Was mir an Diskussionen über Nachhaltigkeit auf die Nerven geht

Weltretten_Nachhaltigkeit

Du weißt es ja eigentlich. Du sollst kein Fleisch essen, du sollst kein Plastik kaufen, du sollst nicht zu H&M gehen und du sollst nicht von Wien nach Berlin fliegen, wenn du auch den Bus nehmen kannst. In deiner Freizeit sollst du entweder Flüchtlingen Deutsch beibringen oder das Patriarchat zerstören. Wer 2017 nachhaltig leben aka ein guter Mensch sein will, hat einen ziemlich dicken Verbots- und Gebotskatalog zu befolgen.

Dieser Katalog ist manchmal so komplex, dass es sich anfühlt, als würde einem beim bewussten Konsumieren die Welt auf den Kopf fallen. Nicht nur, weil man an sich selbst die höchsten Ansprüche stellt, sondern vor allem auch deshalb, weil das gesamte Umfeld von einem erwartet, alles richtig zu machen.

“Hast du gerade ernsthaft bei Amazon bestellt? Lol. Ich dachte, du isst keinen Käse? Das ist aber nicht vegan.“

Im Februar ist mir eine schwarze Skinny Jeans gerissen und ich bin von Willhaben-Verkäufer zu Willhaben-Verkäuferin gefahren, um eine ähnliche Hose wiederzufinden. Mit dem Ergebnis, dass ich dann voller Reue das erste Mal seit inzwischen 1,5 Jahren einen H&M betreten und mir dort um 20 € eine Hose gekauft habe. An der Kasse habe ich mich ständig nervös umgesehen und bin später mit einem Gewissen, als hätte ich gerade drei Hundebabys ertränkt, nachhause gefahren. H&M ist der Feind und faire Mode eine meiner Herzensangelegenheiten. Ein Thema, zu dem ich mich äußere, öffentlich wie privat. Das bedeutet doch, dass auch ich selbst zu 100 Prozent konsequent sein muss, oder?

Ich kenne schließlich alle Fakten. Es ist nicht fair, dass eine Näherin in Myanmar 60 € pro Monat bekommt, nur damit ich mir ein T-Shirt um 5 € kaufen kann. Ein T-Shirt, das ich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit nicht brauche und das ziemlich sicher bei irgendeiner Freundin verstaubt im Kasten liegt, weil sie es nicht mehr trägt.

Aber trotzdem bin ich Studentin und lebe monatlich von einem Betrag, der es schlichtweg nicht immer zulässt, 90 € für eine fair produzierte Skinny Jeans auszugeben. Und ja, natürlich fällt es mir manchmal schwer, das zuzugeben. Aber wenn ich 8 von 10 Kleidungsstücken secondhand kaufe, möchte ich mir nicht von irgendjemandem vorwerfen lassen müssen, Double Standards zu propagieren.

Als ich letzten Herbst auf einem Vortrag von Bea Johnson, der Zero-Waste-Königin, war, lautete die erste Frage aus dem Publikum an sie sinngemäß: “Aber Sie fliegen doch. Wie können Sie nur?”

Bea Johnson produziert null Abfall und trotzdem wird sie gemaßregelt, weil sie auf einem anderen Gebiet nicht zu 100 Prozent perfekt ist. Menschen, die solche Fragen stellen, sind bestimmt auch die, die bei Demonstrationen am Weltfrauentag “keine Cis-Männer erlaubt” auf ihre Plakate schreiben.

MEHR: Schwarz-Weiß-Denken: Die Perfektionismus-Falle

Ich habe das Gefühl, dass die goldene Mitte selten das ist, was in Diskussionen über Nachhaltigkeit angestrebt wird. Es gibt gefühlt nur eine Hand voll Hardliner, die andere stetig für ihren Lebensstil kritisieren und jene Menschen, die sich davon sofort auf den Schlips getreten fühlen und in einer kindlichen Trotzreaktion beginnen, ihr Steak jetzt erst recht zu feiern.

Das andere Extrem ist jeglichen Diskurs mit “ich finde ja immer, jeder soll leben, wie er oder sie möchte” zum Erliegen zu bringen. Nach Jahren, in denen ich immer wieder versucht habe, mehr oder weniger vegan/vegetarisch (didn’t work out, ich bin kein einziges Label), Zero Waste (anstrengendste 5 Tage meines Lebens) und Sweatshop-free (das klappt zumindest großteils) zu leben, kann ich zu dieser Aussage aber eigentlich nur sagen: Sorry, ist aber auch nicht wahr.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch auf diesem Planeten Verantwortung hat. Wir sollen uns so sehr bemühen, wie wir eben können. Das bedeutet aber nicht, sich als pseudomoralische Instanz über alle anderen zu erheben. Und ja, natürlich ist es unbequem, seinen eigenen Lebensstil zu verändern. Mir macht das ja auch keinen Spaß, aber: Once you see it, you can’t unsee it.

Trotzdem geht es bei einem nachhaltigen Lebensstil nicht darum, sich immer und zu jeder Zeit zu 100 Prozent an einen selbst auferlegten Katalog zu halten. Let’s face it: Das ist nicht möglich. Und wir müssen es anderen Leuten auch nicht so verkaufen, als wäre es möglich. Reden wir darüber. Hören wir auf, so zu tun, als wären wir moralisch makellos.

Es ist okay, dass wir uns einmal im Monat nachts um 3:00 Uhr die beste Käsekrainer der Welt am Schwedenplatz essen und es ist okay, wenn wir manchmal unsere Glasflasche zuhause vergessen und stattdessen beim Billa eine aus Plastik kaufen. An 30 anderen Tagen im Monat haben wir die Möglichkeit, es richtig zu machen. Wir alle können unser Bestes geben und unser Bestes stetig steigern. Gebt eure besten 30, 50, 85 Prozent! Ihr müsst nicht nie wieder zum H&M gehen, geht einfach nur mehr halb so oft. Und wenn es heute euer Bestes ist, Bananen nicht mehr im Plastiksackerl zu kaufen, dann ist das ein Anfang.

Tags from the story
, , ,
More from Magdalena Berger

Wie lange können wir uns Skifahren noch leisten?

“Oh Austria, so … you like skiing?” ist der erste Satz, den ich...
Read More

3 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*