Gesellschaft

Was mir an Diskussionen über Nachhaltigkeit auf die Nerven geht

Wir können von keinem Menschen verlangen, in jedem Bereich 100 Prozent zu geben. Ein Kommentar

Was mir an Diskussionen über Nachhaltigkeit auf die Nerven geht 7. Juni 20174 Comments

Wir wissen es ja eigentlich. Wir sollen kein Fleisch essen, kein Plastik kaufen, nicht zu H&M gehen und schon gar nicht von Wien nach Berlin fliegen, wenn wir auch den Bus nehmen können. Wer 2017 nachhaltig leben aka ein guter Mensch sein will, hat einen ziemlich dicken Verbots- und Gebotskatalog zu befolgen.

Dieser Katalog ist manchmal so komplex, dass es sich anfühlt, als würde einem beim bewussten Konsumieren die Welt auf den Kopf fallen. Nicht nur, weil man an sich selbst die höchsten Ansprüche stellt, sondern vor allem auch deshalb, weil das gesamte Umfeld von einem erwartet, alles richtig zu machen, sobald man einmal einen Artikel von Dariadaria teilt.

Hast du gerade ernsthaft bei Amazon bestellt? Lol. Ich dachte, du isst keinen Käse? Das ist aber nicht vegan.

Im Februar ist mir eine schwarze Skinny Jeans gerissen und ich bin von Willhaben-Verkäufer zu Willhaben-Verkäuferin gefahren, um eine ähnliche Hose wiederzufinden. Mit dem Ergebnis, dass ich dann voller Reue das erste Mal seit inzwischen 1,5 Jahren einen H&M betreten und mir dort um 20 € eine Hose gekauft habe. An der Kasse habe ich mich ständig nervös umgesehen und bin später mit einem Gewissen, als hätte ich gerade drei Hundebabys ertränkt, nachhause gefahren. H&M ist der Feind und faire Mode eine meiner Herzensangelegenheiten. Ein Thema, zu dem ich mich äußere, öffentlich wie privat. Muss ich deshalb zu 100 % sweatshopfree leben?

Ja, es ist nicht fair, dass eine Näherin in Myanmar 60 € pro Monat bekommt, nur damit ich mir ein schwarzes T-Shirt um 5 € kaufen kann. Korrigiere: Es ist nicht nur unfair, sondern unerträglich. Aber trotzdem bin ich Studentin und lebe monatlich von einem Betrag, der es schlichtweg nicht immer (eigentlich nie) zulässt, 90 € für eine fair produzierte Skinny Jeans auszugeben. Ob man nachhaltig leben kann, ist vor allem auch eine ökonomische Frage. Es fällt mir schwer, das vor mir selbst zuzugeben.

Aber mein eigenes moralisches Dilemma ist in diesem Fall das geringste Problem. Was mich wirklich manchmal ratlos macht: Jeder nimmt sich das Recht heraus, meine Kaufentscheidungen zu bewerten. Wenn ich 8 von 10 Kleidungsstücken secondhand kaufe, möchte ich mir von niemandem vorwerfen lassen, Double Standards zu propagieren. Niemand ist moralisch makellos. Das geht überhaupt nicht. Am ressourcenschonendsten wäre es, gar nicht zu leben.


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Genau diese Attitude, dieses Einteilen in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, führt uns in eine Sackgasse. Es gibt gefühlt nur eine Hand voll Hardliner, die andere stetig für ihren “unethischen” Lebensstil kritisieren und jene Menschen, die deshalb in einer kindlichen Trotzreaktion beginnen, ihr Steak jetzt erst recht zu feiern und genau beobachten, ob sich das Gegenüber nicht doch mal einen moralischen Fehltritt erlaubt. Dazwischen, dort, wo eigentlich ein Diskurs stattfinden sollte, herrscht gähnende Leere.

Derweil könnten sich doch beide Seiten einfach ein Stück aufeinander zubewegen. Es geht nicht um Gebote und Verbote, sondern wie immer um die goldene Mitte. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch auf diesem Planeten Verantwortung hat. Aber es steht mir nicht zu, mich deshalb als pseudomoralische Instanz über andere zu erheben. Der Welt ist schon geholfen, wenn jeder nur ein bisschen mehr macht als gestern und ein bisschen weniger über andere urteilt als vorgestern.

Es ist okay, dass wir einmal im Monat nachts um 3:00 Uhr die beste Käsekrainer der Welt am Schwedenplatz essen und es ist okay, wenn wir manchmal unsere Glasflasche zuhause vergessen und stattdessen beim Billa eine aus Plastik kaufen. Ihr müsst nicht nie wieder zum H&M gehen, geht einfach nur mehr halb so oft. Gebt eure besten 30 %, 50 %, 85 %! Und wenn es heute euer Bestes ist, Bananen nicht mehr im Plastiksackerl zu kaufen, dann ist das ein Anfang.

Magdalena auf Twitter: @mag_dalenaber

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