Gesellschaft

Wie uns die Philosophie dabei hilft, Fakten von Meinungen zu unterscheiden

Wo Expertise gefragt ist und wo sie diskreditiert wird, scheint heutzutage zunehmend beliebig

Wie uns die Philosophie dabei hilft, Fakten von Meinungen zu unterscheiden 8. Juni 20171 Comment

Redakteur

Der “March for Science” am 22. April zeigte einige Paradoxien in unserer Gesellschaft auf. In allen Teilen der Welt standen Wissenschaftler auf, um gegen das sinkende Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zu demonstrieren.

Einerseits leben wir in einer Zeit, in der sich viele Menschen zutrauen, selbst über die Faktenlage urteilen zu können. Bestes Beispiel hierfür ist die Kritik an Impfstoffen. Menschen entscheiden sich bewusst dagegen, Experten Glauben zu schenken und vertrauen stattdessen auf ein inneres Gefühl. Ähnlich verhält es sich mit der Homöopathie, dem Klimawandel oder Genderfragen.

Andererseits war das Vertrauen in (wissenschaftliche) Expertise nie größer, auch wenn wir das oft gar nicht wahrnehmen. Naturwissenschaft hilft uns Flugzeuge sicherer zu machen, Sozial- und Geisteswissenschaft ist unerlässlich in der Werbung aber auch in der Software-Technologie unserer Smartphones und Laptops. Wo Expertise gefragt wird und wo sie diskreditiert wird, scheint heutzutage also zunehmend beliebig.

Doch wo liegt eigentlich das Problem? In letzter Zeit, besonders seit der Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten, wurde eine Unzahl von Artikeln über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, oder genauer von Experten und Laien geschrieben. Die Philosophie kann uns hier vielleicht ein wenig Klarheit verschaffen. Das Problem liegt unter anderem in einem Fehler in unserem Demokratieverständnis.


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Demokratie hat immer etwas mit Abstimmungen zu tun. Die einen sind einer Meinung, eine andere Gruppe widerspricht dieser. Ein Widerspruch ist aber nur dann echt, wenn sich auf die gleiche Faktenlage geeinigt wird. Experten verhandeln diese Faktenlage in der wissenschaftlichen Community aus. Genau hier liegt die Wurzel des verkehrten Verständnisses.

Laien aus diesem Prozess auszuschließen sind einige praktische Überlegungen zugrunde gelegt. Fakten sind oft nicht über unseren normalen Sinnesapparat zugänglich. Ob die Kriminalitätsrate beispielsweise im Steigen oder Fallen begriffen ist, können wir nicht ohne Weiteres feststellen. Darüber können uns nur statistische Tests Aufschluss geben. Erst nachdem wir die Faktenlage geklärt haben, können wir darüber abstimmen, wie wir damit umgehen. Wir stimmen nicht über die Fakten ab, könnte man zusammenfassen, sondern über unsere Dispositionen. Wie stellen wir uns also verschiedenen Problemen wie etwa der Migration gegenüber?


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In den letzten Jahren hat es eine problematische Vermischung von Fakten und Dispositionen in der Politik gegeben. Das passiert, wenn Politiker über die Fakizität selbst entscheiden wollen. Diese Vermischungen passieren auf der ganzen Welt links wie rechts und Trump ist nur eine Instanz davon. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass er und die Klimaforscher sich nicht tatsächlich widersprechen. Trump selbst fehlt die Expertise, um überhaupt in den Diskurs eintreten zu können. Als Politiker ist er eben dafür zuständig, zu verschiedenen Themen Haltung zu beziehen (denen dann Handlungen folgen können), aber nicht, um über die Faktenlage zu entscheiden. Hier wird der Fehler im Demokratieverständnis augenfällig: Die Vermischung von Dispositionen und Fakten ist fatal für jede Form von echtem Widerspruch.

Als Laien sind wir im Alltag oft auf die Expertise von anderen angewiesen, ob wir das wollen oder nicht. Und eines ist klar: Wir sind in den allermeisten Fällen Laien. Selbst Wissenschaftlern muss dieser Status gegeben werden, sobald sie sich mit anderen Disziplinen beschäftigen. Die analytische Philosophie beschäftigte sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit dem Verhältnis von Wissenden und Unwissenden. Mehrere Fragestellungen sind dabei interessant. Sie alle kreisen um das Phänomen der rationalen Wissensübertragung. Wie kann ich aus dem Zeugnis eines anderen über die Welt etwas lernen, sodass ich etwas über die Welt weiß?

Um aus einer akzeptierten Aussage Wissen zu machen, sind theoretische Annahmen nötig. Ein Freund, der mir eine wichtige Information weitergibt, ist auf einem bestimmten Gebiet vertrauenswürdig. Einen Menschen als vertrauenswürdig aufzufassen kann in einem philosophischen Sinne als eine theoretische Annahme verstanden werden. Ohne theoretische Annahme bleibt die Akzeptanz der Aussage ohne jegliche Rechtfertigung.

Einige Punkte müssen festgehalten werden. Vieles von dem, was wir wissen, wissen wir durch die Zeugnisse anderer. Außerdem müssen wir uns selbst in den meisten Gebieten als Laien wahrnehmen, die nicht über die Faktenlage entscheiden können. Für unsere Demokratie ist es aber essentiell, dass es eine gemeinsame Faktenlage gibt, da wir sonst schwer in einen echten Dialog eintreten können. Wir müssen daher in vielen Gebieten auf Experten vertrauen. Die Relevanz des Gesagten ist in jedem Fall offensichtlich. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen vor ein paar Tagen verdeutlicht, wie wichtig es wäre, Fakten von den Haltungen, die man dazu einnimmt, zu unterscheiden.

Anmerkung des Autors: Aus Gründen der angenehmeren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten in diesem Kontext gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Jakob auf Twitter: @jakob_schott

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