‘Durchleuchtet’ Österreich Politik

‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil von HC Strache

HC Strache hat auf Facebook die größte Follower-Zahl der österreichischen PolitikerInnen — doch welche Inhalte haben zu seiner hohen Popularität beigetragen?

‘Durchleuchtet’: Das Facebook-Profil von HC Strache 6. Juni 20171 Comment

Das Online-Magazin mit Mut zu Meinung

Ein Leserbrief aus der Kronen Zeitung vom 25. September 2009, der in rechten Kreisen “wie ein Wanderpokal” kursiert und immer wieder von diversen Personen auf Facebook geteilt wird, beginnt wie folgt:

Liebe Türken! Was ist es, das Euch unser schönes Land so verachten lässt?

Vier Jahre später, wir befinden uns im April 2013, wird der Leserbrief vom Partei- und Klubobmann der Freiheitlichen, Heinz-Christian Strache, auf seiner Fanpage gepostet. Bis heute hat der offenkundig rassistisch motivierte Leserbrief 290.062 Likes, 239.715 Kommentare und 165.261 Shares generiert. Zum Vergleich: In Graz leben knapp 287.000 Menschen, Linz hat gute 203.000 EinwohnerInner. Die tatsächliche Reichweite des Postings ist für österreichische Verhältnisse gigantisch. Und die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: Unter den Top-Kommentaren befinden sich Perlen wie:

Zwei mal haben es die Türken nicht geschafft militärisch Europa zu unterjochen! Jetzt haben sie nur die Taktik geändert! Aber das ZIEL ist das GLEICHE geblieben!

oder:

Zehntausende Chinesen sind nach Österreich gekommen, haben auch in fast jeden Ort ihre eigenen Lokale eröffnet, ihre Religion nicht vergessen und leben auch ihre Kultur! ABER niemals hat man da das Gefühl, dass sich bei ihnen eine Parallelgesellschaft gebildet hätten. Das sie UNS als Ungläubige bezeichnen und UNSERE Kultur und Religion nicht tolerieren würden. Hat man jemals was gehört, dass sie gefordert hätten, Kreuze aus den Schulen, Kindergärten zu entfernen?

Schnell wird dadurch deutlich, dass die FPÖ sich darauf versteht, mit Social Media umzugehen und Onlinediskurse zu prägen. Nicht umsonst ist HC Strache der Besitzer der wohl einflussreichsten Fanpage auf dem österreichischen Politparkett. Verzeichnet der aktuelle Kanzler Christian Kern 181.000 Likes, steht Sebastian Kurz immerhin bei 520.000; an der Spitze führt allerdings uneingeschränkt Strache mit 607.000 Likes und einem damit verbundenen, lauten Sprachrohr zu den Computern und Smartphones des Landes.

Beginnt man die Facebook-Seite von HC Strache zu analysieren, wird man zuallererst von der schieren Datenmenge erschlagen, die nochmals verdeutlicht, wie stark die FPÖ darin ist, Social Media für ihre Zwecke zu nutzen. Seit dem 29. April 2009 setzte der Bundesparteiobmann der Freiheitlichen mit seinem Team satte 16.291 Postings ab (zum Vergleich: Kern steht bei 811 Postings, Kurz bei 2081); das sind im Durchschnitt sage und schreibe 5.5 Postings pro Tag!

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Geteilte Links (Klick für größere Version)

Wessen Geistes Kind diese Postings sind, stellt kein allzu großes Rätsel dar. Ein Blick auf die geteilten Quellen genügt, um in seinen Annahmen bestätigt zu werden: Zusammengerechnet führen 30.7% der geteilten Links zur Krone, zu unzensuriert.at oder zu oe24.at — das sind umgerechnet über 1.800 Links aus Quellen, die, angefangen bei Sensationalismus bis hin zu Rufschädigung und Verhetzung das gesamte ABC des schlechten Geschmacks abzudecken vermögen.

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Anzahl der Likes von Straches Beiträgen im Zeitablauf (Klick für größere Version)

Betrachtet man die Postings im Zeitablauf, stechen zwei Dinge ins Auge: Einerseits wird der Großteil der Postings von gewaltigen Ausreißern nach oben stark dominiert, andererseits versteht es die FPÖ, in Wahlkampfzeiten den Nerv der blauen Gefolgschaft zu treffen. In den Monaten vor der Nationalratswahl 2013 erkennt man beispielsweise eine Phase von extrem beliebten Postings, darunter die Top 3: Auf Platz 1 der eingangs erwähnte Leserbrief; genau 14 Tage vor der Wahl ein nostalgischer Rückblick der passiv-aggressiven Sorte und an dritter Stelle ein Ausschnitt eines zu dem Zeitpunkt des Posts bereits fünf Jahre alten Interviews der BILD mit Udo Jürgens.


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Die extrem hohe Anzahl der Postings von Heinz-Christian Strache macht es dankenswerterweise möglich, nicht eine, sondern gleich zwei Wordclouds zu betrachten und zu vergleichen: Einerseits analysierten wir die Top 10% der Postings gemessen an den Likes, andererseits die schwächsten 10%.

Top 10% Wordcloud
Top 10% Wordcloud (Klick für größere Version)
Flop 10% Wordcloud
Flop 10% Wordcloud (Klick für größere Version)

Der Unterschied ist augenscheinlich: In den Top 10% der Postings geht es um “unser” “Österreich”, um “Menschen”, “Land” und “Bürger”, um die “FPÖ” und um die “Bevölkerung”. Die untersten 10% befassen sich (neben der nach wie vor präsenten “Österreich”-Thematik) mit Profanerem, mit “Info”, mit “Pressekonferenzen” und mit dem “Euro”.

Die Assoziationen in den Postings von Strache dürften recht selbsterklärend sein, daher sollen sie an dieser Stelle unkommentiert bleiben und dafür Raum für eine etwas umfangreichere Zusammenfassung machen.

Im Zuge der Analyse wird auf beeindruckende Art und Weise augenscheinlich, dass die FPÖ gelernt hat, in den sozialen Netzwerken geschickt wahlzukämpfen und gezielt Stimmung zu machen. Anders als Kurz oder Kern, die weniger versuchen, Diskurse zu prägen, als sich selbst zu inszenieren, verstehen sich die Freiheitlichen äußerst gut darin, ihr Klientel mit einschlägiger Information zu füttern und auf ihren Seiten diejenige Realität und “Berichterstattung” zu bieten, die von der Gefolgschaft erwartet, gewünscht und akzeptiert wird. Es wird ein “Wir”-Gefühl aufgebaut, über welches dann abwechselnd eine abstrakte Bedrohung von außen verkauft und das innere Gefüge der WählerInnenschaft gestärkt werden kann. Diese zwei Strategien beginnen dann schnell, als selbstverstärkendes System zu funktionieren.

Wenig überraschend wird damit zu rechnen sein, dass der bereits begonnene Wahlkampf für die im Oktober anstehende Nationalratswahl in den nächsten Monaten auf diversen Social-Media-Plattformen in eine weitaus intensivere Phase gehen und alles andere als gustiös geführt werden wird. Bleibt die Frage, ob rot, schwarz, grün und pink eine Antithese zur blauen Vorherrschaft der Social-Media-Meinungsmache finden können.

Stichtag der Auswertung: 05.06.2017

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[Foto: Thomas Prenner/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von kultort.at]

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