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Kevin Durant und die Warriors: Die Geburt eines Überteams?

Mit ihm stehen die Warriors nicht nur vor dem Titel, sondern vielleicht auch vor einer dominanten Ära

Kevin Durant und die Warriors: Die Geburt eines Überteams? 9. Juni 20173 Comments

stv. Ressortleiter Sport

Nach einer 3:1-Führung in den letztjährigen NBA-Finals glaubten alle, die Golden State Warriors als sicheren Champion zu sehen. Doch dann drehten LeBron James und seine Cleveland Cavaliers auf und durften letzten Endes, nach einer packenden Finalserie über die vollen sieben Spiele, die begehrte Trophäe in die Luft halten. Die “Cavs” schafften damals das, was noch kein NBA-Team in den Finals zuvor geschafft hatte — nämlich nach einem 1:3-Rückstand zurückzukommen und drei Spiele in Folge zur Meisterschaft zu gewinnen. Eine denkwürdige Leistung, die eine emotionale und euphorische Meisterschaftsfeier in LeBrons Heimat Cleveland nach sich zog.


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Doch bekanntlich ist des einen Freud des anderen Leid. Der Schmerz und der Frust über die scheinbar leichtfertig hergegebene Meisterschaft saß bei den Warriors tief. Diskussionen über die Führungsqualitäten der beiden All-Stars Stephen Curry und Klay Thompson wurden laut. Es fehle an Abgebrühtheit und Erfahrung im jungen, wilden Team von Steve Kerr, so die Kritiker. Plötzlich waren die Warriors nach ihrer Rekord-Saison (73 Siege, 9 Niederlagen) einfach nicht mehr “Clutch” genug.

Doch hinter den Kulissen schmiedeten die Verantwortlichen aus der Bay Area bereits Pläne. So bitter die Finalniederlage auch war, eines stand fest: Im nächsten Jahr muss die Championship nach Oakland geholt werden. So begann das Gezerre um einen neuen Superstar. Dieser war schnell auserkoren. Kevin Durant fühlte sich bei den Oklahoma City Thunder nicht mehr gut aufgehoben.

Obwohl er gemeinsam mit Russell Westbrook den Warriors im Western-Conference-Duell alles abverlangt hatte, blieb das Gefühl, einem Team gegenüber zu stehen, das einfach einen Tick zu stark für Durants Thunder war. Der 26-jährige Forward war hungrig auf einen Titel und vom Ehrgeiz getrieben, zudem lief in diesem Jahr sein Vertrag aus. Als Free Agent konnte er sich sein neues Team de facto aussuchen.

Dass die Wahl dann auf die Golden State Warriors fiel, verwunderte kaum. Mit der Superstar-Riege um Curry, Thompson und Draymond Green sowie dem Anspruch, die Meisterschaft eigentlich schon ein Jahr zuvor (2016) gewinnen hätte zu müssen, war Golden State der erfolgsversprechendste Titelkandidat.

Der Hintergrundgedanke, das Team zu wechseln, um einen Titel zu gewinnen, ist nicht neu und folgt in der Welt des Profisports einer gewissen Legitimation. Nur mit dem Unterschied, dass im Fall von Kevin Durant einer der drei besten Spieler der Welt zu dem vermeintlich stärksten Team der Liga wechselte und somit eine Art Übermacht erzeugte, die es womöglich in der Geschichte der NBA bisher noch nicht gegeben hat.

Starke Teams, die ligaweit über mehrere Jahre dominieren, gab es zweifellos immer. Der kundige NBA-Historiker möge sich da nur an Michael Jordan und die Chicago Bulls aus den 1990er Jahren erinnern. Doch Fakt ist, damals als Jordan seine Bulls zweimal hintereinander zum Three-Peat führte und sich als bester Spieler der Welt unsterblich machte, war die Konkurrenz in der Liga wesentlich höher.

Heute stehen die Warriors kurz davor, eine ähnliche Dynastie aufzubauen. Wohlgemerkt ohne den vermeintlich besten Spieler (LeBron James) in ihren Reihen zu haben. Das macht den Unterschied zu den restlichen, eher schwachen Teams umso größer und zeigt, welches Potenzial in Durant und den Warriors steckt.

Diese Tatsache bekommen die Cavaliers in der aktuellen Finalserie nun bitter zu spüren. Trotzt eines überragenden James und eines groß aufspielenden Kyrie Irvings ist der Qualitätsunterschied eklatant. Mit temporeichem und cleverem Basketball schaffen es die “Dubs” immer wieder, Räume zu generieren und die Verteidigung zu binden. Daraus entspringt ihre eigentliche Waffe, mit der sie sich von allen anderen Teams der Liga unterscheiden: Der Dreipunktewurf! Keine andere Mannschaft trifft so gut und so konstant von außerhalb wie die Warriors. Mit schnellen Fastbreaks und uneigennützigem Passspiel bringen sie ihre Shooter in Position. Von denen haben sie so viele, dass es für den Gegner schlichtweg unmöglich ist, alle hochprozentigen Würfe zu verteidigen. Zudem fällt es auch nicht ins Gewicht, wenn einer von ihnen mal einen schlechten Tag erwischt (siehe Klay Thompson in Spiel 1).

LeBron hasn't seen a juggernaut like the Warriors before.

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Während sich die “Cavs” mit James und Irving immer wieder in Eins-gegen-Eins-Situationen verstricken und damit zwar meist erfolgreich, aber auch berechenbarer sind, verlieren die Warriors mit ihren vielseitigen Facetten und einer tiefen Bank kaum an Qualität. Zwei unterschiedliche Team-Philosophien und Spielweisen, die sich eigentlich egalisieren könnten, wie man bereits 2016 gesehen hat.

Doch die Warriors haben ihre Mannschaft seitdem um einen besagten Faktor erweitert, und dieser macht einen Unterschied, wie sonst kein anderer. Kevin Durant! Mit ihm hat es Golden State geschafft, ein Puzzleteil zu ergänzen, das vorher gefehlt hat. Denn KD ist in der Lage, da zu sein, wenn er gebraucht wird und in die Bresche zu springen, wenn das Spiel auf der Kippe steht.

Spiel 3 in Cleveland war ein Paradebeispiel dafür, welch Nervenstärke und Gerissenheit der 2,08-Meter-Schlaks mitbringt. Mit acht Punkten in Folge in den letzten anderthalb Minuten des Spiels brachte er seine “Dubs” zum wichtigen Auswärtssieg und zu der fast sicheren Vorentscheidung im Rennen um den diesjährigen NBA-Titel.

An eine abermalige Aufholjagd der “Cavs” glaubt wohl niemand mehr. Auch weil entscheidende Rollenspieler, die man als wichtige Impulse von der Bank extra noch verpflichtet hatte (Kyle Korver, Deron Williams), bisher nicht performt haben. Unabhängig davon, ob die Finalserie nun in vier oder fünf Spielen zugunsten der “Dubs” entschieden wird, was die Warriors in dieser Post-Season geleistet haben, ist geschichtsträchtig.

Wohin die Reise des Überteams aus Kalifornien geht, bleibt abzuwarten. Feststeht: Um in Zukunft eine Rolle im Kampf um den Championship spielen zu können, müssen die Cavaliers und die Herausforderer im Westen mächtig aufrüsten. Ansonsten erwartet uns wohl ein Jahrzehnt der Dominanz, wie wir es seit der Jordan-Ära nicht mehr erlebt haben.

Leonard auf Twitter: @leo_laurig

[Foto: GAMEFACE-PHOTOS/Flickr/CC BY-SA 2.0/Illustration von James P. Platzer]

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