonderlich spannend — das erste Posting betrifft die Verhaltensregeln auf der Fanpage. Danach folgt ein siebensekündiger Videoausschnitt der Angelobung, der dem österreichischen Facebook-Universum den zeremoniell wichtigen Satz “Ich gelobe” zugänglich machen soll. Allerdings wirkt der Kanzler mangels Mikrophon beim Handschlag mit Heinz Fischer recht stimmlos.


Danach wird das Qualitätsruder allerdings schnell herumgerissen und heute gilt Christian Kern nicht umsonst als Vorzeigepolitiker, was den Umgang mit Social Media betrifft. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Faymann (der auf Facebook bekanntlich nicht unbedingt brilliert hat) ergreift Kern die Möglichkeiten des Internets mit beiden Händen und lässt nicht mehr los. Sei es die Tatsache, dass im Zeitraum von Angelobung bis heute im Schnitt 2,6 Posts pro Tag veröffentlicht wurden. Oder die Art und Weise,
wie Social Media genutzt wird: Ähnlich wie bei Sebastian Kurz liegt der Fokus auf Visuellem. Photos (42.4%) und Videos (25.5%) machen den Großteil der 811 Beiträge aus.

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Likes von Christian Kerns Beiträgen im Zeitablauf (Klick für größere Version)

Die Top-3-Postings gemessen an der Like-Anzahl sind ein Statement gegen die Praktiken des türkischen Präsidenten im Wahlkampf auf österreichischem Boden, die Gratulation an den nunmehr amtierenden Bundespräsidenten zum Wahlerfolg (allerdings noch in Runde 1 der Bundespräsidentschaftswahl 2016) und ein Wahlaufruf an die Österreicherinnen und Österreicher.

Hinzu kommen mitunter teils skurrile Auftritte, wie z.B. im meistdiskutierten Beitrag (2078 Kommentare), der den Kanzler beim Pizza-Ausliefern zeigt.

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Geteilte Links (Klick für größere Version)

Wenn man sich die Links ansieht, die der Kanzler auf Facebook teilt, ist der Unterschied zu Sebastian Kurz nicht sonderlich auffällig. Die Quellen sind durchwegs seriös und solide. Als politisch eher links-orientierter Politiker ist es nicht überraschend, dass Der Standard öfters als Die Presse geteilt wird. Den Kulturaficionados, Hipstern und Klassikliebhabern des Landes dürfte allerdings ein Lächeln ins Gesicht zaubern, dass Ö1 in der Liste der meistgeteilten Webseiten vertreten ist.

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Häufigkeit der Wörter (Klick für größere Version)

Die Wordcloud ist (sehr ähnlich wie bei Sebastian Kurz) recht unaussagekräftig — um nicht zu sagen fad. Allerdings fällt auf, dass “Christian” und “Kern” äußerst prominent vertreten sind. Das hat weniger mit dem gewissen Hauch von Egozentrismus zu tun, dem man jemandem, dessen Instagram-Account wohl am ehesten als Mischung aus Marlboro Man, A-Team und einer H&M-Werbekampagne beschrieben werden kann, wohl durchaus unterstellen darf, sondern damit, dass die meisten persönlichen Beiträge auf Kerns Facebook-Fanpage mit “Christian Kern” schließen.

Exkludiert man den Eigennamen des Kanzlers, wird die Wordcloud dadurch allerdings nicht sehr viel interessanter. Politik bleibt eben Politik und als “Bundeskanzler” ist es ratsam, hin und wieder zu kommentieren, was in “Österreich” passiert oder wo der Weg hinführen wird, könnte oder soll. Gleichzeitig will man natürlich nicht das Klischee der Politik erfüllen, sich beruflichen Müßiggang über Steuern finanzieren zu lassen und dokumentiert so — gut sichtbar für das Auge der Öffentlichkeit — was man “heute” terminlich erledigt hat (übrigens eine weitere Parallele zu Sebastian Kurz).

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Interessant an den Assoziationen in Kerns Beiträgen ist beispielsweise das recht positiv behaftete Bild, das sich zu einem der wohl härtesten Konkurrenten im kommenden Nationalratswahlkampf abzeichnet. Steuerpolitisch steht Christian Kern für eine Senkung der Abgabenquote, er verfolgt allerdings das Ziel einer Wertschöpfungsabgabe (“Maschinensteuer”). Die Assoziationen zu “Arbeit” legen ArbeitnehmerInnenpolitik mit Fokus auf Inklusion und Vorbeugung von (sexueller) Belästigung am Arbeitsplatz nahe. Die Assoziationen zu “Türkei” spiegeln recht eindeutig seine Meinung zur momentanen politischen Lage des Landes am Schwarzen Meer und seine Kritik an selbiger wider.

Zusammengefasst beweist sich Christian Kern ähnlich wie Sebastian Kurz als gekonnter Selbstinszenierer, der seinen Facebook-Auftritt hauptsächlich dazu nutzt, ein positives Bild von sich und seinen politischen Ansichten in den Äther zu schicken.

In der nächsten Ausgabe widmen wir uns jemandem, der im Gegensatz zu Kern und Kurz den Fokus seines Facebook-Daseins nicht auf das Positive im Selbst, sondern auf das Negative im Fremden lenkt: Heinz-Christian Strache.

Habt ihr Interesse an der Auswertung einer Fanpage von einer bestimmten Person oder Partei? Dann kontaktiert uns auf Facebook oder schreibt eine E-Mail an redaktion@kultort.at!

Zeitpunkt der Auswertung: 22.05.2017

[Foto: SPÖ Presse und Kommunikation/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

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